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Die Wahrheit · 1926-05-14 · Heft 21 (14.5.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 21 (14.5.1926)
Date
1926-05-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Nr. 21 ■rt* diesen Zeitpunkt schon ihr Bestes geleistet/ die höchste Stufe ihrer politischen Entwicklung und Kulturhöhe erklommen oder bereits überschritten. Ihre Nationalität ist viel, viel älter als ihre Religion. Ihr vorchristliches Religionswesen haben sie noch lange nicht überwunden und oftmals bricht es durch die christliche Hülle hervor, daß die berufenen Führer stutzig werden. Ja, die Nationalisten z. B. unter den Deutschen verlangen offen und ehrlich die Abschaffung der fremden Religion und Wiedereinsetzung des Thor- und Odinkultes. Christliche Religion und Volkstum sind völlig getrennte und von einander unabhängige Dinge. Wie ganz anders verhält sich die Sache bei den Juden! Gewiß hat es auch bei ihnen eine vorreligiöse, sagen wir: vorsinaitische Geschichtsepoche gegeben, und die Bibel hat mit Bewußtsein genug greifbare Spuren davon aufbewahrt. Aber als Volkstum, als historische Wesenheit, mit dem Bewußtsein ihrer Eigenart, mit einem nationalen Ziel vor Augen, treten die Juden nicht früher in die Geschichte, als bis sie die Träger der jüdischen Religion geworden. Erst in diesem Moment tritt ihr „nationales Bewußtsein" in die Erscheinung, fängt ihre kulturelle Tätigkeit an, ein eigenartiges Gepräge zu tragen. Alles Vorhergehende sinkt fortab unter die Schwelle des nationalen Bewußtseins, fällt völlig der Vergessenheit anheim, oder wird durch den Kampf der vorexilischen und exilischen Propheten gänzlich zerstört. Fortab bildet das jüdische Volk mit seiner Religion eine unlösbare Einheit. Alle Einzelnen und Gruppen, die sich von der jüdischen Religion losgelöst haben, sind spurlos in der nichtjüdischen Welt untergegangen. Christliche, mohammedanische Juden, oder auch konfessionslose, freireligiöse Juden, mag es wohl als Kuriosum, als sonderbares Naturspiel, dem keine Dauer beschieden ist, gegeben haben, aber dieses Naturspiel war nicht fortpflanzungsfähig, und verschwand alsbald vom Schauplatz. Das wird ganz gewiß auch das Ergebnis einer Propaganda sein, die in unserer Zeit darauf losgehen würde, ein „rein nationales", religionsloses oder religionsfreies Judentum zu schaffen. Die Schlagworte aus dem vergangenen Jahrhundert wirken noch heutzutage so stark nach, daß es in gewissen Kreisen als unstatthaft gilt, wenn ein, Jude von den Juden als seinen Glaubensgenossen spricht. Stammes- oder Volksgenossen soll er. sagen, sonst ist er ein Rückschrittler. Der Stamm ist etwas Naturhaftes, Unbewußtes, der Glaube etwas Geistiges im eminenten Sinne Bewußtes. Eine Gemeinschaft, die im Namen des Glaubens verbunden ist, steht also ungleich höher als eine Stammesgemeinschaft. Den Inhalt unseres Glaubens aber bildet eine so großartige Reihe von Vorstellungen, die höchsten Dinge und tiefsten Fragen betreffend, daß allein schon ihr Vorhandensein im Bewußtsein der Menschen ein starkes, unzerreißbares Band bildet, ohne Rücksicht darauf, ob sie mehr oder weniger von der Skepsis angenagt werden. Die Stimmungen, Gesinnungen, Hoffnungen und Wünsche, die aus dieser religiösen Vorstellungswelt fließen, ketten die Menschen über die Kluft von Jahrhunderten, über 'die Entfernung von Ozeanen und Weltteilen, viel stärker aneinander als alle nationalen Ingredienzien, z. B. gemeinsame Sprache, und sogar gemeinsames Zusammenwohnen unter demselben staatlichen Dach. Als nach dem Frieden von Versailles über die Provinzen Deutschösterreichs schlimme Zeiten hereinbrachen, schlössen sich die einzelnen Länder gegen einander und alle zusammen gegen Wien so hermetisch ab, als wären sie von fremden, feindlichen Nationen bewohnt. Ein Wiener konnte einige Jahre lang nicht in Steiermark, ein Steirer nicht in Salzburg eine Wohnung mieten oder einen Laden eröffnen. Und doch zweifelt kein Mensch, daß alle diese Länder von derselben Nationalität bewohnt sind, dieselbe Sprache reden: und sechs Jahrhunderte waren sie Mitglieder desselben Staates und von derselben Dynastie beherrscht. Die nationalen Prinzipien haben diese Menschen nicht vor dem Auseinanderstreben gehindert. Die einen strebten nach einem Anschluß an Bayern-Deutschland, die anderen an eine vorgespiegelte Donauföderation, und keiner kümmerte sich um das Schicksal des anderen Teils. Warum aber erbebt das jüdische Herz in Johannesburg, wenn man Juden in Charbin massakriert, und warum sammeln die Juden in Amerika Millionen Dollar, um den Juden von Polen und der Ukraine die Gründung landwirtschaftlicher Kolonien in Palästina zu ermöglichen? Doch nur darum, weil im Unterbewußtsein des südafrikanischen Juden das „Sch'ma Israel" wiederhallt, das der Jude, der 'in Sibirien wohnt, morgens und abends seit Jahrtausenden gesprochen hat; weil der Jude in Amerika, vielleicht unbewußt, unklar, in stillen Stunden, bei der Erinnerung an das, vielleicht schon lange nicht gesprochene Olenu-Gebet, von derselben messianischen Stimmung wie der polnische oder ukrainische Glaubensgenosse durchschauert wird, und am Freitag abends dieselbe, wenn auch unerfüllte Sabbatsehnsucht empfindet. Und wenn diese diversen Juden zusammenkommen, so werden sie sich, wenn überhaupt, nur in einer fremden Weltsprache verständigen können. Gleichwohl werden sie sich als Brüder innig verbunden fühlen durch jene Regungen religiöser Natur, denen alles Nationalpolitische durchaus fehlt. Würde es unserer Zeit gelingen, diese Regungen zum Absterben zu bringen, wären wir dann sicher, daß diese brüderlichen Gefühle in einer fernen Zukunft noch bestehen würden? Unsere Führer.*) Eine Betrachtung zum Schabuothfeste Eine furchtbare Schlacht ward geschlagen und ein blutiger Krieg, der sich in die Länge zog, fand sein Ende. Alle Bewohner des Landes atmeten! erleichtert auf. alles jauchzte und jubelte, daß dem Morden Einhalt geboten wurde. Viele beklagten den Verlust treuer Angehöriger, viele den Verlust ihrer Habe, die dem wütende» Kriege zum Opfer fiel. Am träurigsteni war das Los jener, die schwer verwundet vom Schlachtfelde zurückkehrten, namentlich derjenigen, die infolge erlittener Verletzungen dauernden Schaden an ihrer Gesundheit erlitten haben» Zu diesen gehörte die große Schar der tapferen Krieger, die der edlen Himmelsgabe, des Augenlichtes, beraubt, keinen Erwerb fanden und sich der Not und dem BlenJd preisgegeben sahen. Diese beschlossen, an den König ihres Landes, dessen Güte und Barmherzigkeit allgemein gepriesen wurde, mit der *) Aus dem interessanten Werke „Gleichnisse und Parabeln". Brünn 1925, des bekannten Homiletikers Rabb. Dr. F. Kanter in Zwittau, Mähren,

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