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Die Wahrheit · 1926-05-07 · Heft 20 (7.5.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 20 (7.5.1926)
Date
1926-05-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 Dffi WAHRHEIT Nf. 20 deren Vorstellungen in der Regel bereits vier Tage vorher ganz ausverkauft sind, oder aber die großen Revues im Folies Bergere, im Casino du Paris, Palace und Moulin Rouge. Diese Revuen bieten aber auch etwas und wie man mir sagte, wird, wer auch nur ein einziges Mal die spanische Rachel Melleiro, eine Soubrette, in ihren Chansons gehört hat, dieselben nie vergessen. Und was da an Farbeneffekten, Beleuchtungskünsten und Kleidern geboten wird, soll ans Fabelhafte reichen. Weniger besucht Siind die Schauspiele, deren Eintritt sich der Einheimische nur mehr schwer leisten kann und für die der Fremde, wie ich gesehen habe, selten das richtige Verständnis aufzubringen imstande ist. Trotzdem sind die Theater nicht notleidend und stehen noch immer auf großer künstlerischer Höhe. Stork verbreitet ist natürlich auch das Cinema, das in den meisten Fällen Vieles und Gutes bringt. Trotz des ungeheuren Menschenmaterials beginnen sich aber nach 11 Uhr abends die Straßen, ja selbst die Boulevard-Caf6s zu leeren und nur noch der Montmartre mit seinen zahlreichen Bars und Animierkneipen weist ein regeres Leben auf. Die innere Stadt aber ist um Mitternacht wie ausgestorben. Wie könnte es auch eigentlich anders sein! Müssen doch die meisten zeitlich morgens schon in ihren Betrieben sein. Und wahrlich, wer die gehetzten, müden, schlecht genährten und auch schlecht gekleideten Angestellten in den verschiedenen Betrieben, Fabriken und in den großen Warenhäusern in der Gallerie Lafayette, Samaritaine, Louvre, Printemps. Pin6t und viele andere gegen Nachmittag beobachtet, merkt ihnen an, daß nur die äußerste Anspannung ihre Kräfte noch aufrecht hält, um dann am Abend nach einem kargen Abendessen kraftlos zu- . sammenzufallen. Es ist eine nervenzermürbende, aufreibende Arbeit, die der Pariser zu leisten ha*! Diese Arbeit muß ihm um so härter fallen, als ja Paris so viele Schönheiten wie kaum eine zweite Stadt der Welt aufweist! Mag es auch in einzelnen Straßenzügen und auch in bezug auf Verkehr von manchen anderen Städten übertroffen werden, in seiner Gesamitwirkung aber ist es überwältigend, in der Fülle seiner berühmten* Häuser bestechend und in der Masse seiner künstlerischen Objekte einzig dastehend. Und wenn der zuweilen so hypochondrisch gestimmte Grillparzer in einem Pariser Brief aus dem Jahre 1836 sagt: „Man kann sich nichts malerischeres denken, als den Anblick von Paris von den Brücken und Kais aus", so galt das im vergangenen Jahre, wo die Exposition am Ufer der Seine sich ausbreitete, in erhöhtem Maße. Diese Ausstellung war wirklich ein Kunstgenuß, und was die verschiedenen Völker da an Sehens- und Wissenswertem ausgestellt hatten, ermutigt zu der Hoffnung, daß den Fleiß und der Kunstsinn der Menschheit wieder mächtig seine Flügel regt und neue Aspekte der Arbeitsliebe eröffnet. Namentlich was Belgien, die Schweiz, Italien, die Tschechoslowakei, Rußland, nicht zuletzt auch Frankreich ausgestellt hatten, weist auf eine respektable Höhe der Kunst und Industrie hin. Insbesondere die Möbel-, Glas- und Textilindustrie wiesen Hervorragendes auf. Wie armselig hingegen nahm sich diesen gegenüber der Pavillon Autrichien aus! Hätte Lobmayer, die Wiener Werkstätte und die Taschner-, bzw. Ledergalanteriewarenfirma Nagel und Stein nicht ausgestellt, wir wären bis auf die Knochen hinein blamiert gewesen. Denn v/as die Juweliere aus Oesterreich dort ausgestellt hatten, war tatsächlich ein Hohn auf die Juwelierkunst. Namentlich in Paris! Denn gerade hierin marschierte ja Frankreich seit jeher an erster Stelle, und was Janesich, Pollak Ainn6 und viele andere in der Rue de la Paix und in den angrenzenden Straßen an Schmuckgegenständen ausstellten, grenzt tatsächlich ans Märchenhafte. Als ich bei Janesich in seiner Auslage in Deauvilje ein Kollier sah, das an Schönheit des Materials und an künstlerischer Verarbeitung wirklich ein Ausstellungsstück von gediegenstem Geschmack war, fragte ich ihn, was das koste; als er mir sagte, fünf Millionen Franken, die damals einen viel größeren Wert als heute hatten, war ich nicht wenig erstaunt. Und trotz des enormen Preises wurd_e es viermal, zweimal sogar von Franzosen, nachbestellt. Ja, da in Paris, sah ich erst so recht, was gediegener künstlerischer Geschmack aus Juwelen und edlem Metall zu schaffen vermag. Das aber ist auch in Paris kein Wunder! Denn abgesehen davon, daß dort der Weltmarkt für derartige Sachen ist, hat doch der Pariser Künstler auch eine ganz andere Ausbildungsmöglichkeit für seinen Geschmack, als irgendwo anders. Er braucht ja nur in den Salle de Bronces antiflues, ins Musee des Dessins, Musee des Arts Decoratifs oder aber ins Musee Cluny und Carnavalet zu gehen und er wird auf Schritt und Tritt Anregungen zu hohem künstlerischen Schaffen finden. Und ich glaube, nur an solchen dominierenden Kulturzentren kann heute wahre Kunst gedeihen.. Es ist darum, gelinde gesagt, lächerlich, in einem so hervorragendem Kulturzentrum Gegenstände auszustellen, die selbst in weniger künstlerischen Gegenden geteilte Aufnahme finden würden. Und doch sind ja wir Oesterreicher durchaus nicht so arm an wahrer Kunst, daß v/ir uns nicht hätten sehen lassen können. Aber das, was wir dort ausgestellt hatten, war zu armselig. Und bedenkt man gar erst den Rahmen dieser Exposition, dann war der Eindruck erst recht ein betrübender. Millionen Lichter erstrahlten dort am Abend und wer das nicht gesehen, kann sich keine Vorstellung von der Pracht dieser Illumination machen. Als ob ein Meer von Licht ausgegossen worden wäre, so strahlte am Abend die ganze Umgebung des einzig schönen Pont Alexander. Und doch, dieses Paris, das von Tausenden und Tausenden Autos durchflutet wird, das Hunderttausende Menschen in nervöser Hast und aufreibender Geschäftigkeit durchstreifen, hat auch sein stilles Viertel, das ein ganz vornehmes, kulturelles Aussehen hat, das Quartier Latin, jenes berühmte Gelehrten- und Studentenviertel, das keine andere Stadt den Welt in dieser Prägung aufzuweisen hat. Wer da mit dem Rücken zum Pantheon gekehrt steht und zu seiner Rechten die berühmte Studienbiblipthek Sainte Genevi6ve, die bereits im Jahre 1625 gegründet worden ist, sieht, mit der Unzahl von eingezeichneten Namen berühmter Männer aller Nationen, die der Fassade einen eigenartigen Schmuck verleihen, dann weiter die berühmte Ecole de Droit, zur, Linken Saint Etienne du Mom\ mit ihrem halb romanischen und halb gotischen Turm, unweit vor sich dann den herrlichen Jardin de Luxembourg, der empfindet, daß hier die Kultur, der Geist sich etabliert hat. Und nun brauchen wir nur ein wenig weiter zu gehen und andere Institute tauchen auf, die Ecole Polytechnique, die Ecoles des Mines (Bergschule) und die Ecole Normale. Nicht weit davon die weltberühmte Sorbonne, eine Hochschule, an der Hörer aus deT ganzen Welt ihren Wissensdurst stillen. Die Sorbonne, ein prachtvolles Gebäude, unterscheidet sich von unseren Universitäten dadurch, daß sie keine Aula hat, dafür aber einen prächtigen Hof, wo während des Betriebes ein gewaltiges Studentengewimmel in freier Luft sich ergeht. Die Hörsäle sind meistens amphitheatralisch eingerichtet, und als ich dort war, tagte eben in einem prächtigen Saale die Friedensliga, deren Thesen von jedem edlen Menschen kräftigst unterstützt zu werden verdienen. Dort hat den Haß tatsächlich ein Ende gefunden. Neben der Sorbonne das College de France, eine freie Hochschule, die von Franz I. erbaut worden ist. Die Bestimmung dieser Hochschule ist: docet omnia, der Fortbau der Wissenschaften und die Verfolgung praktischer Zwecke. Also eine Anstalt mehr für gereifte Forscher. Nach dem Muster dieser Anstalt wurde ja bekanntlich auch das Friedrich- Wilhelm-Institut in Berlin eingerichtet. An dem College» de France hat auch unser berühmter Glaubensgenosse Henry B e r g s o n, der schwer krank darniederliegt, gelesen. Leider hat Bergson nur wenig Interesse an unseren Geschicken genommen. Vor der Sorbonne das berühmte Musee Cluny, das die herrlichste Sammlung jüdischer Altertümer besitzt. Hier finden sich auch im Saal X die berühmten Elfenbeinarbeiten, die ihresgleichen suchen. Bei einzelnen Stücken bleibt man bewundernd still stehen und fragt sich, wie nur Menschenhand imstande war, solches zu verfertigen. Auch jüdische Grabsteine sehr hohen Alters sind dortselbs* aufbewahrt. In den Thermes daselbst sieht man das älteste Gebäude von Paris und einzelne Ueberbleibsel der einstigen Lutetia. Im Gegensatze z,u diesem armseligen Rest ist das Hotel Lutetia am Boulevard Raspail der modernste Hotelbau von Paris, der mit dem raffiniertesten Komfort ausgestattet ist. Doch wer das wirkliche Studentenleben und das Treiben der Künstler sehen will, muß entweder in eines der zahlreichen am Boulevard Saint Michel gelegenen Cafes oder noch besser das Cafe Rotonde am Monitiparnasse, ein Lokal, das viele Tausende fassen kann, besuchen. Zahllose Sprachen aus allen Weltteilen schlagen da an unser Ohr. Vom Studenten mit der baskischen Mütze, den rei^hsdeutschen Studenten mit ihren Schmissen bis zum bezopften Chinesen und dem ideal angehauchten Anamiten ist alles vertreten. Oben im Saale wird getanzt, Studenten und Studentinnen kichern und lachen und unten wird gelesen, debattiert, herumgelaufen, ein Summen und Brausen. (Schluß folgt.) -<*SIHHBHBHBBSHIIHHB^IHIHiMnHBMBMHBIHBHMHHHBHBI[|^HHBBk Wdleiälwitiit üWäW!

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