Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 20 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 _____________________ Difc WAHRHEIT '_____ Nr- 20 laiid — mit Einschluß von Oesterreich — so verhängnisvolle Ende des Weltkrieges hat emporquirlen lassen. Für die s o z i a 1 p s y c h i a t r ische Betrachtung sind die Erscheinungen interessant genug. Ich bemerke wohl, daß Sie am Schlüsse Ihres Buches diese Seite der Sache vollkommen würdigen. Meinerseits möchte ich noch folgendes hinzufügen: Jedem erfahrenen Menschen, nicht nur dem Arzte, sind die traurigen, wenngleich oft für lächerlich gehaltenen Erscheinungen des Größenwahns bekannt; er kommt auch als soziale Erscheinung bei ganzen Volksgruppen, ja, im begrenzten Sinne, ganzen Nationen vor. Aber eine soziologisch bedeutsame Erscheinung, auf die ich noch nicht die Aufmerksamkeit gelenkt fand, ist der T i e f e n w a h n. Er besteht darin, daß man vor dem Lichte der Vernunft flieht und mit Absicht das Dunkle, Geheimnisvolle aufsucht, weil es tief zu sein scheint. Man schließt: weil es in der Tiefe dunkelt, so sei alles Dunkle tief. Ein gesteigerter Tiefenwahn führt zur Verherrlichung des Absurden, zur Schwärmerei für das »Irrationale* und zur Begeisterung für b 1 ö dsinnige Fälschungen, wie die der »Protokolle4. Es entspringt aus diesen Stimmungen, wie schon Leibnitz, der, gleich jedem wirklichen Denker, bei allem Tiefsinn die Klarheit liebte, sich ausdrückte, ,ein Ekel an der Vernunft4. Ich finde, daß dieser krankhafte Ekel jetzt verbreitet jst und unter mannigfachen, mehr oder minder »romantischen4 Namen sich versteckt. Mit hochachtungsvollem Gruß bleibe ich Ihr ergebenster Ferdinand Tönnies." Die Gefahren der völkischen Bewegung. Von Adam Röder, Mitglied des deutschen Reichstags. Die* „völkische Bewegung44 geht heute durch die ganze Welt. Krieg und Revolution geben ihr das Stimulans; sie war wohl schon vor dem Krieg da, hat aber erst nach ihm die turbulenten und fanatischen Formen angenommen, die sich heute zu einer Gefahr für die ganze Kulturwelt herausgebildet haben. Bewegungen destruktiven Charakters sind nichts Neues; sie sind immer da, wenn Reformen nicht zur rechten Zeit einsetzen; so bekommt die Revolution ihre Logik aus den Dispositionen einer der Reform widerstrebenden Zeit. Was wir jetzt als völkische Bewegung erleben, ist nicht revolutionär im geschichtlichen Sinne; sie ist ihrem innersten Wesen nach reaktionär und will die gerade Linie der Entwicklung in Rückläufigkeit umwandeln. Aber auch diese rückläufige Bewegung ist psychologisch zu verstehen, wenn man weiß und einschätzt, daß das Negative ein automatisch wirkendes Schwergewicht hat, das dem Alogischen des menschlichen Intellekts und dem Amoralischen einer mißleiteten Gemütsverfassung entstammt, Zeiten des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs befruchten alles Negative. So darf man sich nicht wundern, wenn heute die völkische Bewegung wie eine Seuche durch die Welt geht, die „geistig Enterbten44 in ihren Bann zieht und alles Wurmstichige, alle Abfallsprodukte eines irregeleiteten Räsonnements aufsammelt und so die ganze Welt des Intelligibeln mit einem stinkenden Brodem durchsetzt. Der Geschichtsschreiber der Zukunft wird es nur mit Staunen feststellen können, daß — um nur eins herauszugreifen — eine Korruption wie die ungarische Francsfälscliung, eine Ausgeburt des völkischen Geistes, möglich war. Eine völkische Bewegung an sich könnte eine Auffrischung der wahrhaft nationalen Gesinnung bedeuten, wenn sie darauf hinausginge, die moralischen Kräfte zu ertüchtigen, das Gefühl für nationale Würde zu pflegen, den Sinn für Gerechtigkeit und Sachlichkeit zu bilden, und sie sich vor allem zum Zielpunkt setzte: Erkenntnis zu zeugen und ^lles Geschehene mit bußfertiger Gesinnung zu betrachten. Statt dessen sehen wir diese völkische Bewegung der Moderne einen. nationalistischen Egoismus pflegen, der Einsicht und Erkenntnis hinter sich lassend, mit einer wilden Predigt des Hasses die Völker überzieht und neuen, wahllosen Chauvinismus propagiert, der alles Gesunde und Sittliche aus den Herzen jätet und die entleerten' Stätten des natürlichen Gefühls mit Neid und Haß und Roheit füllt, den Intellekt mit den wilden Metaphern der Ueberspanntheit und eines nationalistischen Hochmuts verklebt. Heute ist die völkische Bewegung für alle Länder, besonders aber für unser Vaterland, zu einer fundamentalen Spannung unserer auswärtigen Politik geworden. Sie ist es, die die Bemühungen der Staatsmänner — nicht nur der deutschen — nach Frieden, Eintracht und Ausgleich sabotiert. Auf dem Wege ihrer Agitation liegen Ermordete, Männer, die für ihr Vaterland das Höchste einsetzten: Erzberger, Rathenau, Jaures, von dör großen Zahl der Ermordeten, die nicht an erster Stelle, aber deshalb nicht weniger verantwortungsvoll arbeiteten, ganz zu schweigen. Was erleben wir von den Fememorden, die sich jetzt allmählich erst in ihrer ganzen Gräßlichkeit darstellen und als eine, wenn auch sekundär, so doch organisch angegliederte Begleiterscheinung der völkischen Bewegung auftreten? Welch ein Abgrund von Korruption tut sich auf. Männer und Schichten, die geistig und sittlich führend sein sollten, zeigen sich von dieser Korruption berührt. Wenn in der Welt im besonderen gegen Deutschland die Stimmung einer friedfertigen Gesinnung, die Zubereitung einer Atmosphäre des Ausgleichs und der Anpassung an die neuen Verhältnisse nicht aufkommen kann, so hat man dies in der Hauptsache der agitatorischen Wirksamkeit der völkischen Bewegung zu danken, die immer wieder von den uns feindlichen Staatsmännern und Politikern benutzt wird, um deutsche Ansprüche und eine deutsche Politik der Verständigung niederzuhalten und die deutschen leitenden Kreise anzuschwärzen als Friedensstörer und Vertreter politischer Unbilligkeit. Es ist ganz gewiß, daß wir heute in der Befriedung Europas, und vor allem in der Befriedung Deutschlands, weiter wären, wenn diese völkische