Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 21 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 21 rveröffentlichungen |ä*J Hl der In Postsparkassen - Konto J» L„Union deutschösterreichischer Juden'4 | ■MJ^T»*n j I^SM^=i^=i^=i==^i===g==i^=B^=i^=i===i^=i Gegen die Verspottung und Verzerrung des Judentums. Die Berliner Schwestervereinigung der „Union deutschösterreichischer Juden", der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, bekanntlich die größte Organisation der deutschen Juden, veranstaltete am 22. April zwei gewaltige Protestkundgebungen gegen die Verhöhnung der jüdischen Religion und des jüdischen Wesens im Theater und Kabarett, eine im Westen, die andere im Osten Berlins. In beiden Versammlungen, die sich zu eindrucksvollen Kundgebungen gegen diese Schande gestalteten, wurde folgende Entschließung einstimmig angenommen: „Die am 22. April 1926 zu vielen Hunderten versammelten Mitglieder und Freunde des Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens legen Verwahrung ein seien die grobe Verhöhnung und geistlose Verzerrung jüdischen Wesens und jüdischer Einrichtungen in einer großen Reihe von Theatern und Kabaretts Groß-Berlins. Kein auf Ehre und Anstand haltender Jude sollte derartige Scheinkunst unterstützen. Die Versammlung ersucht den Centraiverein, den Kampf gegen die Auswüchse im Kabarett und Theater mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln durchzuführen. Die Mithilfe aller rechtlich Denkenden ohne Unterschied des Standes und der Religion ist dem Centraiverein sicher." Und wir in Wien? Haben wir uns bereits so daran gewöhnt, daß jüdische Komiker und Kabarettisten über die Einrichtungen und die Religion ihrer Glaubensbrüder öde Witze reissen, daß wir die darin liegende Entwürdigung gar nicht mehr empfinden? Nehmen wir es schon ganz und gar als etwas Selbstverständliches hin, wenn mauschelnde Kupletsänger mit ihrer eigenen Schande und der ihrer Brüder und Schwestern Geschäfte machen und um des Gelderwerbes wegen das. was manchen von uns heilig ist, lächerlich machen und in den Kot zerren? Wir halten uns den Bauch vor Lachen und amüsieren uns köstlich, wenn jüdisch sein sollende und besonders als ostjüdisch geltende Typen in rohester Verzerrung auf die Bühne gebracht werden, wenn Frechheit („Chuzpe") und betrügerische Schlauheit („jüdischer Dreh") als Inbegriff des jüdischen Wesens dargestellt werden, wenn Unanständigkeit und Manierlosigkeit als „echt jüdisch" hingestellt werden. Worte, die wir aus dem Munde von Nichtjuden als schwerste Beschimpfungen aufnehmen würden, die sind uns, wenn sie von jüdischen „Künstlern" auf offener Bülme gesprochen werden, ein Gegenstand der Heiterkeit, des Witzes und der Komik, über den wir uns weiter gar nicht aufregen. Wir sind eben bereits daran gewöhnt. Man schaue sich einmal das Publikum solcher Lokale an, deren Haupteinnahmsquelle die Entstellung und Verspottung jüdischen Wesens ist. Es besteht zu vierzig Prozent aus Juden. Und die restlichen sechzig Prozent? Hier beginnt die Verzerrung und Verspottung des Judentums aus einer innerjüdischen Angelegenheit zu einer Frage von viel weittragenderer Bedeutung zu werden, als es zunächst scheinen mag. Um es kurz zu sagen: Wenn wir uns vor uns selbst nicht schämen, so sollten wir uns wenigstens vor den Nichtjuden schämen, die niemals dulden werden, daß Einrichtungen ihrer Religion in ähnlicher Weise zum Gegenstand des Spottes gemacht werden. Wir wissen ganz genau, daß die verschiedenen Typen — der „kleine Moritz", „Frau Pollak" und wie sie sonst noch heißen mögen — besten- oder vielmehr schlechtesten Falles Uebertreibungen darstellen sollen, Auswüchse, die immer und überall vorkommen. Die nichtjüdischen Kreise jedoch erblicken in ihnen jüdische Typen und sind oft geneigt, die bei solchen unwürdigen und verzerrenden Darstellungen empfangenen Eindrücke zu verallgemeinern. Auf diese Weise wird — und das ist der springende Punkt in der ganzen Frage — von jüdischen Schauspielern und Kabarettisten selbst die Voraussetzung für antisemitische Anschauungen geschaffen und das nichtjüdische Publikum für das Gift der arischen Rassenschützler reif gemacht. Denn wenn die Juden selbst in dieser Weise über sich sprechen, wenn sie selbst ihren Charakter als schmutzig, falsch und verlogen darstellen, dann .... Die Fortsetzung ist in jeder beliebigen antisemitischen Zeitschrift zu lesen, in allen antisemitischen Versammlungen zu hören. Wir führen einen langen, aber — wir müssen es leider gestehen — bisher wenig erfolgreichen Kampf gegen das Gemauschel und Gejüdel im Theater und Kabarett. Wir werden nicht aufhören, dafür zu kämpfen, daß die Würde des Judentums überall und jederzeit — also auch von jüdischen Künstlern — gewahrt wird und auf die Gefahren hinzuweisen, welche die Verzerrung und Verspottung jüdischen Wesens für das Gesamtjudentum bedeutet und unablässig gegen die Indolenz und Gedankenlosigkeit — um kein schärferes Wort zu gebrauchen — jenes jüdischen Publikums auftreten, das sich über seine eigene Verhöhnung lustig macht. Für diesen Kampf ist uns das unerschrockene Vorgehen des Berliner „Centraivereines" ein mustergültiges Vorgehen, wobei noch bemerkt werden möge, daß dieser mannhafte Schritt von den angeblich so „würdelosen Assimilanten" erfolgte. Linzer Kultus wählen. Wählerversammlung der Jüdisch-demokratischen Partei. Am Sonntag, den 9. d. M., fand im kaufmännischem Vereinshause eine von der Jüdisch-demokratischen Partei einberufene Wählerversammlung statt, die einen überaus würdigen Verlauf nahm. Der starke Besuch und die rege Anteilnahme! waren nicht iw der „großen Sympathie, die sich diese Partei zu erfreuen hat, sondern vor allem den aus Wien erschienenen Gästen, Herrn Präsidenten der Union deutschösterreichischer Juden Dr. Jakob Ornstein, Herrn Vizepräsidenten Karl Fröhlich und Herrn Mied.-Rat Doktor Heinrich Haase,' zuzuschreiben, die mit Freuden der Einladung Folge geleistet hatten. Der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde Linz, Herr Fabrikant Benedikt Schwager, begrüßte die Herren aus Wien aufs herzlichste! und übergab sodann den Vorsitz Herrn Dr. Hermann Schneeweiß, Rechtsanwalt in Linz. Herr Med.-Rat Dr. Heinrich Haase sprach über „Judentum und Nationalismus". Die Union deutschösterreichischer Juden, die ein politischer Verein ist, hat sich die Abwehrpolitik und dem Rechtsschutz zur Aufgabe gemacht. Die Juden haben die politische Qeichberechtigung bis nun noch nicht ganz errungen, diese ist ein frommer Wunsch geblieben. Di© Ursache der Ungerechtigkeiten gegen das Judentum ist die Unwissenheit des Wesens des Judentums. Wir sind eine Religionsgenossenschaft und haben ein einziges Dogma, das Bekenntnis zum reinsten Monotheismus. Die Stellungnahme zur Frage des Aufbaues von Palästina behandelte der Redner folgendermaßen: Sie ist eine geschichtliche Notwendigkeit gewesen. Nach dem Kriege hat England das Mandat über Palästina und Syrien bekommen und hat sich bereit erklärt, den Juden eine Heimstätte zu schaffen. Wir nehmen den Standpunkt ein, daß wir auch dieses Bestreben als Herzenstrieb unterstützen, wobei wir aber alles Nationale ablehnen. Was geschieht aber in dieser Heimstätte? Namentlich bei der Jugend sehen wir eine völlige Abkehr von allem Religiösen, man sieht ein an Atheismus aufgehendes Fireidenkertum. Wir sehen, daß die Thora auf nationalem Boden verloren zu gehen droht. Es wäre notwendig, daß die Siedler sich ihrer religiösen Tradition lerinnern, da doch nur das religiöse Moment das einzig Einigende sein kann. Herr Dr. Haase führt ferner an, daß Palästina nur Platz für anderthalb Millionen Menschen bietet, während die anderen 12 Millionen in der Diaspora verbleiben müßten. Zum Schlüsse sagte der Redner: