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Die Wahrheit · 1926-05-07 · Heft 20 (7.5.1926) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 20 (7.5.1926)
Date
1926-05-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 20 DIE WAFgEHfilT Seite 11 glücklicherweise nicht zu großen Teiles der Studenten, der sich mit Haut und Haar dem nationalistischen Radikalismus oder der konfessionellen Unduldsamkeit ergeben hat. Sie besteht nämlich ausschließlich aus den Angehörigen1 der „.deutsch-arischen" und „deutsch-katholischen" Verbände und Vereinigungen und schließt dementsprechend alle deutschen Studenten aus, die demokratisch oder sozialistisch orientiert sind, sowie alle jene, deren Stammbaum kein rein arischer ist. Trotzdem sie also nur einen Teil der deutschen Studenten umfaßt, trotzdem sie die akademische; Exponente ganz bestimmter politischer Richtungen ist, wagt sie es, als Vertreterin der „deutschen Studenten" gegenüber den Hochschulbehörden aufzutreten und es scheint, als ob sie auch von «Uesen als solche anerkannt würde. Das ist natürlich ein ganz unhaltbarer, jedem Gerechtigkeitsgefühl ins Gesicht schlagender Zustand, ein Zustand, der — man kann es ruhig sagen — eine Schande für unser Hochschulwesen ist. Wofern man überhaupt die Notwendigkeit einer Organisierung der Studentenschaft zur selbständigen Regelung studentischer Fragen als gegeben erachtet, dann muß man sich auf den Standpunkt steilen: entweder gibt es. eine „Deutsche Studentenschaft" an unseren Hochschulen, dann muß sie alle deutschen Studenten umfassen oder sie umfaßt nur bestimmte Gruppen der deutschen Hochschüler, dann darf sie sich nicht als die „Deutsche Studentenschaft" ausgeben. Jedenfalls zeigt das nachahmenswerte Beispiel von Heidelberg eine „Deutsche Studentenschaft", wie sie sein soll und das traurige Beispiel von Wien eine „Deutsche Studentenschaft", wie sie jnicht sein soll. ' 1m* Der jüdische Schwiegervater einer Erzherzogin. Ohne übertriebenen Stolz, aber doch mit einiger Ueberraschung verzeichnen wir die auch in republikanischen Zeiten wohl bemerkenswerte Tatsache, daß eine ehemalige Erzherzogin von Oesterreich, eäne Nachkommän Karls VI. und ein Sproß aus dem Hause Habsburg-Lothringen, einen jüdischen Schwiegervater erhalten soll. Wie nämlich aus Budapest gemeldet wird, hat sich die ehemalige Erzherzogin Margarete mit einem Baron Grödel verlobt. Baron Grödel ist der Sohn eines jüdischen Großindustriellen und Kaufmannes, 4er in Frdedberg in Hessen in bescheidenen Verhältnissen geboren, in jungen Jahren nach Ungarn übersiedelte und, nachdem er sich durch Fleiß und Tüchtigkeit eän großes Vermögen erworben hatte, im Jahre 1891 als Baron Armin von Groedel-Gyulaf al va in den ungarischen Adelsstand erhoben wurde. Baron Armin von Grödel besitzt ungeheure Waldungen in Ungarn und Neurumänien, insbesondere in der Gegend von Marmaros-Sziget und hat einen herriMchen Palast in Budapest. Er git als einer der reichsten Kaufleute Osteuropas. Wir sind neugierig, was die ungarischen Rassenschützler und Legitimisten zu dieser Verlobung sagen werden. Altreichskanzler Fehrenbach. Der im 74. Lebensjahre in Freiburg i. Br. verstorbene Führer der Zentrumspartei in Deutschland, ehemaliger Reichstagspräsident und Reichskanzler Konstantin Fehrenbach hat in der Bewegung für Abwehr des Antisemitismus einen hervorragenden Platz eingenommen. Er diente der Bewegung nicht allein durch das Gewicht seiner Persönlichkeit, sondern auch durch sein hohes Ethos und seine unermüdliche Arbeit. Er war Vizepräsident des Vereines für Abwehr des Antisemitismus und hat in zahlreichen Reden bei den Tagungen dieses Vereines und bei anderen Gelegenheiten gegen die Seuche des Judenhasses und für die Reinheit des politischen Lebens in Deutschland gekämpft Er führte an, daß der Antisemitismus nicht allein vom Standpunkt der christlichen Nächstenliebe und der öf ff entlichen Moral bekämpft werden müsse, sondern auch im Interesse des deutschen Volkes und Reiches, die durch ein Ueberhandnehmen der antisemitischen Seuche gefährdet werden. Raheis Grab entweiht. Das Grab Raheis auf dem Wege zwischen Jerusalem und Hebron, in der Nähe von Bethlehem, zu welchem Gläubige und Touristen aus allen Teilen der Welt pilgern, wurde in diesen Tagen von Dieben heimgesucht. Die Einbrecher zerstörten einen Teil der Grabesmauer, drangen m das Grabesinnere ein und stahlen mit Kostbarkeiten besetzte Vorhänge, die von Gläubigen gespendet worden sind. Ein Teil der alten Vorhänge wurde zerrissen. Die Nachricht über die Entweihung des Rahel-Grabes hat In ganz Palästina Entrüstung geweckt. Die Polizei iahndet energisch nach den Tätern. Von Woche zu Woche Israelitischer Jugendgottesdieiist. Am Samstag, den 8. Mal 1926, um 3 Uhr nachmittags, findet der Jugendgottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks- Synagogen statt. Professor Sigmund Freud. Es ist eine merkwürdige Ironie des Schicksals, daß der am meisten bekannte und am häufigsten genannte Gelehrte unserer deutsch-arischen, die wissenschaftliche Laufbahn von Forschern jüdischer Abkunft immer mehr hemmenden Universität ein — Jude ist. Denn vielleicht der einzige Gelehrte der Alma mater Vindobonensis von wahrhaft internationalem Rufe ist heute Professor Sigmund Freud, der am 6. Mai in vollster körperlicher und geistiger Frische seinen 70. Geburtstag feierte. Ohne Stolz oder Ueberhebung, aber im berechtigten Gefühl der inneren Genugtuung können wir es sagen: Sigmund Freud ist unser; einer, der sich nicht duckt und sein Judentum niemals verleugnet hat, sondern ganz im Gegenteil sich jederzeit, sowohl als einfacher Privatgelehrter, dem sich wegen seiner Abstammung die mannigfaltigsten Hindernisse in den Weg stifte ten, als auch auf dem Gipfelpunkte eines weltumspannenden Ruhmes, stolz zu seinen Vätern bekannte. Sigmund Freud erblickte am 6. Mai 1856 in Freiburg in Mähren in einem bescheidenen jüdischen Bürgerhause das Licht der Welt. Den wissensdurstigen Jüngling zog es nach Wien, woselbst er nach Absolvierung seiner Gymnasialstudien die Universität bezog, um sich dem Studium der Medizin zu widmen. Richtunggebend für den Werdegang des jungen Arztes war der Einfluß, den sein um 14 Jahre älterer Freund. Dr. Josef Breuer, ein namhafter Nervenarzt, auf ihn ausübte. Mit ihm gemeinsam arbeitete er an der Erforschung der menschlichen Seele im gesunden und kranken Zustand. In seinem Erstlingswerke „Studien über Hysterie" hat er bereits den Grund für das gewaltige Werk gelegt, das mit seinem Namen unzertrennlich verbunden ist, der Psychoanalyse. Während die Aerzte der damaligen Zeit, ganz im Banne des Materialismus befangen, Hysteriker und andere Nervenleidende mit Elektrizität und anderen physikalischen Mitteln behandelten, zeigte Freud auf Grund eines zahlreichen Beobachtungsmaterials, daß psychische Störungen nur auf psychischem Wege, und zwar durch Aufhebung des das seelische Gleichgewicht störenden Faktors behandelt werden können. Hierdurch hat er sich gewaltige Verdienste nicht nur um die zahlreichen an nervösen und seelischen Affektionen leidenden Mitmenschen erworben, sondern auch dazu beigetragen, das Dunkel des menschlichen Seelenlebens zu erhellen. Er war somit ein Heilungsspender und ein Lichtbringer für die Menschheit. Gewiß sind mannigfache Teile seiner geradezu revolutionierend wirkenden Lehre noch heute heiß umstritten, dennoch wird jetzt Psychoanalyse an fast allen größeren Universitäten gelehrt, an zahlreichen Kliniken und Spitälern geübt. Groß ist die Zahl derer, die dem österreichischen Forscher die Rettung aus langem und schweren Leiden verdanken. Trotz dieser einzig dastehenden Erfolge ist Freud der einfache, stille Gelehrte geblieben, der er war, als er noch für die Anerkennung seiner Lehre schwer, sehr schwer zu kämpfen hatte. Als glücklicher Vater von sechs Kindern und Großvater zahlreicher Enkelkinder lebt er mit seiner von ihm über alle Maßen verehrten Gattin in harmonischester Gemeinschaft. Kritisches, vorurteilsfreies Denken, unerschütterliches Selbstvertrauen, umfassendstes Wissen auf fast sämtlichen Gebieten menschlichen Geistes sind die Grundlagen seines Wesens. Hierzu kommt eine ungemein rasche Auffassungsgabe, ein tiefes Kunstverständnis und Freude an Geist und Witz, besonders am jüdischen. So ist Sigmund Freud, der große Forscher, Lehrer und Meister, eine vollausgeglichene, harmonische Persönlichkeit von Goetheischer Art, ein Mensch, wie wir deren nur wenige besitzen. Wenn aus allen Teilen der Welt hunderte von Glückwünschen dem gefeierten Gelehrten zuströmen, wenn seine Freunde und Verehrer aus Nah und Fern herbeieilen, um dem großen Forscher aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages zu feiern, dann haben die Wiener Juden vor allem das Recht, diesen Tag festlich zu begehen, denn es ist ein Ehrentag nicht nur für Sigmund Freud, sondern auch für das gesamte Wiener Judentum, das ihn zu seinen Besten zählt. Dr. W. Dr. Maximilian Pfeiffer. Das ganze deutsche Judentum betrauert aufrichtig den Tod Dr. Maximilian Pfeiffers, des deutschen Gesandten in Wien. Gleich Fehrenbach und Wirth war auch er, der katholische Demokrat, ein Freund des Judentums, das er wie selten ein NJchtjude kannte. Er

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