Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 20 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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\*4%im der Entwicklung des Menschengeschlechtes zusammen, sie ist "ein Teil der menschlichen Kulturgeschichte. Wir wissen, daß der Mensch der älteren Steinzeit weder Ackerbau noch Haustierzucht betrieb. Er war sonach auf die wildlebenden Tiere des Landes und auf die Fleischnahrung angewiesen. Von den wäldlebenden Tieren scheinen der Elefant, das Mammut, das Pferd, das Renntier, der Ur, das Wildschwein und das Wisent, ferner Hirsche und Rehe am häufigsten vorgekommen zu'stin. Die Zahl der Raubtiere, gegen welche der in Felsenhöhlen, an den Gestaden des Meeres und der Seen und an den Ufern der Flüsse lebende Urmensch zu kämpfen haitte, war groß und wahrscheinlich überwiegend. Der Mensch im Urzustände kannte das Töten von Tieren und das Verzehren derselben nicht, sondern lernte es erst im Kampfe mit denselben. Erst nach Ablauf von nicht genau bestimmbaren Zeitläuften, während welcher sich bedejjiende Veränderungen in den tellurischcn und klimatischen Verhältnissen vollzogen, betrat der Mensch die zweite Stufe der intellektuellen Ausbildung; Ackerbau und Viehzucht war in dieser neolitischen Periode zwar auch noch unbekannt: Haustiere wurden jedoch schon gehalten. Die Bewohner der steinzeitlichen Pfahlbauten waren augenscheinlich auf einer höheren Stufe geistiger und wirtschaftlicher Entwicklung. Sie oblagen zwar noch vorwiegend der Jagd; riesige Edelhirsche lieferten ihnen den größten Teil ihrer Nahrung. In der Bronze- und Eisenzeit begegnen wir jenen Haustieren, welche heute noch dem Menschen zur Nahrung dienen. Der menschliche Geschmack wendet sich vorwiegend den pflanzenfressenden Tieren zu und verschmäht das Fleisch der fleischfressenden Tiere. Bedeutend reicher sind unsere Kenntnisse über die Fleischnahrung der älteren Völker der historischen Zeit, von welcher in erster Linie die. Aegypter und Semiten als die kulturellen Nachfolger der Bewohner des fruchtbaren Landes zwischen Euphrat und Tigris unser Interesse in Anspruch nehmen. Der mit der ägyptischen Götterlehre in ursächlichem Zusammenhange stehende Tierkultus erhob die Pflege und Haltung der Tiere auf die denkbar höchste Stufe und gab zu den Speisegesetzen Anlaß, welche mit Recht als die Uranfänge der Fleischhygiene zu betrachten sind. Dje Aegypter hatten, sehn entwickelte anatomische Kenntnisse, wußten von verschiedenen Eingeweideparasiten, von Augenkrankheiten^und Hautkrankheiten, kurz Kenntnisse, die über die Grenze privater Gesundheitspflege hinausgingen Sie verschmähten den Genüß des Schweinefleisches, weil es, wie sie annahmen, den Aussatz und die ägyptische Augenkrankheit hervorrufe. Man ging sogar so weit, daß die bloße Berührung eines unreinen Tieres dem Menschen die Verpflichtung auferlegte, sich samt seinen Kleidern im Flusse zu reinigen. Für die Hirten, Sklaven und für die Aermsten war das Schwein gut genug. Nur gelegentlich bestimmter religiöser Feste durfte Schweinefleisch genossen werden. Alljährlich einmal wurde das Schwein dem verderbenbringenden Gott© Sit geopfert. Kuhfleisch zu essen war verboten; die Kuh war der Isis geheiligt. Besondere Bestimmungen bestanden für die Speisen des Königs, der Priester und des Volkes. König und Priester durften nur Kalbfleisch und Gänse genießen. Nach der Ueberlieferung sollen sie auch infolgedessen des öfteren an Magenindispositionen gelitten haben. Die Tiere mußten frei besonderer Merkmale und überdies fehlerlos sein. Zum Zeichen dieser Eignung zum Opfer und zum Genüsse für den König und die Priester wurde an den Tieren ein Pap_yrusstreifen, auf dem sich das Siegel des untersuchenden Priesters befand, befestigt. Für das Volk waren die Vorschriften weniger strenge. Die Schlachtung entsprach dem noch heute bei den Juden üblichen rituellen Vorschriften. Die nächstältesten Speise Vorschriften finden wir bei den Juden. Wir sehen im Judentum eine Sitte entstehen, die sich im weiteren Verlaufe der Geschichte zu der das 'ganze Leben des Volkes beherrschenden Richtschnur entwickelte. Das Gesetz wurde zur Sitte, die Sitte zum Gesetz. Die hygienischen Vorschriften wurden kodifiziert und als religiöse Gebote haben sie sich tief ins Fleisch.und Blui des gesetzestreuen Juden eingewurzelt, und zwar zu seinem Nutzen. Ein Grundzug der jüdischen Lehre ist die Wertschätzung des menschlichen Lebens. Diese Ansicht drang tief ins Bewußtsein des Volkes und führt , zu eingehendster Ausarbeitung und Verschärfung aller jener Vorschriften, die mit dem Leben und Lebsnsprozesse im Zusammenhange sitehen. Den gesunden Zustand des Körpers durch eine kluge Lebenshaltung zu erhalten, ist eine besondere Eigenart des Juden. Es bildete sich daher allmählich eine Heiligung des Körpers aus. Alles, was zum Gedeihen des Körpers beiträgt, ist dem Juden heilig, besonders alles, was mit der Nahrungsaufnahme .im Zusammenhange steht: dazu gehört auch das Gebot des Händewaschens vor den Mahlzeiten und bei anderen Anlässen. Wir moderne Menschen brauchen nur an Bakterien zu denken, um diese Vorschriften zu verstehen. Volkssitte und Gesetz haben in Betreff des Händewaschens ein streng durchdachtes Zeremoniell ausgearbeitet, das fast an di£_Händedesinfekition in der modernen Chirurgie erinnert. Der Einfluß der Reinlichkeitsgebote war so gjoß, daß er sich auch auf den sittlichen Charakter des Volkes erstreckte. Selbst über die Art des Wassers sind genaue Vorschriften erlassen worden, desgleichen bestehen strenge Satzungen und Regeln der Tischordnung und über die Vermengung von Fleisch und Milch; allerdings ist dadurch der Speisezettel der Juden stark reduziert. Selbst das Fleisch, welches zum Genüsse gestattet ist, darf nur mit Maß verzehrt werden. Man wußte, daß das Fleisch dasjenige unter den Nahrungsmitteln ist, welches die aufmerksamste Fürsorge der Hygiene bedarf. Es war den Gesetzgebern bekannt, daß die Fleischnahrung die Quelle einer viel größeren Menge von Schädlichkeiten für die Gesundheit des Menschen ist, als irgend eine andere Gruppe der menschlichen Nahrungsmittel. Man wußte, daß durch den Genuß kranken Fleisches schwere Erkrankungen und lebenslängliches Siechtum entstehen können, daß sogar Massenerkrankungen und Todesfälle nicht zur Seltenheit gehören. Ich erinnere an die häufigen Fleisch- und Wurstvergiftungen, an die Leiden nach dem Genüsse finnigen und trichinösen Fleisches. Wenn man bedenkt, daß Gesetze, die vor Jahrtausenden gegeben wurden, keine mikroskopische Untersuchung vorsehen konnten und daß die Untersuchungen nur auf Wahrnehmungen mit natürlichen Beobachtungsmitteln beschränkt waren, muß es mit Bewunderung erfüllen, daß alle durch Fleischnahrung möglichen Schädigungen der Gesundheit durch die Auswahl der zur Fleischgewinnung verwendeten Tiere und durcji rigoroseste mikroskopische Untersuchung vermieden worden sind. (Fortsetzung folgt.) JAC. MAVER Kleider-, Pelzeu, Gummimäntel-Fabrik Zenlrale: Oetailverkauf: Wien II., Glockengosse 24 Wien I!., Taborsfraße 44