Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 21 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Oesferreichlsclie Wochensduritt fflr ffldlsdie Interessen Mit dem Beiftlatt: feröifenllidiungen der ..Union deutscnösterreldiisdier Juden Redaktion und Administration Wien II., Heinestfraße 13. - Fernruf 42-2-18 XLIL Jahrgang Wien, 14. Mai 1926_Nummer 21 Wandernde Heimat. Eine Betrachtung zum Schabuoth-Feste. Von Rabb. Dr. V. Kurrein, Linz. Der Talmud erzählt, daß R. Josua ben Chananja einst an einen Scheideweg kam und einen Knaben, der dort stand, fragte, welcher von beiden Wegen in die nächste Stadt führe. „Beide Wege", antwortete der Knabe, „führen hin; der eine ist lang und kurz, der andere kurz und lang". Der Rabbi schlug den letzteren ein und sah auch bald die Stadt vor sich, konnte aber nicht weiter, da Gartenzäune und Hecken den Weg versperrten, so daß er umkehren mußte. Er traf den Knaben noch an derselben Stelle und machte ihm Vorwürfe, daß er ihm den schlechten Weg gewiesen. „Sagte ich nicht", sprach der Knabe, „dieser Weg ist kurz, aber lang, denn er führt wegen der Hindernisse lange nicht ans Ziel." Im Grunde genommen ist diese Erzählung nur eine alltägliche Binsenweisheit: immer ist unser Weg ans Ziel lang und kurz oder kurz und lang zugleich. Als Israel aus Aegypten zog, führte es Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, obwohl er nahe war, sondern ließ es einen Umweg durch die Wüste machen. Als sich das Volk bei den Kundschaftern versündigte, ließ er es wieder vierzig Jahre in der Wüste umherirren. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt ein langer Weg, zwischen Absicht und Ausführung kommt die Erkenntnis, daß es lange und kurze oder kurze und lange Wege gibt. Die Offenbarung am Berge Sinai erinnert an die göttliche Bestimmung: „Mache einen Zaun rings um das Volk, damit das Volk den Berg nicht ersteige." Der Weg von der Niederung zum Gipfel kann, soll nicht erstürmt werden; zur Höhe gelangt man nur mit Ruhe und Ausdauer. Das Buch Ruth erzählt uns, wie ein Mann Elimelech mit seinem Weibe und seinen beiden Söhnen zur Zeit der Richter während einer Hungersnot aus Juda auswanderte, ins Land Moab ging, wie er dann dort starb, seine Söhne starben und sein Weib nach Jahren mit den Schwiegertöchtern wieder nach Juda zurückkehrte. Auch das ist ein Bild aus dem Leben. Anders sind die Hoffnungen, mit denen man auszieht, anders sind die Erfahrungen, mit denen man heimkehrt. Wie der einzelne seine Schicksale erlebt, so erfährt sie auch ein ganzes Volk. Die Wirklichkeit straft Pläne Lügen, macht es besser oder schlechter, aber meistens anders als man denkt. Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, Ursprung und Ziel sind Wörter, die sich schnell sprechen lassen, zwischen denen aber alles liegt, was wir erleben und erfahren. Schabuoth ist der Gedenktag eines Ereignisses, das vier Jahrtausende zurückliegt. Der Weg zwischen dem Einst und Jetzt ist lang und kurz oder kurz und lang. Von wo sind wir ausgezogen, wohin sind wir gelangt? „Voll bin ich ausgezogen, leer hat mich der Ewige heimgeführt," spricht Noomi im Buche Ruth und so ließe sich Israels Geschichte überschreiben, wenn man nur sehen will, wie Tempel und Staat zerfallen und die Söhne unseres Stammes in die Welt zerstreut sind. War aber auch der vielverschlungene, dornengesperrte Weg unserer Geschichte, der Pfad der Leiden und Verfolgungen lang, sehr lang, so hatte er doch ein herrliches Ziel: „Sie gingen den Weg, zurückzukehren in das Land Juda!" Und das war nicht nur die Sehnsucht nach dem Lande der Väter, sondern an jedem Platze, auf jedem Fleckchen der Erde, den der Fuß Israels betreten hat, hat sich der Jude durch seine Religion und sein Judentum eine Heimat geschaffen. Das ist die große Wunderkraft vom Sinai, die in uns fortwirkt und in keinem Elend und keiner Not, in keiner Ferne und Fremde verkümmerte. Man mag über den Entwicklungsgang des Judentums denken, wie man will, mag Theorien welcher Art immer darüber aufstellen, — daß das göttliche Buch, die Thora, das Studium dieser Thora und alles dessen, was mit ihr zusammenhängt, dem Juden eine Heimat wurde und diese geistige Heimat ihm über jedes Heimweh in der Welt draußen hinweggeholfen hat, kann nicht geleugnet werden. Die dickleibigen Bücher, die alten Folianten, die heute fast niemand mehr liest, die dem Gegenwartsjuden wie eine unbekannte Welt erscheinen, waren die unzerstörbare, w a ndernde Heimat des Judentums, die an allen Orten bestellt, in jeder Zeit gepflegt wurde, in der Israel heimisch blieb, wie immer es draußen aussah. Wie sich einst Saul von der Totenbeschwörerin in Endor den Samuel aus der Gruft heraufbeschwören ließ, so erstand gleichsam aus toten Buchstaben dem Juden in jeder Zeit ein lebendiger Geist der Führung und des Rates. Die alte Thora vom Sinai war Ausgangs-, Mittelpunkt und Ziel des Denkens, war Rückkehr zur Heimat, zur Religion der Väter, war ein geistiges Land, aus dem der Jude nicht vertrieben werden konnte. Es gibt eine alte Sage, die der Geist des Volkes ersonnen hat und die zu berichten weiß, daß einem Gelehrten, der aus seiner Heimat in ein anderes Land auszog, dieses neue Land entgegengeflogen sei. Der Sinn dieser Sage ist deutlich: Die jüdische Wissenschaft, der Geist des Judentums und unserer h. Lehre vermag auf jedem Fleck der Erde dem Juden eine Heimat zu schaffen. Das ist eine Großtat, ein Vorzug unserer religiösen Idee, der keine andere, die im Verlaufe der Zeiten in unserem Volke geboren ward, an werbender Kraft gleichkam. Weder Wissenschaft noch Kunst, weder Politik oder Schwärmerei haben uns die Heimat ersetzt, nur das Gotteswort hat uns eine Welt gegeben, in der wir unbesiegbare Herren waren, die weder die grau-