Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 21 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 DIE WAHRHEIT Seite 3 Daß diese Frage überhaupt aufgeworfen wurde, verdankt man der Absen wächung des religiösen Geistes, die etwa um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts in ganz Europa einsetzte und der oberflächlichen Beobachtung das bevorstehende Ende aller Religion überhaupt zu prophezeien schien. Fast gleichzeitig erwachten im Süden und im Osten Europas eine ganze Reihe eingeschlafener Völkerschaften zu nationalem Leben, holten ihre Sprachen und verkümmerten Literaturen aus halber Vergessenheit hervor und stellten sogar staatspolitische Ansprüche, von denen manche auch teilweise Erfüllung fanden. Kein Völkchen war so klein, es wollte nicht ein Staatlein sein. Diese Strömung, in der Hauptsache angefacht von Napoleon dem Dritten, hat noch Jahrzehnte nachher der Weltpolitik die Signatur gegeben und ihren Ausdruck in der Wilsonschen Formel von dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker" gefunden. Freilich schuf der auf Grund dieser Formel geschlossene Friede eine Reihe von neuen Staaten, die auf der krassesten Vergewaltigung dieses Selbstbestimmungsrechtes aufgebaut sind, und deren Lebensfähigkeit sich erst erproben muß. Und es hat den Anschein, daß der Nationalismus in Europa jetzt den Höhepunkt überschritten hat und anfängt, sich abwärts zu neigen. Vielleicht ist seine Dämmerung nicht mehr fern. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aber füllte dieses Schlagwort die Herzen mit einer namenlosen Begeisterung und riß die Menschen zu wirklich fruchtbaren, aufbauenden Taten hin. Es ist also kein Wunder, daß dazumal unter den Juden eine Richtung entstand, die sich sagte: da das Ende der Religion gekommen ist, so ist der Fortbestand des Judentums, das seine Sache auf die Religion gestellt hat, ernstlich bedroht, das Judentum wird verschwinden, die jüdische Gemeinschaft sich auflösen, wenn wir uns nicht rechtzeitig in das Reich der Nationalität retten, die jetzt eine aufblühende, vielverheißende Macht ist. Die Sechziger jähre des 19. Jahrhunderts sind die Entstehungszeit des jüdischen Nationalismus. Ein Juden Staat schwebte ihm nur ganz fern vor, als duftige Fata Morgana. Und nun vollzog sich langsam die Verschiebung des Schwerpunkts des Judentums vom Religiösen in das sogenannte Nationale, so daß man in gewissen extremen Kreisen bis zu einer förmlichen Negation des religiösen Judentums gelangte. Besonders dort, wo der Zionismus sich mit dem Sozialismus berührt (namentlich in den Kreisen der P o a 1 e z i o n i s t e n), legt man Gewicht darauf, in Wort und Tat eine feindselige Haltung dem religiösen Prinzip gegenüber zur Schau zu tragen. Das geschieht weniger aus wirklicher Feindschaft, als aus einem gewissen Selbstbewußtsein heraus, welches zu uns spricht: „Seht, so fest und unerschütterlich steht unser Judentum, daß wir uns sogar erlauben dürfen, die Religion, die als seine einzige Stütze galt, für nichts zu achten." Auch läßt man sich dadurch den Nationalismus verzeihen, der doch im Grunde dem Sozialismus widerstreitet . . . Eins nur beachtet man in diesen Kreisen nicht, oder übersieht es geflissentlich: ein Jude, der sich öffentlich-rechtlich von der jüdischen Religion lossagt, wird auch v,on ihnen nicht mehr als Jude betrachtet; er hat offenbar in ihren Augen nichts mehr an sich, das ihn als Juden noch charakterisiert. Dadurch gerät der extreme jüdische Nationalismus mit sich selber in harten Widerspruch. Allein die Frage nach der Priorität des Religiösen oder des Nationalen im Judentum konnte nur entstehen infolge einer wenig gründlichen Unterscheidung zwischen dem Verhältnis der jüdischen Religion zu ihren Bekennern und dem der christlichen Bekenntnisse zu den ihrigen. Kein Volk des europäisch-christlichen Kulturkreises besitzt eine eigene Religion (es sei denn in Form des in die christliche Periode hereinragenden Kryptoheidentums). Das Christentum ist allen diesen Völkern von außen hineingetragen worden zu einer Zeit, als sie schon längst eine Nation waren. Manche hatten um „nach der Ordnung und nach den Zeichen, die ihnen ihr Stammvater für das Tragen seines Sarges bestimmte". Der heidnische Zauberer Bileam hat diese Ordnung noch gesehen und sie hat einen solch mächtigen Eindruck auf ihn gemacht, daß er seine Angriffe auf Israel unterließ. Wenn später als Wunder erzählt wird, daß die Volksmenge am Tempelberge, so dichtgedrängt sie auch stand, dennoch stets Platz genug hatte, sich niederzuwerfen, so ist dies gewiß der wunderbaren Ordnung zuzuschreiben, in die sich jeder zwanglos einfügte. Tatsächlich weiß der Talmud auch von der Ordnung zu berichten, die beim Darbringen der Pessachopfer herrschte, und die bei dem gewaltigen Andränge der Opfernden die ordentliche Abwicklung des Dienstes ermöglichte. Auch von dem großen alexandirinischen Tempel wird berichtet, daß dort bereits eine festbestimmte Sitzordnung bestand. Es kann kein Zweifel bestehen, daß Israel in alter Zeit zu den Völkern gezählt werden durfte, die mit Ordnungssinn und Ordnung ausgestattet waren. Daß dieser Ordnungssinn später in der Diaspora bedenklich gelitten hat, und „die jüdische Ordnung" eigentlich zum prägnanten Ausdruck für deren Gegenteil geworden ist. wird gerne behauptet und wird sich nicht leicht abstreiten lassen. Ist doch „JudenschuP" wie etwa die berühmte „polnische Wirtschaft" zu einem geflügelten Wort geworden, das den Inbegriff von Unordnung und Unruhe bedeutet. Nichtsdestoweniger kann man nicht leugnen, daß die ursprüngliche Veranlagung zu Ordnung — so merkwürdig es klingen mag — sich bei den Juden sehr lebhaft erhalten hat. Gibt es doch kaum ein Sittenbuch oder liturgisches Handbuch, das sich nicht über die Verpflichtung im Gotteshause Ruhe und Ordnung zu halten, weitestgehend ausließe. Man kann beruhigt behaupten, daß es wohl keinen Prediger gegeben hat und gibt, der seine Zuhörer nicht über die Pflicht der Ordnung im Bethause kräftiger oder .milder belehrt hätte. Diese unablässige Bemühung, die sich Jahrhunderte zurückverfolgen läßt, ist der deutlichste Beweis dafür, daß der Sinn für Ordnung im Judentum keineswegs verlorengegangen ist. sondern vielmehr sich immer wieder zu Wort gemeldet und geltend gemacht hat. Mögen die Uebelstände groß gewesen sein:, die Ansprüche, die die jüdischen Volkserzieher an ihre anvertraute Herde stellten, waren nicht minder groß, die äußeren Umstände, die dem raschen Erfolge im Wege standen, zahlreich und schwierig. Das vierte Buch der Thora schließt mit der Aufzählung aller iener Stationen, die Israel durchwandert hatte. Die jüdischen Weisen haben ein Gleichnis gebracht, um den Zweck dieser Aufzählung zu erklären. Ein Vater reist mit seinem kranken Kinde in eine Stadt, um es heilen zu lassen. Auf dem Rückwege erinnert der Vater das Kind» wenn sie an den Orten wieder vorbeikommen, was es da und dort erfahren hat. wie es an einem Orte Geschenke bekommen, an dem anderen Orte Schmerzen gelitten» hat. Es ist gut, wenn jeder, der Israel beurteilt, dieses Gleichnisses gedenkt. Spricht man von .jüdischer Ordnung", so darf man nicht vergessen, was sich in all den Stationen der Diaspora zugetragen hat, und man wird zugestehen, daß nach solcher Reise wunderbar viel Ordnungssinn geblieben ist. Wenn diese Reise die Ordnung nicht ganz ertöten konnte, so muß Israel der Ordnungssinn angeboren gewesen sein. K. majsa -me zs ■ ■st^nr^nFS/j umAimm ~- gC^'VVggp^'^^^^''''^^^!i^^