Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 19 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 mewAffitflSiT Nr. 19 Glaubensgenossen, meiner Brüder und Schwestern, durch Folter und Marter, durch Feuer und Wasser, durch Dolch und Schwert, durch Gift und Galle getötet, gequält und vernichtet! Ihr habt den ganzen Erdball zu einem Rauchaltar gemacht, in eine Brandstätte umgewandelt; ihr habt unsägliches Elend in Jede Hütte gebracht, schreckliches Unglück auf jede Familie gehäuft, unendlichen Schmerz in jede Brust gesenkt!" O Kultur und weltgeschichtliche Größe, wie machst zu zuschanden die Prophezeiung des Jesaia! (II, 4.) „Man wird schmieden die Schwerter zu Sensen, die Speere zu Winzermesser und nicht mehr hebt Volk gegen Volk das Schwert and nicht lernen sie fürder Krieg", wenn heute, fast 1900 Jahre nach dem Auftreten der Person Jesu ganz Europa in Waffen starrt und Bruder gegen Bruder kampfgerüstet zum Blutvergießen bereit ist!" Trotz der Freimütigkeit und Schärfe, womit Dr. Rieß seinen Standpunkt als begeisterter Jude vertrat, vielleicht gerade deshalb, bewahrte ihm sein berühmter Gegner die wärmste Sympathie und Verehrung, die sich einige Monate später, nachdem der Briefwechsel ohne Sieger oder Besiegte geendet hatte, in einer höchst schmeichelhaften Weise äußerten. Professor Delitzsch widmete nämlich am 14. Juni 1887 sein Werk „Ein Tag in Kapernaum" Herrn Dr. Hermann Rieß mit den Worten: „Herrn Dr. med. Rieß mit der Bitte, dieses Büchlein als Abschluß unseres brieflichen Gedankenaustausches anzunehmen- Franz Delitzsch, Leipzig, Juni 1887." Dr. Rieß beantwortete dieses, den Spender wie den Empfänger gleicherweise ehrende Zeichen geistiger Hochkultur mit einem gebührenden Schreiben, dessen Schlußzeilen noch jetzt ihren Eindruck nicht verfehlen können: „Und nun gewähren Sie mir, hochgeehrter Herr Professor, folgende Bitte: Wenn die grauen Nebel der Unwissenheit und der Bosheit, welche über unsern Häuptern (der Juden nämlich) schweben zu einem dräuenden Gewälke sich verdichten, und wenn aus dem Meere mittelalterlicher Finsternis die in dessen Tiefen ruhenden schauerlichen Ungeheuer des Glaubens- und Rassenhasses an die Oberfläche getrieben werden, dann mögen Sie, hochgeehrter Herr Professor, angetan mit dem Kleide der Wahrheit und Gerechtigkeit und umgürtet mit dem Gurte der Liebe, aus ihrer Studierstube in die Oeffentlichkeit hinaustreten und die Finsternis verscheuchen, das Gewölke zerteilen und Licht und wieder Licht ausstrahlen und ausströmen lassen kraft Ihres Zauberwortes der Wahrheit und der Liebe!" So Dr. Rieß an Delitzsch, den Vater. Delitzsch, der Sohn, hat es allerdings für gut befunden, die Manen jenes beleidigend, ein Schmähwerk gegen die Juden zu verfassen. Und so gestaltet sich der obenerwähnte Briefwechsel auch zu einer Anklage gegen den Autor der „Großen Täuschung". „Der Prozess Jesu." Von Binjamin Segel. (Schluß.) Die ganze Konzeption eines leidenden und sterbende« Gottes war echt heidnisch. Den Juden, zumal denen jener Zeit, mußte sie in der Seele ein Gräuel sein, sie standen ihr, gegenüber völlig verständnislos. Man vergegenwärtige! sickdoch den Inhalt dieser Lehre: Jesus Christus, der eingeborene Sohn Gottes, in der, heiligen Dreifaltigkeit mit Gott identisch, ist am Kreuz gestorben, um die Menschheit zu erlösen, ihre Sünden zu sühne«, Gott sah, daß die Menschheit in den Pfuhl der Sünde versunken war und Satans Macht zu verfallen drohte, und er beschloß, sie zu erlösen. Aber wie sollte er das anfangen? In alten Zeiten — so erzählten uns Juden unsere Vorfahren! —1 sandte er in derartigen Fällen seine Propheten zu den Mert-« sehen, nicht nur zu den Juden, sondern auch, wie Jonah, zu den Heiden, und die Propheten mahnten sie mit zornmütigen; Der Luach. „Sprich zu den Israeliten und verkünde ihnen die Feiertage Gottes, die ihr ausrufen 6oUt als heilige Zusammenberufungen; diese sind meine Feste". III, 23, 2. Im Lehrhause herrschte aufregender Streit der Gelehrten. Der Patriarch R. Oamliel hat den Anfang des Monates Tischri festgesetzt und die Feiertage verkünden lassen. R. Josua, ein ebenso feescheideBer wie bedeutender Gelehrter, weist dem Patriarchen einen Irrtum nach, bemerkt, daß der Neujahrs¬ und Versöhnuagstag, wie ihn der Patriarch hatte ausrufen Jassen, auf einen anderen Tag fallen müsse und fordert das "Kollegium zur Abänderung der Verkündigung auf. R. Gamliel weicht nicht von seiner Meinung, will nichts von einem Irrtum wissen, nichts berichtigen und zugestehen, fordert vielmehr R. Josua auf, den vom Pafriarchen festgesetzten Versöhnungs- .tag zu halten, hingegen den nach der Berechnung R. Josuas als Versöhnungstag erscheinenden Tag als Werktag zu betrachten und an diesem vor ihm mit Stab, Reisetasche und 'Geldbeutel zu erscheinen. Das war hart und schwer für einen Mann von Ueberzeugung. doch dem greisen R. Dossa gelang es, R. Josua zum Gehorsam zu bestimmen und zu überzeugen, daß die Einrichtungen des religiösen Oberhauptes unangefochten bleiben müssen, auch dann, wenn sie aus einem Irrtum hervorgegangen sind. Dieses geschichtliche Vorkommnis beh leuchtet die Bedeutung, die der Festsetzung der Festtage zukommt. „Dies sind die Festtage Gottes, die ihrausrufen sollt." Dieser Satz der Schrift wird schon im Talmud dafür erklärt, daß die Feste von .Gott bestimmt sind, aber von dem Berufenen verkündet und von uns also gehalten werden müssen, Wissenschaft und Forschung dürfen mit ihrem Ergebnis das Gotfceswort nicht beseitigen. Die Feiertage sind von Gott gegeben, von Gott gewollte Tage, die von Menschenwillen und Menschenschicksal unabhängig sind. Ihre Bedeutung liegt auch darin, daß sie unveränderlich feststehen als die ruhenden, Punkte in der Flucht der Ereignisse des Lebens. Das Wesen des göttüchen Festtages besteht darin, daß keine Menschenmacht ihn ein- oder absetzen darf, daß wir selbst ihn uns nicht zu Freude und Genuß einsetzen, sondern er vielmehr als ein Teil des uns von Gott gegebenen Lebens, als das Seelische, Geistige und Göttliche unseres Erdenwallens erscheint. Dadurch besitzt er eine Heiligkeit, die wir mit unseren Mittel« und Fähigkeiten irgendeinem Tage des Jahres nicht geben können. Die Festtage Gottes zeigt der jüdische Kalender, der Luach, wie er genannt wird, an. „Wer den Kreislauf der Zeiten und Gestirne zu berechnen versteht und solches unterläßt, für den gilt das Wort: „Das Werk Gottes schauen sie nicht," sagt der Talmud. Der Luach mit seinen trockenen Zahlen und nüchternen Angaben ist ein kleines Religionsbuch für den, der darin zu lesen versteht. Er ist ein ständiger Mahner, ein bebitroflicher Erinnerer, der uns aus der Bürde und dem Ejnerlei des Alltags zu den Pflichten und Verpflichtungen gegen das Göttliche und Seelische in uns aufruft, der an die Vergangenheit gemahnt, Wiege und Grab miteinander verbindet Gar oft wird die Frage aufgeworfen, warum die Jahrzeit eines teueren Tote_n nach dem jüdischen Kalender gehalten werden muß, die Barmizwah des Knaben nach dem jüdischen Kalender berechnet wird, die Trauung von den Zeiten des jüdischen Kalenders abhängig ist und Grabstein»