Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 21 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3063992--14563-3082128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Zagreb 1× ep/1046069
OCR text
Sttte 6 DIC WAHRHEIT Hr. 21 Schlachtungsweise als ein hochwichtiges ReUgionsgebot betrachten und in dem Genuß des Fleisches anders geschlachteter Tiere eine Sünde erblicken, eine Ansicht, über die vom religiösen Standpunkte keinerlei Meinungsverschiedenheit möglich ist. Im Jahre 1900 erschien im Verlage der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eine Broschüre* die sich ausführlich mit der Widerlegung des in einer Ausschußsitzung des Wiener Tierschutzvereines erstatteten und angenommenen Referates beschäftigt Eine hervorragende Arbeit über die FTage" des jüdischen Schächtens ist dem Petersburger Forscher Dr. Dembo. zu danken, welcher die Resultate seiner mehrjährigen experimenteMen Untersuchungen auf diesem Gebiete der Berliner physiologischen Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat. Sehr belehrend ist der Abschnitt des Demboschen Werkes über die hygienische Bedeutung des Schächtens. Das Schächten ist 'tatsächlich die humanste Tötungsart Sie darf nur von solchen Personen ausgeführt werden, welche genaue Kenntnis der Schechita- und Trephagesetze besitzen und die oraktische Befähigung durch eine Prüfung erbracht haben. Diese Prüfung is* durchaus nicht leicht. Gewissenhaftigkeit Gründlichkeit, neben umfassendem Wissen anatomischer Veränderungen im Tierkörper, sind eine unbedingte Voraussetzung. Es ist dem Schochet zur Pflicht gemacht, stets einen Sachverständigen zu rufen, falls ihm eine Abnormität auffällt, die er nicht zu deuten vermag. Der oberste und wichtigste Grundsatz ist, daß das Tier, dessen Fleisch zum Genüsse zugelassen werden soll, g es wind und lebensfähig sein muß. Der Talmud kennt nicht die Konfiskation einzelner kranker Organe, wie dies bei der allgemeinen Fleischbeschau der Fall ist Es gibt bei uns nur ein Entweder — Oder. Entweder ist das ganze Tier gesund (koscher): dann ist es genießbar; oder es zeigt an irgend einem Organe irgendwelchen pathologischen Veränderungen: dann ist es verboten (trepha). Die diesbezüglichen Sanitätsgesetze faßt Leroy Beaulieu in folgendem zusammen: Wenn unsere Schlachthäuser unter der Ueberwacfaung eines Schochet stehen würden, so wäre zweifellos die Zahl der Krankheitfälle verringert und die mittlere Lebensdauer der Menschen würde verlängert werden. Anstatt von den Juden zu verlangen, daß sie auf die Unterscheidung von Koscher und Trepha verzichten, würde man besser daran tun, diesen Gebrauch von ihnen zu entlehnen. Ein weiteres Gebot verpflfichtet die Juden, auf den Genuß des Blut.es eines jeden Tieres zu verzichten. Dieses Verbot wurde mit dem größten Nachdruck eingeschärft: „Es soll eine ewige Satzung sein für eure Geschlechter, kein Blut dürft ihr essen in all euren Wotmsitzen. sei es vom Vogel oder Vieh, auf die Erde sollt ihr es gießen, wie Wasser". Bevor das Fleisch gekocht wird, muß es durch halbstündiges EinSegen ins Wasser von etwa anhaftendem Blute befreit werden, hierauf wird es an allen Seiten mit großkörnigem Salze dick bestreut, welches infolge seiner hygroskopischen Beschaffenheit das Blut aufnimmt. Das Fleisch bleibt noch eine Stunde liegen und wird schließlich reichlich begossen und abgespült um das mit Blut versetzte Salz wieder zu entfernen. Eine Erklärung für dieses Gebot finden wir in dem Satze: „Wer Blut verzehren wird, sei es ein Einheimischer oder Fremder, gegen den wird Gott sein Gesicht wenden, denn der Geist des Tieres ist in dem Blute." Diese Worte bezeugen, daß es die aufreizenden und moralisch nachteiligen Folgen des Blutgenusses waren, gegen welche dieses Verbot gekehrt war. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch die Tatsache, daß das Blut ein guter Nährboden für Bakterien, besonders für Fäulnisbakterien ist. Diese Bakterien zersetzen das B!ut in kurzer Zeit und schaffen durch die Zersetzung die Vorbereitungen zur weiteren Entwicklung von Bakterien der verschiedensten Art. Das Blut geht zuerst in Fäulnis über, und mit diesem dann das Fleisch. Diese Fäulnis erzeugt die so gefährlichen Fleischgifte, die schon in ganz geringen Mengen schwere Vergiitungserscheimmgen hervorrufen. Botulinusgift Die Vergiftung tritt manchmal bereits nach 24 Stunden nach Aufnahme der Speise, oft aber erst nach einigen Tagen auf unter Erscheinungen des Magen-, Dannkatarrhs. Pupillenerweiterung, Trockenheit im Halse, Tonlosigkeit der Stämme. Die Haltbarkeit des entbluteten Fleisches ist eine viel größere, als die des bluthältigen. Erst in der Gegenwart findet die altiüdische Hygiene ihre gerechte Würdigung. Die moderne soziale Gesetzgebung zeigt, wie die Not, diese unerbittliche, aber erfolgreiche Lehrerin der Menschheit, die Leiter der modernen Staaten zwingt, zu den hygienischen Grundsätzen der Bibel zurückzukehren. Hierhin gehört die in allen Kulturstaaten eingeführte * veterinärpolizeiiLiche Fleischbeschau, ferner die offizielle Marktaufsicht, sowie Gesetze gegen die Nahrungsmittel Verfälschung überhaupt.. — Die Uebeirwachung der Volksernährung ist eine wichtige Aufgabe dgs Staates geworden. Zum Schlüsse seien die beherzigenswerten Worte angeführt, mit welchen die hygienische Ausstellung in Dresden eröffniet wurde: „Die Geschichte der Hygiene zeigt uns eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Entwicklung der Menschen. Mit geradezu wunderbarer Klarheit erkannten die alten Kulturstaaten die außerordentliche Bedeutung der physischen Beschaffenheit der einzelnen Individuen für das Staatsleben. Sie folgerten, daß man, um das Volk gesund zu erhalten, den einzelnen Menschen nicht seinen Naturtrieben überlassen dürfe, sondern ihn planmäßig kultivieren oder nach Fichte: An die Stelle des freien Willens die strenge Notwendigkeit der Entschließung setzen muß." Dank seinen Verordnungen, seiner physischen Beschaffenheit und seiner hygienischen Einrichtungen steht das kleine Volk der Juden in ungeschwächter Kraft und im vollen Glänze da und nimmt dadurch nicht nur in kultureller, sondern auch in ethischer Beziehung den ersten Platz ein. (blossen. Für das Vaterland darf dem Patrioten kein Opfer zu groß sein. Nicht nur das Opfer an schnödem Geld. Selbst das Wort: „Süß ist es, für das Vaterland zu sterben," wird niemand wagen, als eine leere Phrase zu belächeln. Aber in der Regel meint man den Blut und Gut opfernden Patriotismus, der das eigene Leben, das eigene Vermögen in die Schanze zu schlagen bereit ist. Die Hingebung, die das Blut des anderen preisgibt, die Begeisterung, die das Gut des anderen 'mißachtet, dürfte vielleicht nur geringen Anspruch auf Bewunderung erheben. Die namhaften ungarischen Patrioten dieser zweiten Sorte, die jetzt im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses stehen, haben sich vielleicht mit der Hoffnung geschmeichelt, daß sie schließlich noch in Anerkennung ihrer Verdienste auf die Regierungsbank berufen werden müßten; sie sitzen — vorläufig wenigstens — auf der Anklagebank. * * * * Einer dieser Patrioten — die einen erkennen in ihm den sichtbaren Kopf der ganzen Francsfälschung, andere räumen ihm nur den bescheidenen Titel eines Schwachkopfes ein — hat übrigens schon die Freuden und Würden eines veritablen Ministers genossen. Prinz Windischgrätz saß zur Zeit der Monarchie schon auf der ungarischen Ministerbank, für die ein Prinz immerhin geboren erschien. Er soll sich damals sogar mit der Erwartung getragen haben, die noch größere Rolle des Ministers des Aeußeren übernehmen zu dürfen. Dazu wird es wohl nicht mehr kommen. Die wesentlichsten Punkte seiner Selbstverteidigung gipfelten bis jetzt, abgesehen von der Betonung patriotischer Motive, in Erklärungen wie: „Darüber will ich mich nicht äußern", „Darüber kann ich mich nicht äußern" oder „Darüber bin ich nicht in der Lage, mich zu äußern." Das sind allerdings nur Proben für die glänzende Befähigung zum Minister des Nichtäußer n. *~ & * * Mächtiger als die Position eines gewesenen Ministers war die Position des Landespolizeichefs Nadossi, der so viele Unschuldige auf den Platz gebracht hatte, den er jetzt als schuldbeladener/Ver-