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Die Wahrheit · 1926-04-30 · Heft 19 (30.4.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 19 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hr. 10 f»B WAHRHEIT «MHiaita*iuk»M Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" ■aaaa* 1 Wien IX. { Berggasse4 ■ Postsparkassen - Konto : Nr. 9464 Tetephon Nr. 19-2-77 ■■■■ Yersammlnng der Union deutschösterreichischer Juden. Das Statut, das sich die „Union deutschösterreichischer Juden" gegeben hat, enthält als einen der wichtigsten Punkte die Pflicht, allen Vorgängen im jüdischen Gemeindeleben die besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Das derzeit wichtigste Kapitel der Gemeindeverwaltung ist das Finanzwesen und so ist der Wunsch des Vorstandes der „Union", die Mitglieder mit der finanziellen Lage der Wiener Kultusgemeinde vertraut zu machen, leicht erklärlich. Die Donnerstag, den 22. April 1926, um J48 Uhr abends, im Sitzungssaale des Bezirksrates für den II. Bezirk stattgehabte Vereinsversammlung, die. zu diesem Zwecke vom Vorstande der „Union" einberufen wurde, hat nun die erfreuliche Tatsache gezeigt, daß das Interesse, welches das Wiener jüdische Bürgertum an dem Finanzwesen der Gemeinde nimmt, ein ungemein großes ist. Aus allen 21 Gemeindebezirken waren die Besucher zu dieser Versammlung zusammengeströmt, die hervorragendsten Vertreter der Wiener Judenschaft bekundeten durch ihre Anwesenheit ihr Interesse für den auf der Tagesordnung der Versammlung stehenden Gegenstand. Der große und schöne Saal der Bezirksvertretung, der bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war, bot daher ein glänzendes gesellschaftliches Bild. Man erblickte dia Mitglieder des Vertreterkollegiums und des Vorstandes des Kultusgemeinde, an deren Spitze die würdige Gestalt des Kultuspräsidenten Prof. Dr. Alois Pick, die Vertreter des Bethausvorstandes mit Vizepräsidenten Dr. E. Münz an der Spitze, die Obmänner und zahlreichen Vorstandsmitglieder der Bezirkskommission_en und Tempelvereine, den Gesamtvorstand der „Union deutschösterreichischer Juden" mit Präs. Dr. J. Ornstein an der Spitze, ferner Mitglieder der B'ne Brith- Logen, die Union delegierten der 21 Bezirke, die Vorstände zahlreicher jüdischer Wohltätigkeitsvereine und c Karitativer Institutionen, Amtsleiter und Oberbt:amten der Kultus'gemeinde u. v. a. Der Obmann der Mitgliedschaft Leopoldstadt der „Union".. Medizinalrat Dr. Heinrich Haase, eröffnete die Versammlung und begrüßte die zahlreichen Anwesenden aufs herzlichste. Er bat hierauf den Finanzreferenten der Kultusgemeinde, Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, den angekündigten Vortrag über „Das Budget, die finanzielle Lage und das Steuerwesen der Kultusgemeinde" zu halten. Regierungsrat Dr. Oppenheim begann seine Ausführungen mit dem Hinweis, daß der Boden, auf welchem die Versammlung stattfinde, ein historischer sei. Vor 300 Jahren befand sich an dieser Stelle hier eine jüdische Siedlung, doch mußten die Juden diesen Ort verlassen, worauf derselbe vom Kaiser dem Karmeliterorden übergeben wurde. Das Budget für das Jahr 192 6, führte der Vortragende aus, ist erst im März dieses Jahres erledigt worden. Diese Verspätung ist eine Folge der Spannung und gegensätzlichen Auffassungen über die Verwendung der Gemeindegelder, die zwischen uns und den übrigen Parteien des Kultusvorstandes bestanden. Schließlich gelang es jedoch zwischen den die Mehrheit in der Gemeinde bildenden Parteien eine Verständigung zu erzielen, auf Grund welcher das Budget genehmigt wurde. Hierauf ging der Vortragende zur Besprechung der einzelnen Budgetposten über, welche wir in unserer Nummer vom 29. März -1926 in einem ausführlichen Bericht über die Budgetdebatte der Kultusgemeinde gebracht haben. Im Jahre 1925 wurden 56.712 S an außerordentlichen, d. h. im Präliminare für dieses Jahr nicht vorgesehenen Ausgaben gemacht; hiervon entfallen 20.000 S auf einen anläßlich der Universitätseröffnung in Palästina gespendeten Betrag für die jüdische Universität. Wir haben auch heuer mit den Jüdischnationalen vereinbart, daß die Gemeinde einen Betrag für das Aufbauwerk spenden wird, doch sei ausdrücklich hervorgehoben, daß es ausschließlich religiöse und humanitäre Gründe waren, die uns zu dieser Vereinbarung veranlaßt haben. Eine gewaltige außerordentliche Ausgabenpost wird der Gemeinde durch den Neubau der Zeremonienhalle auf dem Zentralfriedhof erwachsen. Zwar wurde bereits seit langer Zeit hierfür gespart, doch reicht der bestehende Fonds von 950.000 S nicht hin, um die Baukosten, die ungefähr das Doppelte betragen werden, zu decken. Dennoch beschäftigen wir uns derzeit mit der Frage, ob nicht trotzdem mit diesem dringend notwendig gewordenen Neubau begonnen werden soll. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß das Budget für 1926 auf der Ausgabenseite 5,529.295 S aufweist, während sich auf der Einnahmeseite 5,229.697 S finden, so daß das Präliminare trotz äußerster Sparsamkeit mit einem Defizit von 299.598 S abschließt. Auch im vergangenen Jahre war ein Defizit im Präliminare, doch sind wir ohne ein solches ausgekommen; ob wir auch in diesem Jahre ohne Defizit durchkommen werden, das ist noch sehr die Frage, da die Anforderungen, die in diesem Jahre an die Gemeinde gestellt werden, viel größer sind als im Jahre 1925. Dennoch aber sieht es die Gemeinde als ihre Pflicht an, die einzelnen Bethhausvereine und charitativen Anstalten, soweit es in ihren Kräften liegt, zu unterstützen, Gegen diesen Budgetvoranschlag wurden von jüdischnationaler und sozialdemokratischer Seite verschiedene Einwände erhoben. Von den Jüdischnationationalen wurde insbesondere die ihrer Ansicht nach zu geringe Unterstützung des Aufbauwerkes in Palästina bemängelt. Der Vorschlag der Jüdischnationalen, eine Anleihe aufzunehmen, konnte ebensowenig unsere Zustimmung finden, wie ihr Vorschlag, an den Staat um die uns auf Grund des Friedensvertrage's gebührende Unterstützung heranzutreten und uns bei Ablehnung dieses unseres Ersuchens an den Völkerbund zu wenden. Die sozialdemokratischen Vorstandsmitglieder bemängelten die zu geringe Entlohnung der Gemeindeangestellten, besonders jene der unteren Kategorien. Die Gleichstellung der Gemeindeangestellten mit jenen der Gemeinde Wien nimmt jedoch diesem Einwand jede Berechtigung. Schließlich wurde von den Sozialdemokraten auch ein weitgehender politischer Einwand gemacht: Wir, nämlich der Kultusvorstand, wären gar nicht dazu berufen, über das Scnicksal der Gemeinde zu beraten und zu entscheiden, denn dieses könnte nur von einer von allen Wiener Juden, und zwar durch allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht erwählten Gemeindevertretung entschieden werden. Ich bin dieser Anschauung entgegengetreten und habe gezeigt, daß jeder Wiener Jude das aktive Wahlrecht besitzt, unter der einzigen Voraussetzung, daß er Kuiiussteuer bezahlt. Nun beträgt die geringste Steuerleistung, durch die das aktive Wahlrecht von jedermann erworben werden kann, sage und schreibe 25 Groschen (Bewegung). Mit diesem geringfügigen Betrag kann man sich das Wahlrecht erkaufen und dadurch dokumentieren, daß man sich dem Wiener Judentum zugehörig fühl t. (Lebhafte Zustimmung.) Der Zusammenbruch unserer Währung hat natürlich die Finanzen unserer Gemeinde sehr in Mitleidenschaft gezogen. Das große Stif tungskapital, über das sie verfügte, alles, Wos unsere Väter zusammengetragen haben, ist nahezu verschwunden. Geblieben sind allein die Gebäude, welche natürlich entwertet sind. Die Gemeinde ist daher, um ihren Bestand zu sichern, einzig und allein auf die Kultussteuer und auf die freiwilligen Beiträge angewiesen. Dennoch aber kann von einer Steuerbedrückung nicht die Rede sein, da das _£2K_

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