Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 19 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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samem Interesse. Auch wer eine Idee bekämpft, muß mit ihr rechnen und sie in sich aufnehmen. In der Walhalla eines jeden Volkes sitzen seine schöpferischen Geister schließlich einträchtig beieinander. Nationale Kunst in ihren Spitzen wird internationale Kunst, wird Weltkunst. Das ist ihre höchste Berufung und ihr höchster Ruhm. Sie ist der Baum, der eine Volksgemeinschaft überdacht, um dann Zweige, Blüten und Früchte über ihre Grenzen hinauszustrecken. Goethe, Shakespeare, Tolstoi, Mo Her e, Dante, Cervantes stehen so hoch, daß sie von jedem Erdteil aus gesehen werden. L a o t s e s Weisheit und Homers Gesang klingen in alle Winkel des Erdballs, die Erzähler der Heiligen Schrift undderMärchenvonTausendun deiner Nacht sprechen über alle Berge und Meere fort, aus ihrer eigenen Zeit hinaus in alle Zeiten^Das ist die Gipfelkunst, hier nur durch eine beschränkte Zahl erlauchter Namen bekräftigt. Wer seiner Nation Kunst darbietet, träumt davon, in diese Ehrenreihe einzutreten. Den wenigsten gelingt es, ihr geistiges Teil ist so sterblich wie ihr körperliches. Aber der Wille ist da und das Streben. Der Dienst am Volke, das fühlen sie, ist Dienst an der Menschheit. Auch die Kampfnaturen unter ihnen, indem sie gegen herrschende Zustände streiten, eifern einem Ideal zu, das den Kampf beenden könnte. Sie mögen religiös-ethische Gedanken verkünden, wie die an Talenten nicht arme katholische Literatur unserer Tage, oder soziale oder politische; letzten Endes und je spitzer ihre Pfeile gegen ihre Widersacher sind, suchen sie glücklichere Zustände herbeizuführen und der Menschheit ein Bett des Friedens zu bereiten. Es gibt keinen großen Dichter, der den „Haß an sich" gepredigt hatte. Die „völkische Kunst" ist keine Kunst, weil sie nur auf den Haß eingeschworen ist; auf einen Haß, der oft den niedrigsten materiellen Trieben entspringt und schon darum kein ehrliches Motiv für künstlerische Behandlung sein kann. DerHaßist die tückische Brille, die alles verzerrt. Sie verzerrt die Beobachtungsgabe, die ein erstes Werkzeug des Künstlers ist. Sie verzerrt das Aeußere des Objekts, und niemals dringt sie über dieses Aeußere in sein Inneres, dorthin, wo die Triebkräfte seines Empfindens und Handelns sind. Sie sieht schief, was gerade ist, und sieht grau, was hell und rein. Sie ist die Teufelszauberbrille, die ihrem Träger das Gefühl einflößt, er könne sprechen, ohne zu denken, und urteilen, ohne zu prüfen. Der Haß an sich ist ungeistig und sein Ausdruck ist darum roh. Sein Wort ist Gebrüll, sonst würde das dumme Ohr, auf das allein er rechnet ihn auch nicht verstehen. Sein Witz ist niedrigster Sorte und immer der gleiche abgestandene; man muß die Bilder der Witzblätter oder die Plakate der Festlichkeiten betrachten, in denen sich Völkisches in „bildender Kunst" versucht. Es ist die Mühle, die sich immer und immer um dieselbe Achse dreht, um die Grimasse mit der krummen Nase. Man muß die „Gedichte" lesen, diese Demaskierungen niedrigster Reimerei. Ihre Urheber ahnen nicht, daß es metrische Gesetze gibt. Sie haben kein Wissen von dem Reiz der Form und von der Melodie, die einem Verse innewohnen muß. Sie sind nicht nur witzlos. sie sind ohne Humor, weil Humorimmerauch einepositiveundschließlichversöhnliche, auf die Gesamtmenschheit gerichtete Einstellung zur Welt bedingt. Deshalb ist der Jude Heinrich Heine für die Völkischen ein so besonders lauter Haß, weil er ihr heimlicher Neid ist. Ihre Wut ist die Maske der eigenen Talentlosigkeit. Die Haßeinstellung zersetzt das Talent, falls es vorhanden war, und den Stil. Aus ihrem innersten Wesen heraus verbietet sie die freie und individuelle Betätigung der künstlerischen Absicht. Wenn man einen der völkischen Autoren gelesen hat, hat man alle gelesen. Ernst v. W o 1 z o g e n, der ein Stilist von ebenso festem, wie anmutigem Ausdruck gewesen, schreibt jetzt wie D i n t e r, die Feder im nämlichen Schmutzfaß der Pöbelei. Artur Dinter hat in seinen unvernebelten Jugendtagen e i n wenigstens diskutables Bühnenstück verfaßt, und er hätte weiterhin auf einer gewissen Mittellinie der Anerkennung leidlich bestehen können. Jetzt reitet er zum heidnischen Blocksberg und schreibt dann mit dem Besenstiel. Und Adolf Bartels, der Literaturheilige, ist ein dreister Usurpator dieser Rolle. Er hat Dramen geschrieben, die man kennen muß, wenn man das Niveau ahnen will, von dem er die Leistungen anderer beurteilt. Im ganzen Umkreis der völkischen Literatur ist keine Begabung zu finden, die abseits der Tendenz, an sich zu schätzen wäre. Kein Lyriker, kein Epiker, vor dem auch der Andersdenkende den Hut ziehen möchte, weil er einen reinen Willen und ein reinesKönnen herausfühlt. Vollends im Drama, das ja dann auch die wirksamste Waffe der „Volksaufklärung" wäre, herrscht vollkommene Unfruchtbarkeit. An der deutschen Bühne in ihrem jetzigen Zustand wetzen die Völkischen mit besonderem Eifer ihren Zorn. Manches liegt da im argen, das ist wahr. Die geschäftliche Ausbeutung der dramatischen Kunst, die Vorliebe für grob sexuelle Auslandsspässe, der Mangel an Pflege unserer großen Ueberlieferungen ist vielen ein Dorn im Auge, die dem deutschen Lande eine nationale Kunst gönnen, groß genug, um international zu sein und wie früher zu werden. Aber mit dem Heppheppgeschrei ist es nicht getan. Die Sonderung zwischen Jude und Nichtjude bedeutet auch hier eine Auffassung abseits des Künstlerischen. Und auch hier muß es an die Adresse der Völkischen lauten: erzeugt doch Bühnenleiter, erzeugt Regisseure, gebt vor allem Dramatiker! Gebt Künstler und Kunst! Der Ruf verhallt. Die völkische Kunst ist unproduktives Oedland. Ein künstlerisch Fühlender und Gestaltender, mag er sonst auch Antisemit sein, weicht dieser leeren Stätte aus, wo nur die Distel des Hasses gedeiht — für Esel nicht unschmackhaft — und alle anderen Keime erstickt. Je dümmer eine Literatur, desto größer ihre Verbreitung. Das gilt zumindest für unsere kranke Zeit, in der die wirren Köpfe das besondere Bedürfnis haben, sich noch mehr zu verwirren. Da ganz allein liegt die Gefahr, deretwegen es lohnt, sich mit der sogenannten Kunst der Völkischen überhaupt zu befassen. Die Schriften dieser Leute werden viel gelesen, Herr Dinter hat, wenn auch in absteigender Linie, mit seinen Giftmischerromanen