Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 19 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 DKL WAtfi&fßlT beite 11 Theater, Kunst u. Literatur | ( Von Woche zu Woche Karin Michaelis über den Adel des Judentums. Die berühmte dänische Schriftstellerin und Vorkämpferin eines reinen Menschentums, Karin Michaelis, prägt in einer „Meine Juden" betitelten biographischen Skizze die folgenden charakteristischen Sätze: Jeder Mensch ist das Produkt seiner Vorfahren — die feinsten Ursprungfasern seines Wesens reichen weiter zurück, als irgendein adeliger Stammbaum anzeigen kann. Mütterlicherseits stamme ich von einem Maior von Schmidten ab. der 1743 aus Bayern nach Dänemark einwanderte. Väterlicherseits habe ich ausschließlich jütländische Pfarrer und Bauern als Vorfahren aufzuweisen. Soweit festzustellen, ist unsere Familie jedes jüdischen Einschlages bar, obwohl die Vorfahren mütterlicherseits, schwarzäugig, dunkelhaarig und olivenfarbig waren. Vergebens habe Ich gegrübelt, gefragt, geforscht, um auf jeden Fall jene Tropfen jüdischen Blutes herauszufinden, die es mir erklärlich machen könnten, daß seit meiner frühesten Kindheit die jüdische Rasse so weit anziehender auf mich wirkte als die nordische blonde. Jedoch als ich mich später durch Augenschein davon überzeugte, daß viele bayrische Männer und Frauen, ohne doch semitischer Abstammung zu sein, dieselben Züge und Eigenschaften wie meine schöne Mutter besitzen, mußte ich mich damit zufriedengeben, reiner Nicht-Jude zu sein. Doch käme der Tag, der mich vom Gegenteil belehrte, der mir den Beweis davon erbrächte, daß auch nur ein winziges bißchen Semitenblut in meinen Adern fließt, so würde ich mich so stolz fühlen wie der Knappe, der den Ritterschlag empfangen. „So sollst du »sie deine Kinder lehren!" Man liest gegenwärtig kaum eine jüdische Zeitung, in der man nicht der Klage begegnet, daß das religiöse Leben beschämend zurückgegangen sei und daß in christlichen Kreisen mehr geschehe zur Hebung der Religiosität als in jüdischen. Nun hat ein Berufener ganz nach dem Worte gehandelt, das Benjamin Franklin einmal seinen Landsleuten auf ihre Kage über die schlechten Zeiten zugerufen hat: „Aendert euch selbst, so werden sich die Zeiten auch ändern!" S. M ü 11 e r in Heidelberg, der bekannte Verfasser "biblischer und jüdischer Geschichtsbücher, hat in <einem ausgezeichneten Buche („Ein Buch für unsere Mütter." Sabbath und Feste im Garten der Kindheit von S. Müller, Heidelberg. Mit 11 Abbildungen im Text. Berlin SW 68, P h i 1 o-V e r 1 a g G. m. b. H.) gezeigt, wie es in unseren Häusern wieder Sabbath und Jomtof werden könne. Aus der sehr richtigen Erkenntnis heraus, daß die Mutter die Seele der religiösen Erziehung im Hause ist, läßt er in überaus lebendigen Zwiegesprächen zwischen Mutter und Kind Sabbath und Feste mit ihren sinnigen, altehrwürdigen Gebräuchen vor der Seele erstehen. Da wächst der Sabbath wieder hervor „aus dem Weltgetümmel in den trauten Kreis der Familie, in die Nähe Gottes" (S. 114). Die Sabbathlampe leuchtet wieder; ihre milden Strahlen senken wieder Friede und Versöhnung in die Unrast des Alltags. Die Kinder fühlen wieder die segnende Hand und Vater und Mutter auf ihrem Haupte. Die frommen Sabbathlieder singen wieder die Freude am Höheren, am Göttlichen ins Herz. Und jeder Feiertag in seiner Art und Bedeutung wird als schön und groß empfunden nach dem alten Wort: „Mit seinem Herzen muß ma» ihn verstehen." Sehr wohltuend berührt es, daß das Buch nicht an der Oberfläche haftet sondern den tieferen Sinn der Feste und ihrer Gebräuche erfaßt, daß die Diktion klar und verständlich, dabei warm und anmutig ist, daß das Ethsche und Soziale überall plastisch hervortritt und daß das Einigende, die Besinnung auf sich selbst und auf das Schicksal der Gemeinschaft so schlicht und liebewarm sich ausspricht. Der Verfasser hat seine schöne und große Aufgabe durch die Kunst wirksam zu fördern verstanden: 11 Abbildungen im Texte aus Meister Oppenheims Gemälden und anderen jüdischen Schöpfungen erleichtern den Müttern das ursprüngliche Ersehauen und machen die Vergangenheit zur intuitiven Gegenwart. Auch die Ausstattung des Buches selbst ist künstlerisch jschön. Bei einer sicher bald zu erwartenden Neuauflage dürfte wohl auch die Musik die Wirkung des Ganzen erhöhen: die Melodien von „Jörn seh legjisroel" und „Moaus zurjeschuosi" mit Klavierbegleitung wären gewiß vielen Müttern eine willkommene Beigabe. Dem Buche, das in unserer seelenarmen Zeit in Wahrheit als eine Großtat erscheint» ist die allerweiieste Verbreitung zu wünschen. Oberkantor Hermann Zivi, Religionslehrer an den höheren Lehranstalten zu Eberfeld. Israelitische Kinderbewahranstalt Die herrlichen Psalmenworte „Der Kinder und Säuglinge Lallen befestigt Dein Reic h", die der unvergeßliche Josef v. Wertheimer über den Eingang der Wiener israelitischen Kinderbewahranstalt in der Schiffamtsgasse 15 anbringen ließ, führen uns neuerdings das segensreiche Wirken dieser herrlichen Anstalt, die nach einjähriger, ihr aufgezwungener Pause zu neuem Leben wieder erstanden ist, deutlich vor Augen. Der Besucher wird entzückt, wenn er die zahlreichen reizenden Menschenblümchen in dien Schulsälen und in dem schönen duftigen Garten, betreut von jungen, geschulten* tüchtigen Damen, erblickt, unter der umsichtisen Leitung der allbewährten Frau Direktor Olga Fischer — seit 30 Jahren hier tätig —, die nimmermüde diese bald 90 Jahre alte Anstalt, die schon viel Segen verbreitet hat, in gewohnter Weise führt und wie eine Mutter die zahlreichen Zöglinge um sich schart Mehr denn je ergeht an unsere Menschenfreunde der Ruf, dieser jetzt wieder neuerstandenen Anstalt die Mittel zuzuwenden, die sie zu ihrem Bestände braucht. Besondere Verdienste um die Wiedereröffnung unserer Anstalt erwarb sich der Verein „Wohlfahrt", an dessen Spitze Sr. Ehrw. Herr Rabb. Dr. Grunwald steht und dessen Vorständsmitglied Herr Moritz Oesterreicher, ein einstiger Zögling der Kinderbewahranstalt, mit besonderer Wärme im Vereine mit den Vorstandskollegen für dieses wahrhaft humane Institut wirkt. M. A. Chewra Kadischa, Baden. Vor kurzem wurde die ordentliche Generalversammlung dieses Vereines unter dem Vorsitze seines Präses Ludwig Lackenbacher abgehalten, der einen tiefempfundenen Nachruf für die im Laufe des Vorjahres verstorbenen Mitglieder der Chewra Kadischa hielt, welcher stehend von der Versammlung angehört wurde. Der Rechenschaftsbericht wurde genehmigt und dem Vorstande der Dank und das Vertrauen ausgedrückt. Es wurden für Wohltätigkeitsakte der Betrag von 7200 S verausgabt, für das Kriegswaisenhaus 1000 S. Bei den Wahlen wurden die Herren Ignaz Kessler jun. und Louis P o 11 a k zu Ersatzmännern des Vorstandes, die Herren Wilhelm Mandl und Ignatz W e i n e r zu Buch- und Kassarevisoren gewählt. Mit dem Danke an die Damensektion der Chewra Kadischa, welche unter Führung der Frau Minna E i c h n e r Hervorragendes leistet, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Der jüdische Wohlfahrtsverein des IX. Bezirkes ist nicht nur eine Sterbekasse, bei der nach Ableben eines Mitgliedes an dessen Witwe oder Waisen ein Betrag ausbezahlt wird, um diesen sofort die erste Hilfe zu leisten, er unterstütz auch außenstehende arme Leute, so daß seine Wirksamkeit, soweit seine Mittel reichen, allen zugute kommt. Herr Rabbiner Dr. Schwarz hat auch in einer Tempelrede dieser Institution gedacht, und ersucht, den Verein zu unterstützen. Diesem werden viele Tempefspenden zugewiesen, so daß es möglich ist, durch die zwei bestehenden Fonds, den Bernhard Kohn und Isidor Trebitsch -Fonds, ausreichende Hilfe zu leisten. 60. Geburtstag. Wenn jemand sechzig Jahre alt wird und hiervon 35 der charitativen Tätigkeit gewidmet hat, dann ist gewiß der Anlaß gegeben, seinen sechzigsten Geburtstag besonders festlich zu begehen. Mag auch der Jubilar allen äußeren Ehrungen abhold sein, mag er, der in der Stille Wirkende, sein Glück und seine Befriedigung allein darin finden, anderen Gutes getan zu haben, diesen einen Tag zu feiern gebietet nicht allein die Pflicht der Dankbarkeit gegenüber einem solchen Menschen, sondern eine Pflicht gegen uns selbst. Denn in einer Zeit, wo Not und Elend auf der einen, krassester Egoismus und unverhüllte Habsucht auf der anderen Seite zu herrschen scheinen, ist uns der Gedanke, daß Männer wie S. Bojnitzer in unserer Mitte weilen, ein Trost und eine Stütze unseres Glaubens an die Menschheit. Jahrzehntelang im Vorstand des Vereines „Nächstenliebe" hat Herr Bojnitzer die wahre und echte Nächstenliebe zu seiner Lebensmaxime gewählt. Er gehört nicht zu jenen, die dieses Wort immer im Munde führen, auch nicht zu jenen vielen, die der Nächstenliebe nur gefühlsmäßig huldigen, sondern zu den wenigen, leider allzu wenigen, welche die Nächstenliebe der Tat, die tätige Liebe zu den Mitmenschen betreiben. Wo es zu helfen oder zu raten gibt, wo das Schicksal mit grausamer Hand Krankheit, Hunger oder Not über unschuldige Kinder und Frauen, über lebensschwache Greise und schutzlose WU-