Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 20 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 20 sind. Diesmal ist es das römische Papsttum mit seinen Jesuiten, das so „entlarvt" wird. Ein Dokument liefert den Hauptbeweis. Jener den Protokollen der Weisen von Zion ebenbürtige kindische Brief, in dem ein — selbstverständlich wieder ungenannter — Pater schamlose Anweisungen gibt, wie „wir" Jesuiten es anfangen müssen, um „den Nacken der deutschen Ketzer unter das Joch der römischen Kirche zu beugen und uns so wieder einmal ein jugendkräftiges Volk zu sichern, von dessen Mark wir ein Jahrhundert oder mehr zehren können." Großfeuer imNikolsburger Ghetto! Die Tage zwischen den beiden Festen Pesach und Schowuaus. die Sephiratage, gelten seit jeher dem gläubigen Juden als Trauertage; haben sich doch gerade in dieser Zeit so oft in der jüdischen Geschichte unheilvolle Begebenheiten zugetragen. Altertum und Mittelalter vereinigen sich zu einem traurigen Bunde, um die Erinnerung an die Omer- Zeit zu einer wehmütigen und schmerzensreichen zu gestalten. Keiner hat so treffend die Seelenstimmung während der Sephira in Worte gekleidet wie der Volksdichter M. Rosenfeld: „Ichdachf, ichwollf bitten die liebliche Lyra, Sie soll lachen einmal, doch geht es nicht gut; Ja, Brüderlein, erstensist jetztbeiuns Sephira, Unddann, sagt: Wie lacht denn ein J u d?" So sollte auch in diesem Jahre die düstere Sephira-Zeit der Nikolsburger Judenschaft Trauer und Schmerz, Elend und Kummer bringen! Am letzten Freitag nachmittags war es — schon hatte der heilige Ruhetag seine Schatten über die Häuser der Judenstadt gebreitet, da ertönte um die fünfte Nachmittagsstunde ein unheimliches Tuten durch die Gäßchen von Nikolsburg. Man wußte, daß dieses Signal den Ausbruch eines Feuers bedeute und im Nu war man sich auch des furchtbaren Ernstes des im Anzüge befindlichen Unglücks bewußt — war doch noch in aller Erinnerung der große Brand vom September 1924, und schon ahnte man, daß auch diesesmal das Unglück von unseligen Folgen begleitet sein werde. Diese düstere Ahnung sollte sich leider verwirklichen. Angesichts der großen Wasserarmut des Städtchens, der Bestürzung und Hilflosigkeit der Insassen der zumeist mit Holzschindeln gedeckten, dicht nebeneinanderstehenden Häuschen mußte das ausgebrochene Feuer, noch vom Winde begünstigt, rasch um sich greifen, mit rasender Wut sich immer weiter verbreiten und neue Objekte erfassend, sein Zerstörungswerk gründlich besorgen. Drei dicht bevölkerte Straßenreihen wurden eingeäschert und an hundert Gebäude fielen dem Großbrande unbarmherzig zum Opfer. Erst als gegen 7 Uhr die Brünner Feuerwehr ihre Löschaktion begann, konnte der ungeheure Brandherd lokalisiert und ein weiteres Umsichgreifen des entfesselten Elementes hintangehalten werden. Ungeheuer ist der Schaden, der durch den Brand angerichtet wurde. Eine größere Anzahl jüdischer Familien, zumeist ganz mittellos, ist stark geschädigt, einige beinahe zugrunde gerichtet. Auch das israelitische Versorgungshaus wurde hart mitgenommen, da der größte Teil des Schindeldaches, um das Feuer zu begrenzen, abgetragen werden mußte. Es war für die Nikolsburger Gemeinde ein düsterer Sabbath-Eingang. Es dürfte wohl zum erstenmal der Fall gewesen sein, daß man angesichts der Katastrophe auf die Abhaltung des Freitag-Abendgottesdienstes Verzicht leisten mußte. Feuilleton Hill Die Stimme des Blattes. Wer unter euch Übrig bleibt — Feigheit bringe ich in ihr Herz in den Ländern ihrer Feinde, daß sie jage das Rauschen eines verweheten Blattes und sie fliehen, wie auf der Flucht vor dem Schwerte und fallen, ohne daß einer verfolgt. III, 26, 36. Schmiedl hat in seinem „Sansinnim" den geistvollen Gedanken ausgesprochen, daß jener Fluch: „die Stimme eines Blattes, das dahin weht, wird Schrecken einflößen", sich nicht nur auf das wirkliche Blatt, wie es der Wind hinweht, bezieht, sondern auch auf die Stimme eines Papierblattes oder Zeitungsblattes, darin irgend ein finsterer Menschenfeind seinem bösen Herzen durch giftige Verleumdungen und Anklägereien Luft machend, den Geist der Verfolgung aufstachelte. Dieser Gedanke ist wert, daß er in Erinnerung gebracht werde, denn das fluehbringende Zeitungsblatt ist ein so trauriges Kapitel,, daß es mit gutem Recht in den großen Fluch hineingelesen werden darf. Im Altertum war der Literat Apion die klassische Gestalt des antisemitischen Schriftstellers, der mit Verleumdung und Entstellung des wahren Sachverhaltes zum Haß und .zum Kampfe gegen die Juden aufgerufen hat. Viel, sehr viel ist seitdem in dickleibigen Büchern von Leuten wie Agobard, Raimund Martin, Pfefferkorn, Eisenmenger und der stattlichen Zahl anderer geschrieben worden, was wie ein Fluch auf dem Judentume lastete. Seit Zeitungswesen und Journalistik zu den AHtagserscheinungen gehören, ist das fluchbringende Blatt ungezähltemal das unMutäge Schwent gewesen, das zahllose hingerichtet hat Die Aufgabe und Verantwortung, die ein Zeitungsblatt, das in tausend und abertausend Hände gelangt, auf sich nimmt, ist ungeheuer. Es kann unsagbar Gutes stiften, abelr auch schreckliches Unheil bringen. Es ist in des Wortes wahrster Bedeutung Segen und Fluch. Der Wind, der dieses Blatt hin- und herweht, ist meist der Parteiwind und je nachdem Wahrheit oder Lüge, Recht oder Unrecht, Aufklärung oder Verhetzung die Stimme dieses vom Winde getriebenen Blattes ist, kann es erfreuen oder Furcht und Verzagtheit den Herzen einjagen. Denn das gedruckte Wort findet viel Glauben. „Schwarz auf weiß" ist eine Versicherung, die in der Volksmeinung als wahr und unumstößlich gilt — für das Gute wie das Schlechte. Haben die Juden unter diesem Fluche zu leiden gehabt, so war dies nicht minder das Schicksal vieler anderer Klassen und Rassen. Wie diese haben aber auch die Juden erkannt, daß auch der Fluch des flüchtigen Blattes nicht unabwendbar ist. „Sie werden ihre Sünden bekennen", sagt an jene* Stelle die Schrift als ersten Schritt, den Fluch in Segen zu wandeln, und auch die Sünden des gedruckten Wortes mußten einbekannt werden. Auch das Judentum suchte die Stimme des Blattes, mußte Verteidigung seiner selbst, Aufklärung unter die Menge wie unter seinesgleichen tragen. Der jüdische „Journalist", die „Judenpresse" sind von denen, die die Abwehr ihres Fluches ungern sahen, übel aufgenommen worden. Man hat diese geschmäht, jenen als „Schmock" verspottet, aber Tatsache ist, daß das Beste und Größte, was auf dem Gebiete der Presse geleistet wurde, mit jüdischer Kraft geschehen ist. „Es ist ein Gewinn für die Gesellschaft," schreibt Jellinek, „wenn jüdische Federn im Dienste der Tagespresse stehen, wenn Juden, denen vermöge ihres universalistischen Sinnes, der in der Zerstreuung noch genährt und gestärkt