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Die Wahrheit · 1926-05-14 · Heft 21 (14.5.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 21 (14.5.1926)
Date
1926-05-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 21 samen Gesetze Hadrians, noch Judenordnungen, Ausnahmsgesetze aller Regierungen, noch Inquisitionsgerichte, Vertreibungen und Scheiterhaufen zerstören konnten. Das Erbe vom Sinai zog mit uns von Land zu Land, und dadurch blieben wir, wo immer auf Erden, geistig im Lande Juda, blieben Juden. Wollten wir selbst dies nicht glauben, so müßte uns der Kriegsplan unserer Gegner von der Richtigkeit dieser Tatsache überzeugen. Warum erließ Rom das Verbot, die Thora zu lehren und zu lernen; warum wurden Gesetzeslehrer verfolgt und martervoll getötet; warum die heiligen Rollen, der Talmud und die jüdischen Bücher auf Scheiterhaufen verbrannt; warum eine Zensur eingesetzt, die unser Geistesleben einengen sollte? Die Antwort darauf ist die richtig erkannte Tatsache, daß man Israel erst dann wirklich verjagt, heimatslos macht und dem Untergange preisgibt, wenn man seine Gotteslehre, sein Geistesleben, seine Wissenschaft und Forschung ausrottet und Vernichtet. Trotz aller Bemühungen ist es den Gegnern nicht gelungen, die „wandernde Heimat" dem Juden zu zerstören, und so lange sie der Begleiter Israels auf seinem Wege durch die Weltgeschichte bleibt, wird es nie heimatslos sein, Wann immer unser Volk auf dem Boden seiner Väter versammelt sein wird, dankbar muß es sein jenem Tage, da ihm das göttliche Buch gegeben war; denn es war Israels Heimatschein, der sagte, woher dieses Volk kam, wohin es gehört, was sein Beruf und seine Bestimmung auf Erden ist. Dieser Heimatschein ist weder verjährt noch ungültig, wenn wir selbst ihn nicht ungültig machen. Ob wir einziehen in die alt-neue Heimat im Lande der Väter, ob wir bleiben werden im Galuth, unseren Heimatschein dürfen wir nicht verlieren. Das heißt: Wir sind das Volk der Thora, sind auf Gedeih' und Verderb, auf Tod und Leben mit der Religion, dem Geistesleben, den Schicksalen dieses Buches verbunden. Daran ändert sich nichts, ob man es zugibt oder bestreitet. Einst sang ein Dichter: „Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Schluft, Der Mensch die Heimat —, Juda nur die Gruft!" Er hat Unrecht, denn Juda hatte immer besessen seine „wandernde Heimat", die weder Grab noch Gruft, wohl aber Lebensquell seinem Geiste und Körper war. Jadischer Nationalismus und jüdische Religion. Von Binjamin Segel. Seit langem tobt der Streit darüber, ob wir Juden „bloß" eine Religionsgenossenschaft oder eine Nation, mindestens eine „Nationalität" seien. Was ist es, das uns zu einer Einheit führt, zu einer besonderen Wesenheit zusammenhält, die sich von der Umwelt deutlich unterscheidet, und den Willen zu dieser besonderen Wesenheit immer von neuem unerschütterlich bekundet? Ist es die jüdische Religion, oder ist es etwas anderes, unbestimmtes, das man mit dem Namen Nationalität bezeichnet? Mit anderen Worten: ist es für das Judesein wesentlich, sich zur jüdischen Religion zu bekennen und in ihrem Geiste zu leben, an ihrer Entwicklung und Erhaltung zu arbeiten — oder aber, ist dies vollkommen gleichgültig, und wichtig ist nur all das andere, welches bei allen unfraglichen Nationen oder Nationalitäten in vollentwickelter Gestalt, bei den Juden aber nur rudimentär oder primitiv anzutreffen ist: eine eigene Sprache, die aber seit zweitausend fahren nicht gesprochen wurde und die von den Juden wie eine fremde erst erlernt werden muß; ein Land, in dem aber noch nicht ein halbes Prozent der Gesamtjudenheit wohnt und im besten Falle ein Viertel oder ein Drittel der Judenheit wird einmal wohnen können, eine Menge von gemeinsamen Erinnerungen, Stimmungen, Hoffnungen, die aber alle 'aus dem Geist der Religion geboren sind, und sobald diese versagt, sofort in Nichts zerflattern? ... Ordnung. Jeder bei seiner Fahne, nach dem Zeichen ihres Stammhauses sollen die Israeliten lagern. IV, 2, U. Das Buch der Thora, das mit dem Worte ..In der Wüste" überschrieben ist. schildert vielfach die Schwierigkeiten, die Moses als Führer mit dem Volke hatte, dessen Eigentümlichkeiten und Schwächen, und berichtet von Vorkommnissen und Ereignissen, die stark auf die Eigenart des Volkes schließen lassen. Darum ist es beachtenswert, daß sich dieses Buch gleich auf den ersten Blättern mit der Zählung der wehrhaften Männer, mit der Lagerordnung, mit der Zählung der Leviten und ihrer Dienstordnung befaßt. Große Menschenmassen werden sich unter allen Umständen, namentlich auf Wanderungen, Reisen und in allen außergewöhnlichen Verhältnissen in um so größerer Sicherheit befinden, je straffer und fester die Ordnung ist, in der sie sich bewegen. Diese Weisheit leuchtet jedermann ein. Unsere Alten sagen zu der Stelle „Jeder zu seiner Fahne", daß Gott dadurch Israel eine besondere Liebe bewiesen hat, daß er sie sich um ihre Fahne scharen ließ, damit sie nicht in Unordnung seien. Die Idee, Gott als Urheber der menschlichen Ordnung zu' bezeichnen, ist geistvoll und treffend. Ein großer Dichter hat die Ordnung eine „Himmelstochter" genannt und damit denselben Gedanken wie unsere Alten ausgesprochen. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß eine besondere Gabe dazu gehört 'Ordnung zu schaffen und zu halten. Viele Menschen besitzen Vorzüge, sind gut und wertvoll, aber es fehlt ihnen der Sinn für Ordnung. So wenig der Unmusikalische für die Betätigung auf dem Gebiete der Musik, der Mensch ohne Maltalent für die Malerei zu brauchen ist. ebensowenig wird der. dem der Sinn für Ordnung abgeht, Ordnung halten können. Ordnungssinn ist angeboren, ist eine Naturanlage, eine Gottesgabe. mit der man in die Welt tritt und aus ihr scheidet. Man kann sogar mit gutem Recht von Talenten und Genies auf diesem Gebiete sprechen. Wohl vermag Erziehung, Beispiel und Anleitung auch hier Erfolge zu erzielen, können an sich unordentliche Leute mit viel Mühe und Gewöhnung zu einer gewissen Ordnung gebracht werden, aber niemals ist die natürliche Begabung völlig zu ersetzen. Wie bei dem einzelnen ist es auch bei ganzen Völkern. Es gibt solche, die von Natur zur Kriegsführung, andere, die zu künstlerischer Betätigung' und wieder andere, die zur Landwirtschaft bestimmt sind. So sind welche zur Ordnung, zum Ordnung machen und halten gleichsam geboren. Unsere Alten scheinen Wert darauf gelegt zu haben, diesen Standpunkt auch für Israel geltend zu machen. Denn sie wissen zu erzählen, daß schon Stammvater Jakob vor seinem Tode d^e^Drdnung festgelegt hat, die seine Söhne bei seiner Beerdigung beobachten sollten und jedem den Platz an der Bahre bestimmt habe. Diese von ihm bestimmte Ordnung galt dann später für alle Züge Israels, weshalb das Thorawort »jeder "bei seiner Fahne und seinen Zeichen" erklärt wird:

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