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Die Wahrheit · 1926-04-30 · Heft 19 (30.4.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 19 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Nr. 19 schehen. An diesem Stein des Anstoßes scheitern ewig alle Bemühungen, die Tragödie von Golgatha dem Gewissen faßbar zu machen. Anderseits regt sich ein Bedenken, daß manchem der Tod sehr erwünscht kommen kann, als die Krönung, als die Apotheose seines Lebens, dessen sämtliche Möglichkeiten erschöpft sind, dessen wirkende Kraft an einem toten Punkt angelangt ist und das nur durch einen möglichst glanzvollen, aufsehenerregenden Abgang noch einmal blendend aufleuchten kann. Eine ewige Märtyrerkrone ist das bißchen Sterben schon wert. Es kann auch einen Rausch des Todes geben, eine unüberwindliche Sehnsucht, die Bürde des Irdischen von sich zu werfen, um als reiner Geist in lichten Höhen ein vollkommenes Dasein zu führen. Nur daß arglose Menschen, einzig weil sie zufällig die Last des Richteramtes auf ihren Schultern tragen, dabei zu Mördern gemacht werden — wie ist das mit der Idee der göttlichen Gerechtigkeit vereinbar? * * * Psychologische Unerfahrenheit meint, die größte Tragik des Lebens sei das Sterben und ahnt nicht, daß eine Stunde Lebens mehr Tragik enthalten kann, als zehnfacher Tod. Christliche Prediger und Theoloeen behandeln gerne die Geschichte von der Darbrineung Isaaks durch Abraham zum Opfer auf Moriia als ein Vorsüiel, das „gleichnisartig voraussagend hinweist auf ein anderes Opfer, ein größeres und bleibenderes, auf die größte Qpfertat der Weltgeschichte, die von Gott gewollte Opferung Jesu Christi am Kreuze Golgathas". Sie finden in dieser Erzählung sogar „germanische 7üge". nämlich „die knanpe. fast epigrammatische Darstellung, die Kargheit im Ausdruck der Empfindungen, die nur angedeutet werden" . . . Aber es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen der Opferung Isaaks und der Kreuzieung Jesu. Nicht?n Isaak erseht der Befehl: ..Stirb für mich!", sondern zum Vater spricht Gott* ..Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak, und bring* ihn mir zum Opfer dar." Das Beste, Einzige. Liebste, das du hast, gib es hin — und bleib?m Leben. Das ist eine Opfertat. Wer die vollbringt, hat Heroismus bewiesen, hat die Probe bestanden. Aber sterben! Was ist das? Das taten ia im Weltkriege z. B. vor unseren Augen Tausende und Hunderttausende, die keine Strahlenkrone erwartete, deren Namen kein Mensch außer ihren Müttern zu nennen wußte. Der Tod kann ein großes Opfer sein, aber das Leben ist das größte. » * * * Die Bibel kennt noch einen Berg, auf dem ein Prophet imd Erlöser starb — wirklich starb. Den Berg Nebo. Auch dieser Tod steht in einem, allerdings entfernten, Zusammenhanee mit dem Osterfeste. Ungefähr fünf Wochen vor ihrem Osterfeste, am 7. Adar. gedenken die Juden in weihevoller und festlicher Stimmung des Todes Mosis. ihres Lehrers, auf dem Berge Nebo. Der Text aber, das Schlußkapitel des Fünfbuches, wird am Freudenfeste der Thora voreelesen. Diese zehn oder zwölf Verse bilden einen der hoheitsvollsten und ergreifendsten Texte der Weltliteratur. Alle „anziehenden germanischen Züge" finden sich hier noch schärfer ausgeprägt: ..die knaope, fast epigrammatische Darstellung, die Klarheit im Ausdruck der Empfindungen, die nur angedeutet werden." Es ist als ob der Text sich scheute, die erhabene Größe dieser Stunde durch ein überflüssiges o_der gar vorlautes Wort zu stören. ... An einem Sabbath-Nachmittag war es, zur Minoha- Zeit, so weiß es die spätere jüdische Volkssage zu künden. Still und friedlich neigte sich der heilige Tag seinem Ende zu. Da verließ Mose das Lagerzelt und schritt seinen einsamen Weg den lichtgekrönten Berg hinan, während das Volk weit unten im Tal noch der behaglichen Sabbath-Ruhe pflegte. . . . Und Mose stieg von den Ebenen Moabs den Berg Nebo hinan, bis zum höchsten Gipfel, gen Jericho, und Gott zeigte ihm das ganze Land, von Gilead bis Dan . . . Und als wollte der Erzähler seine Ergriffenheit beschwichtigen, um sich von ihr nicht übermannen zu lassen, fängt er an. einen ganzen trockenen Katalog von Städtenamen und Grenzen aufzuzählen . . . Und Gott sprach zu ihm: „Siehe, dies ist das Land, welches ich geschworen habe, den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs zu geben; ich zeige es dir, sieh es mit eigenen Augen an, aber dorthin kommst du nicht. . . ." Wozu auch? Es liegt eine tiefe und schmerzvolle Erkenntnis vom Leid der Welt und vom Schicksal des Menschen darin, daß Mose das Land seiner Sehnsucht nur von ferne sehen, aber nicht betreten darf. So soll der Held sterben: mit der großen, reinen Vision seines Ideals vor der Seele und dem schmerzlich beglückenden Heimweh nach dem Reiche seiner Hoffnungen im Herfen, Aber die Verwirklichung seines Ideals begehre er nimmer zu schauen Nichts Trübseligeres, nichts Kümmerlicheres gibt es in der Welt, als der Anblick eines verwirklichten, eines fleischgewordenen Ideals. Und zum einzigen Lohn für sein Leben und seine Mühsal legt dem Helden Gott in letzter Stunde, als das Ideal reif geworden, um in die Niederungen herabzusteigen und irdische, tönerne Gestalt anzunehmen, die Hand auf die Augen und läßt ihn sterben. . . . Und Mose war hundertzwanzig Jahre als er starb. . . . Die Götter Griechenlands ließen ihre Lieblinge in prangender Jugendblüte sterben. Die Lieblinge des Judengottes sterben alt und satt an Tagen, nachdem sie die ganze Schaffenskraft aus sich herausgeholt und hergegeben, nachdem sie alle Schrecknisse des Lebens und alle Wonnen des Leidens durchkostet haben . . . Und Mose war hundertzwanzig Jahre, als er starb, nicht war sein Auge trübe, noch waren seine Säfte geflohen . . . Stolz und kraftvoll, wie er einst, ein Jüngling noch, die Wüste durchmaß, schreitet er jetzt den Berg hinan und sein strahlendes Auge blickt in die untergehende Sonne. Hinter ihm lag ein langes Leben voller Kämpfe und Siege. Mit seinem Ich hatte er gekämpft, mit dem König des mächtigsten Reiches, mit Gott selbst, und mit den Menschen und ihrer Feigheit und Hartnäckigkeit und Dummheit und Eitelkeit und Faulheit; er hatte den Haufen mit starker Hand zu einem Volke gehämmert und hatte dieses Volk zum ewigen Erbteil seines ewigen, einzigen Weltengottes gemacht und liebte es in Demut und grenzenloser Hingabe und trotziger Hoffnung und unendlicher Sanftmut und mit Kraft und Zorn und Haß. Und er führte es wie ein treuer Hirte und wie ein großer Feldherr, wie ein strenger, freundlicher Lehrer und wie eine sorgende Mutter, und er hegte es, wie ein Gärtner seinen Garten hegt, und er trug es. wie ein Adler seine Küchlein trägt, und er schützte es vor dem Zorn seines Herrn, und wollte lieber aus dem Buche, das Gott geschrieben, ausgelöscht sein, als daß er dieses Volk seinem Schicksal überließ, um selber zum Stammvater eines großen Volkes zu werden. Und jetzt hatte er ihm den letzten Segen gespendet und sich still abgewandt und schritt nun seinen einsamen Weg, um auf lichtumflossenen Berge zu sterben. Nicht kummervoll und schmerzverzerrt war sein Antlitz, sondern strahlend und leuchtend, wie ehedem; nicht blutunterlaufen und irr waren seine Augen; klar, stark und liebevoll grüßten sie zum letztenmal die schöne Erdei Nicht begleiteten ihn untröstlich klagende Frauen mit siebenfach durchbohrtem Herzen, noch aufgeregtes, verzücktes, verzweifeltes Volk Er machte kein Aufsehen beim Sterben. StÜl und einsam ging er seinen letzten Gang. Sein Tod hinterließ keine ungesühnte Blutschuld und keine fluchbeladenen Henker. Er machte kein Aufhebens davon. Gott zeigte ihm weit und breit das Land seiner Sehnsucht, wie es zu seinen Füßen dalag, im Lichte des sinkenden Tages. Dann küßte er ihn. . . . Und es starb dort Mose, der Knecht Gottes, im Lande Moabs, nach dem Geheiß Gottes. ... Ganz wie die Sonne drüben in das purpurstrahlende, unendliche Meer still niedertauchte . . . Und er begrub ihn im Tal, im Lande Moabs gegenüber Peth-Peor, und kein Mensch kennt sein Grab bis auf den heutigen Tag. ... Er wollte nicht, daß sein Leichnam und sejn Grab je angebetet würden. Er brauchte auch nicht aufzuerstehen, denn sein Leben war das große Wunder, nichit sein Tod*). Volkische Kunst. Von Fritz Engel. Es gibt, unzweifelhaft, eine nationale Kunst. Eine völkische „Kunst" gibt es n i c h t. Was sich so nennt, ist nur so dreist, sich diesen Namen, der ein höchstes Gut und darum heilig ist, anzumaßen. Nationale Kunst wächst aus dem geistigen und gefühlsmäßigen Gemeinbesitz eines durch Sprache, Ueberlieferung und Sitte zusammengehaltenen Volkskörpers." Sie gehört allen Mitgliedern, auch wenn die Ideen, die sie aus der geistigen Werkstatt der einzelnen Schöpfer verkündet, innerhalb der Gemeinschaft dem einen zusagen, dem anderen mißfallen. Gerade indem sie Debatte erregen, verbinden sie die Angehörigen einer Nation zu gemein- *) Vergl. Segel, „Morijah und Golgatha". Verlag von M. Poppelauer, Berlin C 2.

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