Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 20 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 ____________ DIE WAHRHEIT__ Jeiteji Bewegung nicht durch Haß, Chauvinismus und pathologischen Unverstand immer hemmend dazwischen träte. Verhindert die völkische Bewegung die auswärtige Politik an der Entfaltung einer ungebrochenen Linie und an der regelmäßigen Arbeit zur Erreichung nationaler Vorteile, so wirkt sie in der inneren Politik nicht nur hemmend, sondern zerstörend und auflösend. Hier hat sich die völkische Bewegung mit dem billigen Requisit des Antisemitismus verbunden; man darf sagen, daß sie gerade diesen als den eigentlichen Vorspann ihrer Agitation benutzt. Es ist charakteristisch für die Mentalitäi des innerpolitischen „Ethos" der deutschen Oeffentlichkeit, daß diese Bewegung, von allen führenden Köpfen deutscher Kultur abgelehnt, zu einem Element politischer und gesellschaftlicher Auffassung werden konnte. Wie eingangs erwähnt : Kriege und Revolutionen zermürben das sittliche Denken und Fühlen. In den Tiefen auch gefesteter Charaktere sind Kontaktflächen zur Aufnahme antisemitischer Reizungen und es gehört außerordentlich viel Selbstdisziplin des Urteils und ein von schärfstem Ethos kontrolliertes Gerechtigkeitsgefühl dazu, um die so leicht sich einschmeichelnden Attacken antisemitischer Agitation abzuweisen. Es ist ein bestimmender Zug in der Menschheitsgeschichte, die Schuld an üblem Erlebnis auf andere abzuwälzen. Unter diesem Zug hat das vergangene Jahrzehnt schwer zu leiden, und es bedurfte der Widerstandsfähigkeit aller Oerechten und Sachlichen, um die pathologische Beschaffenheit dieses Charakterzuges nachzuweisen. Die völkische Bewegung aber hat sich ihm hemmungslos hingegeben. Sie vergiftet das ganze öffentliche Leben, indem sie das Gefühl für Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeit abstumpft. Wohl haben sich die großen Parteien der Nation vom antisemitischen Gift freigehalten, — das ist ein schöner Beweis für das Vorhandensein eines geschulten Verantwortlichkeitsgefühls. Aber abseits der Disziplinen der Parteien wuchert das Gift weiter. Vor allem ist es in den leitenden Stellen — welch eine Ironie auf die Begriffe Republik und Demokratie als den öffentlichen Gewalten des Status quo — und selbst in den sekundären Angliederungen der juristischen Apparatur enthalten. Mit Beschämung sehen alle Unabhängigen und gerecht Urteilenden auf diese Zuckungen einer behördlich aufgemachten Organisation! Es ist wahrhaft betrübend, daß ein Teil der deutschen Intelligenz und geistigen Führertums den Schlagworten der völkischen Bewegung verfallen konnte. Es gibt eine Hygiene sittlichen Denkens; sie kulminiert in der restlosen Aktivierung des Gewissens und der Gewissenserforschung. Damit kommen wir auf ein besonders wichtiges Kapitel. Es darf die Tatsache nicht verschwiegen werden, daß in den höheren Schulen — ich sehe jetzt von der Hochschule ganz ab — ein übler Chauvinismus unter der Flagge nationaler Gesinnung gepflegt wird. Von der Obersekunda an werden die Schüler in Verbindungen gepreßt, die mit Hochschulkorporationen in loser, teilweise in enger Verbindung stehen. Man muß die Mentalität der Schüler in Rechnung stellen. Die Jugend ist begeisterungstähig; sie empfindet die Niederlage Deutschlands besonders schmerzvoll; ihr Enthusiasmus für ein befreites Deutschland voller Macht und Herrlichkeit ist schön und im Wurzelgefühl richtig. Aber die jugendliche Sinnesart bedarf der Pflege und sinnvoller Kultivierung; gerade ihr muß die Differenzierung zwischen national und Nationalismus und Chauvinismus beigebracht werden; auch sie, gerade sie, bedarf dahin der Unterweisung, daß Gerechtigkeit über alles geht, und daß Friede und nicht Krieg das Endziel aller Kultur ist, daß der Krieg zwar eine Ultima ratio sein kann, aber im Prinzip unterm Gesichtspunkt des Rechts und der Sittlichkeit falsch ist. Wird solche Lehre gelehrt? Gewiß, da und dort, aber im allgemeinen nicht. Und auch hier auf den Schulen schon wird der völkischen Bewegung der Antisemitismus inokuliert, aus denselben Gründen, mit denen die Oeffentlichkeit stimulert wird. Gewissenlosigkeit sucht nach dem Sündenbock und findet ihn. Viele Lehrer sind sich der Gefahren solcher völkischen Bewegung wohl bewußt. Aber sie fürchten sich vor einer Geltendmachung ihres Standpunktes. Es könnte ja auch der Wind mal anders wehen. Diese Furcht kann nur entstehen, weil alles, was in Deutschland aufrichtig republikanisch, demokratisch und pazifistisch eingestellt ist, von erklecklichen Teilen der Regierungsstellen nicht nur nicht gefördert, sondern gehemmt wird. Das weiß die völkische Bewegung. Darauf stützt sie sich, daher ihre besondere Gefahr für die Tätigkeit einer wahrhaft nationalen Politik. Wer es mit seinem Volke gut meint, muß mit allen Kräften darnach streben, die treibenden Elemente der völkischen Bewegung in ihrer wesentlichen Beschaffenheit zu zeigen und ihre nationale Gefährlichkeit allen Denkenden offenbar zu machen. Eine Sommerreise durch Nordfraukreich. Vortrag, gehalten von David Herzog. (Fortsetzung.) Ueberhaupt, wer da meint, der Franzose führe eia Phäakenleben, ist in einem großen Irrtume begriffen. Es gibt wenige Völker auf Erden, die so fleißig und intensiv wie die Franzosen arbeiten. Namentlich Jetzt, da e_s ia bekanntlich den Franzosen herzlich schlecht geht. Denn obschon Sieger, hat dieses Volk im Kriege sehr viel gelitten. Nicht allein, daß es fast seine ganze männliche Jugend eingebüßt hat — um ein Bild dieser Verwüstung zu geben, möchte ich hinweisen auf das Fischerdorf Trouvüle, das mit seinen 2500 Einwohnern aut seiner vor dem Hotel de Ville aufgestellten Gedenktafel nicht weniger als 400 Todesopfer verzeichnet — hat auch sein wirtschaftliches Leben starke Einbußen erlitten. Daß diese beiden Uebel auch am Mark d_er französischen Juden stark genagt haben, ist bei der Hingabe und den Berufen der französischen Juden nur allzu begreiflich und die Verheiratung jüdischer Mädchen ist besonders schwierig, weil es tatsächlich an der jüdischen männlichen Jugend fehlt. Was an jüdischer männlicher Jugend in Frankreich zu sehen ist, Studenten, Künstler und Angestellte, sind fast lauter Fremde. Aber auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung wirken sich diese Uebel - stände dahin aus, daß den Mädchen fast gar keine Heiratsmöglichkeiten winken. Und was das bedeutet, kann man sich leicht ausmalen! Es ist ein trauriges Bild, das im schreienden Gegensatz zu dem mächtigen Luxus steht, der sich im Champs Elys6e und auf den Boulevards entfaltet. Doch dieser wird heute fast ausschließlich von reichen Amerikanern* Engländern, Indern, Arabern et tutti quanti bestritten. Denn was Paris an Fremden beherbergt, davon kann sich der Außenstehende keine Vorstellung machen. Darum sind auch d i e Lokale am meisten besucht, die internationale Programme entwickeln und auf internationale Bewegung eingestellt sind, wie die Grand Opöra,