Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 21 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 DIE WAHRHEIT Seite 5 flehentlichen Bittie sich zu wenden, sich ihrer, der Hilflosen, die zu ewiger Nacht und Finsternis verurteilt sind, 'anzunehmen und ihnen beizustehen. Sie begaben sich zum König, der in der Hauptstadt des Landes thronte, um ihm ihre Bitte persönlich vorzutragen. Des Augenlichtes beraubt und des Weges unkundig, irrten sie lange ziel- und planlos auf der Landstraße umher, ohne den richtigen Weg zu finden. Manche begannen unwillig zu klagen und zu murren, manche irrten vom Wege ab, stürzten und fielen und konnten sich nicht wieder erheben, manche wieder rieten, umzukehren und sich ihrem traurigen Schicksal zu ergeben und in Not und Finsternis weiter zu schmachten. Als sie so ratlos und verzweifelt und uneinig dastanden, vernahmen sie plötzlich Schritte herannahender Menschenscharen. Sie baten und beschworen die Vorüberziehenden, ihre Führung zu übernehmen und säe auf den Techten Weg zu bringen. „Liebe Freunde," erwiderten die 'Angesprochenen, „auch wir sind gleich euch Opfer des Krieges und djes Augenlichtes beraubt; auch wir sind des Weges unkundig und irren seit langem ziellos umher. Wie sollten wir eure Führer werden, da wir selbst keinen Ausweg finden! Warten wir geduldig; bis wir Khiderstimmen hören. Die Jugend, die vom Kriege verschont geblieben und deren Blick ungetrübt ist, sie allein kann und soll unsere Führung übernehmen und uns den Weg zeigen, der zum gütigen König führt" Neunzehnhundert Jahre fast dauert bereits die finstere Nacht des „Galiut" an, neunzehnhundert Jahre schon irren wir ziel- und planlos in einer feindlichen Welt umher, von Ort zu Ort von Land zu Land und finden nirgends Ruhe und Rast, nirgends einen Ausweg aus unserer Leidenswelt nirgends den We^g, der zu Licht und Freiheit führt. Der ewigen Wanderung müde, klagen und murrten wir und bilden Parteien und Gruppen, um uns gegenseitig zu bekämpfen und einander zu zerfleischen, viele, des Irrens und Kämpfens müde, schlagen eigene Wege ein und fallen und stürzen und sind — für uns verloren .... Nun vernehmen wir plötzlich Kinderstimmen, die Stimme der Jugend, die bereit ist, uns den Weg, den einzigen und richtigen Ausweg zu zeigen, uns zu führen aus Nacht und Not zu den sonnigen Höhen, wo Freiheit herrscht und das Recht (waltet Sollen wir »uns ihrer Führung blindlings anvertrauen, ihnen auf allen Pfaden folgen, die sie einschlagen und als die richtigen erklären? Unsere Weisen raten zur Vorsicht Sie meinen, die Jugend lasse sich zuweilen von dem Feuer der Begeisterung zu manchem hinreissen, was einem Niederzissen und Zerstören gleichkommt Oft bedeutet das, was die Jugend „Aufbauen" nennt, nichts anderes als Zerstören, und es gibt Zerstörungen, die nicht wieder aufgebaut werden können. Wir müssen uns daher Klarheit verschaffen über den Weg, den wir einzuschlagen haben. Dieser Weg ist bereits vorgezeichnet; es ist derjenige, der zum König aller Könige, zu Gott, zu unserer Religion, zum hl. Väterglauben führt, uns zur Thora und zum alten Judentum zurückführt. Diesen Weg, wenn ihn die Jugend einschlägt, wollen wir gehen und uns willig ihrer Führung anvertrauen. „Wenn sie sich ganz zu meinem Volke bekennen und Kinder sind, die Treue bewahren, dann wird Er ihnen helfen . . . und sie führen und leiten alle, Tage der Ewigkeit." (Jes. 62. V. 8. 4.) Nahrungsmittelhygiene der Juden. Von Tierarzt Dr. Friedrich Schick. ■ k (Schluß.) Den Glanzpunkt der talmudischen Gesetze, die sich auf die Gesundheitspflege beziehen, bilden die Vorschriften über die rituelle Fleischbeschau. Was versteht man im allgemeinen unter Fleischbeschau? Es ist dies die sanitätspolizeiliche Kontrolle dier Schlachttiere auf ihren Gesundheitszustand vor und nach der Schlachtung. Kurz und bündig, aber ifür den Juden unbrauchbar. Und was versteht der Jude unter Fleischhygiene? Die Wahl der dem Menschen zuträglichen Tiergattung; weiters die Tiere nach einer bestimmten Vorschrift zu schlachten und unter den geschlachteten nur die absolut gesunden für den Genuß zu bestimmen. Die Fleischhygiene verpflichtet die Juden, das so sorgfältig gewählte Fleisch in einer bestimmten Weise zu präparieren; sie lehrt welche Speisen zusammengekocht und welche bei einer Mahlzeit zusammen gegessen werden dürfen. Was zunächst die Wahl der Tiergattung betrifft, so ist es Gebot daß das Fleisch von einem Tiere stamme, welches „rein" sein muß. Rein sind nach dem Gesetze drei Arten zahmer Tiere, und zwar Rind, Schaf und Ziege, und sieben Arten Hochwild. Ihre gemeinsamen Merkmale sind: Das Wiederkauen und der vollkommen gespaltete Hut Von Geflügel sind nur die Gans, die Ente, das Huhn, der Truthahn und die Taube rein. Man darf jeden Vogel essen, der nicht mit den Klauen einbaut der sich nicht von Aas und Sumpttieren nährt., der einen Kropf und Sporen hat und dessen MageiiscMeimhaut abziehbar ist Von den wildlebenden ist demnach nur das Rebhuhn gestattet, während Wildente, Wildgans verboten ist aber auch das Perlhuhn darf nicht genossen werden. Von den Fischen nur diejenigen, die Flossen und sichtbare Schuppen haben. Aal ist demnach verboten; vielleicht auch deshalb, weil manche Arten in ihrem Blute ein heftiges Gift haben, nämlich den Eiweißstoff Ichtyosis. Amphibien und Weichtiere sind verboten; also Austern sind nicht gestattet. Bekanntlich sind Austernvergiftungen wegen des in ihnen vorkommenden Giftes Mytüotoxin, nicht selten. Die Bezeichnung „rein" ist treffend gewählt. Nach den Forschungen der Parasitologie, <L i. der Lehre von den im Tierkörper vorkommenden Schmarotzer, die das Leben des .Menschen gefährden, sind die für den Genuß erlaubten Tiergattungen tatsächlich rein. Alle anderen, vom jüdischen Standpunkte als unrein bezeichneten, beherbergen eine Anzahl Parasiten, ganz besonders das Schwein. Ich erinnere wieder an die Finne, aus der der gefährliche Einsiedlierbandwurm entsteht und an die Trichine, welche die noch gefährlichere Trichinosis erzeugt Vierfüßler und Vögel müssen in vorschriftsmäßiger Weise geschlachtet werden. Bei dem Haß. mit welchem das Judentum von altersher verfolgt wurde, darf man sich nicht wundern, daß die Juden durch dieses Gesetz viel zu leiden hatten. Man wollte ihnen diese traditionelle Uebung unter den verschiedensten Titeln, die alle einen antisemitischen Anstrich hatten, verbieten. Tierschutzvereine verschiedener Staaten lenkten ihre Aufmerksamkeit auf die Art der Schlachtung, die bei den Juden vorgeschrieben ist. Die Eigenartigkeit des Schächtens gab dem Antisemiten Anlaß, in die Agitation der Tierschutzvereine einzugreifen. Die antisemitische Tendenz zegte sich in dem Vorwurfe, daß L die Juden eine Ausnahmsstelhsng für sich beanspruchen, und 2. daß das jüdische Schächten eine Tierquälerei sei, eine grausame Art der Tötung, die jedem Gefühle Hohn spreche. Die größten Autoritäten auf anatomischem, pathologischem, physiologischem und hygienischem Gebiete widerlegten in einwandfreier Weise diesen Vorwurf. Sie sind von der Berechtigung dieser Jahrtausende alten Tötungsart durchdrungen und bekräftigen, daß die Juden im Schächten eine Maßregel von hervorragend hygienischer Bedeutung besitzen. Erwähnenswert sind an erster Stelle die Verhandlungen im deutschen Reichstag. Die Tierschutzvereine Deutschlands wandten sich im Jahre 1884 an den Reichstag mit einer Forderung, welche den Zweck verfolgte, den Juden das Schächten zu verbieten. Sie behaupteten, daß das Schächten, wenn auch ein durch langjähriges Herkommen ehrwürdiger Brauch, so. doch als keine feste bindende religiöse Satzung zu betrachten sei. Im Jahre 1885 und 1886 wurden gleichlautende Petitionen eingereicht Der Bericht der Petitionskommission gab 2025 jüdischen Gemeinden Veranlassung, ' an den Reichstag die Bitte zu richten, über diese Eingabe zur Tagesordnung überzugehen und die Gewissensfreiheit der Bekenner jüdischen Glaubens zu schützen. Im Jahre 1887 erfolgte die Beratung im Plenum des Reichstages. Der Abgeordnete Dr. Windhorst setzte sich in längerer Rede in bestimmtester Weise dafür ein, daß das Schächten keine Tierquälerei sei und man sich hüten möge, in alte Gebräuche einzugreifen. Der Antrag Windhorst auf Ablehnung der Vorlage wurde angenommen und damit die Gefahr eines reichsgesetzlichen Einschreitens gegen das Schächten beseitigt Größeren Erfolg hingegen hatte die antisemitische Agitation in Sachsen. In Preußen erfolgte im Jahre 1893 ein Verbot welches aber bald wieder aufgehoben wurde. In der Schweiz wurde das Schächten verbotea Im Jahre 1899 wollte der Wiener Magistrat auf Grund eines Stadtratbeschlusses gegen das Schächten einschreiten. Die Kultusgemeinden Oesterreichs erklärten in einer Eingabe, daß alle strenggläubigen Israeliten die im jüdischen Ritus begründete