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Die Wahrheit · 1926-05-07 · Heft 20 (7.5.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 20 (7.5.1926)
Date
1926-05-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Kr, 20 DIE WAHRHEIT Seite 7 Glossen. Der Bürgermeister S e i t z hat in der konstituierenden Sitzung des Fremdenverkehrsbeirates des Landes Wien in treffenden Worten die hohe Bedeutung der Hebung des Fremdenverkehrs für das so arg im Niedergang begriffene Oesterreich gekennzeichnet. Er sowohl wie die an der Spitze der Kommission stehenden Persönlichkeiten haben in ihren Auseinandersetzungen betont, daß da in erster Reihe ein Erfolg von der Mitwirkung der Presse zu erhoffen sei. Die anwesenden Vertreter der antisemitischen Presse mußten schweigend die aus allen Reden heraustönende peinliche Anklage ertragen, daß die von ihren Blättern betriebene schändliche antisemitische Hetze allein es schon zuwege gebracht, daß jährlich zahllose Fremde dieses an Naturschönheiten so reiche Land meiden. Es ist wahr, dieselbe Presse ist bemüht, Tausende und Tausende, die in diesem Lande geboren wurden, zu — Fremden zu stempeln. Soll das vielleicht ein Ersatz sein? * » * Anläßlich der Jubiläumsfeier des Burgtheaters wurde vielfach die Erinnerung an Sonnenfels geweckt. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Verdienste gedacht, die sich dieser Mann um die Abschaffung der Folter in Oesterreich erworben. Sonnenfels hat in Wort und Schrift gegen die Tortur gekämpft, und zwar nicht bloß aus dem Grund, weil sie seinem humanen Gefühl widersprach. Nein, er war schon zu der Zeit, in der noch die größten Juristen die Folter für ein Rechtsmittel zur Erforschung der Wahrheit hielten, von der Ueberzeuguug durchdrungen, daß man durch die Folter unschuldigen Angeklagten erlogene Geständnisse ihrer — Schuld erpressen könne. Wie leidenschaftlich Sonnenfels diesen Standpunkt vertrat, dafür zeugt die Tatsache, daß die fromme Maria Theresia im Jahre 1772 ärgerlich, aber erfolglos ihm nahelegen ließ, doch einmal schon mit der steten Erörterung dieses heiklen Themas aufzuhören. Warum der als Jude geborene, aber noch als Kind zur Taufe geführte Enkelsohn eines großen Rabbiners in diesem Falle seinen Neidern und Feinden Anlaß gab, über die unausrottbare „jüdische" Zudringlichkeit hämische Bemerkungen zu machen? Nun, das Wort „jüdisch'' war sicherlich diesmal am Platze. Der Rabbinerenkel wußte, daß das jüdische Strafrecht zum Unterschiede von den Strafgesetzen aller Völker zu keiner Zeit duirch einen die Tortur anerkennenden Paragraphen geschändet worden war. Der getaufte Rabbinerenkel mochte aber auch gewußt haben, daß viel unschuldiges jüdisches Blut für den Ritualmordglauben vergossen wurde, für den sich die Judenfeinde auf verbrecherische Zeugen und auf die durch die Folter erpreßten Geständnisse edler, frommer Juden zu berufen pflegen. * .„ * Der berühmte Reisende Sven H e d i n, der einige Tage der Gast des Exkaisers Wilhelm war, erzählt, daß der zu spät Entthronte, nach alter Gepflogenheit allsonntäglich eine Predigt zu halten pflege. Den Text dazu entnehme er immer dem Neuen Testamente, was ihn aber nicht hindere, auch von Zeit zu Zeit dem Gott des alten Testamentes gründlich den Text zu lesen. Pater Bonis, der Sekretär des Bischofs Zadrawetz, hat das Vermögen seines Bischofs und auch seine eigenen Kapitalien, durchaus gutes, echtes Geld — denn die beiden hochwürdigen Herren haben ja feierlich erklärt, daß sie nichts mit den gefälschten Francs zu tun hatten — an der Börse verspielt. Man macht nun dem wirklich armen Pater, der gleich seinem Bischof dem Franziskanerorden angehört, ein zweifaches Verbrechen aus seinem Börsespiel, denn er habe dadurch auch gegen das Gelübde der — Armut gesündigt. Pater Bonis soll, wie die ihm nahestehenden Blätter berichten, mit großer Seelenruhe dem Strafprozeß, der ihm wegen dieser Affäre droht, entgegensehen. Er will vermutlich zu seiner Rechtfertigung daraui hinweisen, daß er gerade um dem Gelübde der Armut Rechnung zu tragen, keinen sichereren Weg als den zur Börse kannte. * $ * Man hat es oft als pure Heuchelei bezeichnet, daß die intellektuellen Führer der Judenfeinde in Ungarn ihre Partei mit einem Namen tauften, der das Ausland über ihre wahren Ziele täuschen möchte. Die Edlen nennen sich schlicht Rassenschützler. Dieser Titel verschiebt völlig die Rollen. Wer seine eigene Rasse schützen will, der vindiziert sich damit die bescheidene Rolle des Verfolgten, die immerhin sympathischer ist, als die Rolle des bösen, tückischen Verfolgers, gegen den man sich zu schützen angeblich gezwungen fühlt. Die Rassenschützler zeigen mitunter auch durch die Tat, daß der Judenhaß allein nicht das Um und Auf ihres politischen Programmes bildet. Sie beweisen, daß sie gelegentlich ihre schützende Hand nicht nur auf das Haupt jener Verbrecher legen, die wegen einer die Juden betreffenden Angelegenheit das Strafgesetz ignorierten. Man sieht z. B., daß sie einen O k o 1 i c s ä n y i, der — wie allgemein geglaubt wird — an der Ermordung eines unverfälscht arischen Christen beteiligt ist, um jeden Preis vom Galgen retten wollen. Sie schützen ihn also nicht aus schmutzigem Haß gegen die Juden, sondern aus reiner Liebe zu jedem, der ein begeisterter Bekenner des Rassenschutzes ist. Ego. Nahrnngsmittelhygiene der Juden. Von Tierarzt Dr. Friedrich Schick. Es war am südlichen Kriegsschauplatze. Unmittelbar vor jüdischen Feiertagen kamen Soldaten zu mir und fragten, ob sie mir, als dem Veterinär.referenten eines Armeekommandos, eine Bitte vorbringen dürften. „Wir sind Jude n, Herr Doktor." sagten sie, „und bitten Sie, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß wir anläßlich der Feiertage koscheres Fleisch zugewiesen erhalten." Ich sah zwar augenblicklich keine Möglichkeit, diesen Wunsch zu erfüllen, versprach aber, mein Möglichstes zu tun. Es bedarf keiner Versicherung, daß es mir maßgebenden Ortes erst nach langen Erörterungen gelang, mit meinem Ansinnen durchzudringen, doch erhielt ich nach kurzer Zeit vom Armeekommando den Auftrag, das Geeignete zu veranlassen. Heute noch sehe ich die befriedigten Gesichter der Soldaten, als ich ihnen die Erfüllung ihres Wunsches bekanntgab. Dieses kleine Erlebnis machte auf mich den mächtigsten Eindruck und erregte mein Interesse derart, daß ich mir mit Hilfe einschlägiger Literatur Vergessenes wieder in Erinnerung zu bringen und Unbekanntes hinzuzulernen suchte. Zunächst sei der Ursprung der Fleischhygiene kurz besprochen. Die Geschichte der Fleischnahrung fällt mit

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