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Die Wahrheit · 1926-04-30 · Heft 19 (30.4.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 19 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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große Auflagen. Es ist ein Feldzug der Verblödung und der Aufstachelung ordinärster Begierden, der geführt wird. Das Publikum, das diese Literatur verschlingt, wird auch ästhetisch von Grund aus verdorben. Es wird unfähig gemacht, gute Bücher mit Genuß an ihren künstlerischen Schönheiten zu lesen, es versinkt in der Tiefe einer Barbarei, in der es den Sinn für den Wert unseres geistigen Nationalbesitzes verliert. Es liest sich an Dinter und Genossen ins Analphabetentum hinein. Das ist in Wahrheit eine „deutsche Gefahr", und die deutschen Juden sind so kühn, auf sie hinzuzeigen, undwerden nie aufhören, es zu tun. Wir haben dasRechtdazu, dennwir habenuns das Wissen um die deutsche Kunst in ihren edelsten Blüten über tausend Hindernisse hinweg erobert. Wir haben uns an ihnen gebildet, sie sind der Frieden unserer stillen Stunden, wenn wir das dumpfe Getrommel des völkischen Kalbfells vergessen wollen. (flössen. Wem soll man glauben? Ein gekündigter Schauspieler behauptet, sein Direktor habe ihm erklärt, er sei zu dieser Maßnahme wegen der Konfession des Künstlers gedrängt worden. Er persönlich sei zwar kein Antisemit, aber man müsse dem christlichsozialen Staate Rechnung tragen- Der Schauspieler ist bereit, mit einem Eide für die Wahrheit seiner Worte einzustehen; der Direktor gibt sein Wort, er habe in dem „vertraulichen" Gespräche nichts dergleichen gesagt. Es steht also Eid gegen Wort. Wem soll man glauben? Es gibt Leute, denen ein Wort heilig wie ein Eid ist, und Leute, denen auch ein Eid nicht mehr als ein flüchtig hingeworfenes Wort gilt. Man wird sich daher, wenn man sich vor der Gefahr schützen will, jemandem ein Unrecht zu tun, hüten müssen, in dieser Frage für den einen oder anderen Stellung zu nehmen. Im allgemeinen darf aber wohl gesagt werden, daß es sicherlich im Interesse der Kunst gelegen ist, in Theaterfragen Politik und Konfession aus dem Spiel zu lassen. Oder will man schließlich auch an der Kasse erst prüfen, welcher Konfession oder welcher Parteirichtung der Käufer eines Theaterbilletts angehört? * * * Der polnische Bauernführer Wittos hat kürzlich Aeußerungen getan, die vermuten lassen, daß er gleich dem polnischen Ministerpräsidenten nicht im Antisemitismus das Heil und die Bürgschaft für die Zukunft Polens erkenne. Er gab erstens dem Wunsche Ausdruck, man möge die Ordnung der zerrütteten Staatsfinanzen in die Hände eines Mannes legen, dem man die Befähigung für diese Aufgabe zuspricht, ohne sich um dessen Konfession zu kümmern. Zweitens erklärte er sich gegen den Numerus clausus, denn er meinter brauche die Universität nicht für die Bauerndie die Universität nicht brauchen. Die polnischen Antisemitenblätter haben sowohl für die Ideale des Ministerpräsidenten wie für die praktischen Ideen Wittos nur Worte des Hohnes. Sie fühlen sich stark in dem Bewußtsein, daß sie vorläufig noch immer über eine Macht verfügen, gegen die selbst — Götter vergebens kämpfen. * * * * Wie schön löst Graf Bethlen sein Wort ein. daß er sich solidarisch mit allen Mitgliedern seines Kabinetts, also auch mit dem Minister des Innern, Rakovszky, fühle, den die Opposition seit Jahr und Tag schon als den mächtigsten Schutzherrn der Erwachenden bezeichnete. Wem wird es nicht imponieren, wie Bethlen und Rakovszky, die unerschütterlichen Stützen des „christlichen" Kursesden von den berüchtigten alttestamentarischen Rachegefühlen beseelten hohen Aristokraten Andrassy, Appony, Beniczky, Karolyi, Pallavicini usw. eine Lehre in der selbstlosen, alles verzeihenden Liebe geben, die das Evangelium lehrt? Der Wortführer dieser Magnaten, Markgraf Pallavicini, war bereit, sich des schützenden Panzers der Immunität zu entledigen, um als Angeklagter vor Gericht die im Parlamente vorgebrachten vernichtenden — ihn oder die Minister vernichtenden — Beschuldigungen zu vertreten. Die beiden edlen Minister haben es verschmäht, ihren Ankläger in den Gerichtssaal zu schleppen, sie wollten offenbar lieber die peinvollsten Beschuldigungen ertragen, bevor sie ihren Beleidiger der Möglichkeit einer Verurteilung ausgesetzt hätten. Das ist groß, erhaben! Es ist wahr, der „christliche" Kurs, der in Ungarn seit Jahren herrscht, hat durch die kleinen Entgleisungen der Windischgrätz, Nadossy usw. ein wenig an Glanz eingebüßt, aber Männer wie Bethlen und Rakovszky machen wieder alles gut. * * * Noch einmal hatten die Erwachenden die Genugtuung, Herrn Marffy, der sich unerschütterlich für einen ihrer Besten hält, im Gerichtssaal in der Rolle des — Klägers zu sehen. Der Gute zerstreute sich nämlich während seiner Gefängnishaft bisher damit, Ehrenbeleidigungsklage gegen jeden zu erheben, der sich erdreistete, in Schrift oder Wort irgend eine Aeußerung fallen zu lassen, durch die er sich verletzt fühlte. 0, dieser Galgenkandidat der ersten Instanz^ der es schließlich bis zum Zuchthäusler herunter brachte, ist ein empfindlicher Herr, dem die eigene Ehre mehr gilt als das Leben anderer. Er schleudert lieber zehn mörderische Bomben, bevor er ein verletzendes Wort erträgt. Und so klagte er — nach der Verhandlung vor den Richtern erster Instanz — sofort auch den Privatbeamten Franz Rendler, der ihm im Gerichtssaal zugerufen hatte:. „Junger Mann, Sie werden noch hängen." Der Angeklagte gab dies zu, aber zu seinem Glücke konnte er sich auf Zeugen berufen, die es bestätigten, daß die Prognose nur die Antwort auf ein Schimpfwort Marffys gewesen. Wer weiß, ob er nicht sonst dafür bestraft worden wäre, daß er in törichter Voreiligkeit geglaubt, der in erster Instanz zum Galgen verurteilte Marffy werde tatsächlich gehängt werden. Marffy's Zartgefühl hätte allerdings den Zuruf erwartet: „Junger Mann, Sie werden noch mit einem Fackelzug beehrt werden, wie Ihre Czongrader Gesinnungsgenossen!" Ego- Werbet und verbreitet die „Wahrheit"!

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