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Die Wahrheit · 1926-04-30 · Heft 19 (30.4.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 19 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19 DIE WAHRHEIT Sek« 3 drohenden Reden zur Umkehr und sprachen zu ihnen in sanften, liebevollen Worten von Gottes unerschöpflicher Gnade und Langmut. Ehemals dachten' die Menschen freilich, Gottes Zorn durch blutige Tieropfer beschwichtigen und seine Gunst erwerben zu können — gleich wie sie vordem, in barbarischen Jahrhunderten, ihren grausamen und blutdürstigen Götzen zu demselben Zweck Menschenopfer darbrachten. Allein diesen letzteren Wahn hatte der Gott Abrahams schon auf dem Berge Morija vernichtet. Und dann hatten die Propheten Israels in jahrhundertelangem eisernen Kampf den Opferglauben in der Wurzel zerstört. Gott fand keinen Gefallen an geschlachteten Tieren und dampfendem Fleisch. Er duldete es, aus Nachsicht mit der Schwäche der Menschen, daß sie ihm Opfer darbrachten. Aber er will nur, daß die Menschen sich ihm anschließen und seine Wege wandeln. Was heißt das, sich Gott anschließen? lehrten die Rabbinen. Das heißt, sich seine Attribute aneignen. Gleich wie er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig: gleich wie er gütig und langmütig ist, so sei auch du gütig und langmütig; gleich wie er gerecht ist, so sei auch du gerecht. Suchet Gott, denn er läßt sich finden, rufet ihn an. denn er ist nahe. Es verlasse der Frevler seinen Weg und der Mann des Unrechtes seine Pläne und kehre zurück zum Ewigen, und er erbarmt sich sein, zu unserem Gott, der unendlich viel vergibt. So wahr ich lebe, spricht Gott, will ich denn, daß der Frevler sterbe? Nur daß er von seinem Wege umkehre und am Leben bleibe. Dies war des alten Gottes alte Methode. Er war ia unser alter Bekannter. Er war der gerechte, strenge König, er war der gütige barmherzige Vater. Und alle Menschen, die ihn anriefen, waren seine Kinder. Doch urplötzlich soll sich der alte Gott die Sache überlegt haben; es genügte ihm auf einmal nicht mehr, daß die Menschen ihren Missetaten entsagten und zu ihm zurückkehrten. Er wollte ein blutiges Opfer, sogar ein Menschenopfer haben. Er fühlte sich außerstande, die Menschheit zu erlösen, so lange nicht ein Mensch ihm zu Ehren am Kreuze sstiarb. Aber um der Welt zu beweisen, wie sehr er sie liebte, sollte dieses Opfer sein eigener, sein eingeborener Spjin sein. Ehedem waren alle Menschen seine Kinder — nun hatte er einen eingeborenen Sohn. Ünd" dieser Sohn mußte Menschengestalt auf sich nehmen, einen grauenvollen Tod erleiden, um als Opfer zu seinen Vater zurückzukehren. Dann erst war Gottes Zorn besänftigt Sonst war Gott kraftlos, die Menschheit zu erlösen. Doch dieser Sohn war mehr als das: er war Gott selbst. Gott hatte sich als Opfer für die Menschbeili dargebracht. Wem aber war dieses, Opfer dargebracht? Niemandem anders., als ihm selbst. Der liebe Gott hat den lieben Gott dem lieben Gott geopfert. ... Es wäre natürlich vermessen, an alle diese hohen Probleme mit dem armseligen jüdisches Datum tragen sollen. Die Antwort ist nicht allein damit gegeben, daß in jüdischen Angelegenheiten der jüdische Kalender maßgebend ist, sondern vielmehr auch damit, daß der jüdische Kalender ein Stück Heiligkeit besitzt und deshalb für all die Gebiete, die eine gewisse Heiligkeit beanspruchen, ganz richtig in Anwendung zu kommen hat. Die hebräische Sprache hat daher auch für die Ansetzung des Neumondstages, des Schaltjahres u. dgl. tatsächlich den Ausdruck „Heiligung", wodurch zum Ausdruck kommt, daß der Kalender im Dienste des Heiligen steht. Denn läßt der Jude Tage und Wochen dahingehen, ohne der Tage, die eine religiöse Bedeutung haben, inne zu werden, kann er oder will er den Luach nicht mehr lesen, bleibt ihm dieser Wegweiser aus Unverständnis oder Gleichgültigkeit ein Buch mit 7 Siegeln, dann hat er auch den Zusammenhang mit dem jüdischen Leben verloren. Er wird ein Einsiedler, der nicht weiß, was die Welt bewegt und ist stets darauf angewiesen, daß ihn ein anderer an die heiligen Stunden und Tage erinnere. In einer Zeit und Umgebung, die dem Juden die Eigenart zum großen Teile abstreift, die die Vergeßlichkeit in religiösen und heiligen Dingen geradezu fördert, ist der Luach der Retter in der Not. Darum muß man ihn erstens lesen können, zweitens besitzen. Für ersteres darf man sich die geringe Mühe, in seine Weisheit einzudringen,, nicht verdrießen lassen, für letzteres die geringe Ausgabe nicht scheuen. Jedes jüdische Haus muß auch einen jüdischeri Kalender besitzen, nicht aus geschäftlichen Gründen, sondern „um zu unterscheiden zwischen Heiligem und Gemeinem," um dem häuslichen Leben die Weihe der Festtage, die Innigkeit der Gedenktage, die begeisternde Kraft religiöser Erinnerungen zu erhalten: Durch dieses kleine Buch mit dem großen Inhalt, das denselben Namen "trägt wie die Gesetzestafeln von Smai r—. Luach! K. Instrument des gesunden Menschenverstandes heranzutreten. Der gesunde Menschenverstand versagt schon vor Dingen, die das Alltägliche überschreiten, geschweige vor den letzten Fragen der Menschheit. . . Aber mittlerweile hatt sich eine furchtbare Tragödie abgespielt: ein schuldloser Mensch, ja, viel mehr als das, ein Gottmensch, hatte einen martervollen Tod erduldet mit allen seinen Bitternissen und Demütigungen. Doch das mußte so sein. Es konnte nicht anders kommen. Das lag im göttlichen Weltenplan. Gottes eingeborener Sohn, empfangen von Maria in unbefleckter Jungfräulichkeit, mußte unter unsäglichen Qualen am Kreuze sterben, sein heiliges Blut mußte den Sand der Richtstätte färben, damit sein Vater imstande war, die Menschheit zu erlösen. Sonst wäre die Menschheit in dem Pfuhl der Erbsünde geblieben, versunken, der Gewalt des Bösen in alte Ewigkeit verfallen, wäre nimmer der Seligkeit teilhaftig geworden. Er mußte also sterben. Und durch wessen Hände mußte er sterben? Durch die Hände seiner eigenen Brüder, die das Volk Gottes waren, von ihm selber so bezeichnet. Sie mußten ihn martern und töten — sonst wäre Gott um sein Opfer gekommen und das Menschengeschlecht in alle Ewigkeit verdammt; die Erbsünde würde immerdar die Kinder Ädams in ihrem Banne halten. Hätten sie ihn nicht getötet, sie hätten Gottes Erlösungsplan vereitelt. Sie mußten ihn töten, obgleich ihre Richter sonst grimmige Freunde der Todesstrafe waren. Es war Gottes Wille. Sie mußten sein Blut auf ihr Haupt laden, den ewigen Fluch der schrecklichen Tat auf die Häupter ihrer Nachkommen bis ans Ende der Tage. Gott wollte es so. Gott hat sein Volk zum Henker seines Sohnes erkoren. Du tötest meinen Sohn und sein Blut erlöst die Welt, du aber bleibst in alle Ewigkeit verdammt — oder du tötest ihn nicht, ich kann die Welt nicht erlösen und du bleibst erst recht in alle Ewigkeit verdammt. Das war der Dank Gottes, das war der Lohn Gottes an sein Volk, dafür, daß es ihn zuerst erkannt und geliebt, in tausendjähriger Entsagung auf staatliche Macht und Herrlichkeit verzichtend, sich zu seiner Erkenntnis durchgerungen, den Haß und den Spott einer Welt auf sich geladen, um ihn zu verkünden, seine Schlachten geschlagen, ihn treu und mutig bekannt und, tausend übermächtigen Feinden zum Trotz, sein Gesetz zum Gesetz der Welt erhoben hatte. Gott hätte s.ejnen Sohn getrost anderwärts Menschengestalt annehmen lassen können: in den Urwäldern Germaniens, im ewigen Rom, in dem schönen und weisen Athen, die ja jetzt ohnehin auch sein menschlich Teil für sich in Anspruch nehmen. Aber er wollte just, daß sein Volk in das Blut seines Sohnes die Hände tauchte, um noch zweitausend Jahrs nachher als „gottesmörderisches Volk" blutig verhöhnt und verfolgt zu werden. Gott wollte es nicht anders. Fürwahr, milder und gerechter kann selbst ein Gott nicht sein. . . . * * * Die Golgatha-Geschichte hat für das Gewissen der Juden, aber auch noch andere unüberwindliche Schwierigkeiten und unübersteigbare Höhen. Um nur eines zu erwähnen: die Kreuzzigung Jesu erscheint im Grunde als ein entsetzlicher Justizirrtum, einem verhängnisvollen Mißverständnis entsprungen. Das jüdische Synhedrion wußte eigentlich nicht, wen es da vor sich hatte. Jesus verschmähte es, sich zu verteidigen. Das ist sicherlich groß und erhaben. Es ist tragisch und erschütternd. Aber der Schein sprach in allen Punkten gegen ihn. Man hat kein Recht, an die Verworfenheit der Richter zu glauben. Sie folgten nur der Stimme ihres Gewissens, indem sie ihn verurteilten. Und er sprach kein Wort, welches sie aufklären konnte. All die große Zaubergewalt seiner Persönlichkeit, die ganze Macht seiner Rede, welche ihm alle Herzen eroberte und die Massen hinriß, welche hartgesottene Sünder von Grund aus umwandelte, ließ er unbenutzt, und ließ es zu, daß die Richter in ihrer Verblendung ins Verderben rannten und ihr ganzes Volk mit hineinzogen. Ein Wort von seiner* Lippen hätte genügt, ihnen die verhängnisvolle Binde von den Augen zu nehmen. Aber seine Lippen blieben geschlossen. Nun hat, nach der schlichten Anschauung des einfachen Juden, der Angeklagte seinen Richtern gegenüber noch höhere Pflichten, als diese gegen ihn. Dem Angeklagten droht im schlimmsjten Falle die Gefahr, den Tod zu erleiden, den Richtern aber — einen Mord zu begehen, ihre Hände mit unschuldigem Blut zu beflecken. Darum gebietet schon die primitive Pflicht der Nächstenliebe, daß ein Angeklagter, der sich unschuldig weiß, alle seine Kraft aufbiete, damit er von den Richtern die schauerliche Gefahr, Blutschuld aui sich zu laden, abwende. Er darf kein Mittel unversucht lassen und sich erst ergeben, wenn er alles erschöpft hat, was seine Richter eines Besseren belehren könnte. Das ist in Jerusalem nicht ge-

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