Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-04-30 · Heft 19 (30.4.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 19 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063990--14524-3082087
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Oesterretchische Wochenschrift für indische Interessen Plit dem Belhlatt: Veröfienffldiungen der ..Union deutschösterreidilsdier Jaden" Redaktion und Administration: Wfi^M» MM.. Bclnc»<ruflc 13. - Fernruf 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 30. April 1926 _Nummer 19 Eine Anklage! Die Kunst des stilvollendeten Briefschreibens, wie sie im 18. Jahrhundert zur hohen Blüte und Pflege gelangte und im kostbaren Besitzstand der Literatur ein Unvergängliches bildet, gehört zu den überwundenen Erscheinungen. Um so angenehmer berührt ein aus dem Jahre 1888 stammender, der Vergessenheit entrissener „Briefwechsel zwischen Professor Franz Delitzsch und Dr. Hermann Rieß, praktischer Art in Auspitz" als Sonderabdruck einer Korrespondenz, die seinerzeit in der gleichfalls der heutigen Generation unbekannten jüdischen Wochenschrift „Die Neuzeit" erschien. Die Veranlassung zu diesem damals vielbesprochenen Gedankenaustausch war eine sehr leidige. Der Bezirksrabbiner von Tapio-Szele, ein Herr •J. Lichtenstein, hatte eines Tages sein Herz für das Christentum entdeckt und seiner Ueberzeugung schriftlichen Ausdruck gegeben. Prof. Delitzsch, der berühmte Gelehrte, der auch in dem bekannten Rohling-Bloch-Prozeß durch seine Verteidigung der Juden und des Talmuds eine Rolle spielte, konnte nicht umhin, als begeisterter Christ an den ungarischen Rabbiner ein anerkennendes und ermunterndes Schreiben zu richten, gegen welches Dr. Rieß mit einem offenen Schreiben in der „Neuzeit" Stellung nahm. Der weltbekannte Gelehrte, den Dr. Rieß als „Heros der hebräischen Literatur" ansprach, und der schlichte Landarzt in wissenschaftlichen Kontroversen, das schien ein Duell zwischen ungleichen Kämpfern. Es zeigte sich aber im Verlaufe der gegenseitigen Korrespondenz, daß auch Dr. Rieß wacker seinen Mann stellte, im Talmud und allgemein jüdischen Wissen wohl beschlagen war, jeden Hieb geschickt parierte und in Verteidigung wie Angriff hervorragend war. Es war, als ob zwei feine Toledanerklingen aufeinander trafen, Schlag auf Schlag stoben die hellen Geistesfunken, und trotzdem wurde der Kampf mit jener Höflichkeit des Herzens, mit jener Eleganz geführt, die unseren Polemikern gänzlich abhanden gekommen ist. Aus einer Stelle der Briefe Dr. Rieß' geht hervor, daß der Judenchrist Lichtenstein seine religiöse Schwenkung durchaus nicht aus innerem Drange vollzog, sondern praktischen Beweggründen folgte. Zum Verständnis dieser Beschuldigung muß man wissen, daß in den Siebzigerjahren in England die „Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden", die „Jewish Mission", eine außerordentlich rege Tätigkeit sowohl im englischen Heimatslande als auch anderwärts entfaltete. Sie verfügte über ein für damalige Verhältnisse riesiges Vermögen von sieben Millionen Pfund und hatte den Prinzen von Wales, späteren König Eduard VII., zum Protektor. Ihr Seelenfang beschränkte sich nicht nur auf die armen polnischen Juden des East-End, sondern sie warb auch in besseren Intelligenzkreisen. Ihre reisenden Missionäre waren fast durchwegs galizische Proselyten, die für ihr Geschäft in einem besonderen Londoner Institut ausgebildet wurden. Es ist immerhin möglich, daß Rabbiner Lichtenstein den Lockungen eines solchen Apostels unterlag. Dem sei nun, wie ihm wolle, Tatsache ist, daß der Fall Lichtenstein im Judentum das größte Aufsehen und Aergernis erregte, besonders nach dem Eintreten des berühmten Professor Delitzsch. Da war es nun Dr. Hermann Rieß in Auspitz, der den hingeworfenen Handschuh aufnahm und für das Judentum in die Schranken trat. Die Frage der Gottmenschlichkeit, die in dem Briefwechsel kontrovers wurde, soll natürlich hier unberührt bleiben, dagegen wird man noch heute mit lebhaftem Interesse lesen, was Dr. Rieß betreffs der kulturgeschichtlichen Auswirkungen, die von der Person Jesus ausgegangen sein sollen, Professor Delitzsch erwiderte und sich wie eine flammende Anklage gegen jene Kulturauswirkungen formulierte: „Sind nicht die Menschen jeden Zeitalters, jeder Generation seit dem Erscheinen Jesus auf der Bühne der Geschichte ärger als die Bestien gewesen? Weiß das heidnische Altertum soviel und von solchen mörderischen Szenen zu erzählen, wie sie das Mittelalter und die neue Geschichte bis auf die Gegenwart, diese mitinbegriffen, dargeboten hat und darbietet? Habe ich es nötig, Ihnen, hochgeehrter Herr Professor die Roheiten des Raubrittertums, die Greueltaten der Kreuzzüge, die langwierigen Kriege der Reformationsperiode vor Augen zu führen? Die kulturgeschichtliche Entwicklung ist wohl langsam, aber stetig, oft unter Rückfällen, jedoch ohne Zusammenhang mit dem Auftreten der Person Jesu vor sich gegangen; ja ich halte es sogar für sündhaft, christlicherseits die kulturgeschichtlichen Wirkungen mit der Person Jesu in direkten Zusammenhang zu bringen; denn Jesu, welcher die Liebe und nur die Liebe stets im Munde führte und sie auch zeitlebens betätigt hat, würde gewiß den Christen einer jeden Zeitperiode zugerufen haben: „Eure Hände sind voll von Blut; waschet euch, reinigt euch, leget euren bösen Wandel ab." (Jes. I, 15—16). „Ich mag mit euch keine Gemeinschaft haben, denn ihr habt die Liebe in Haß, das Heil in Gift, das Wohl in Wehe verwandelt! Ihr habt Hekatomben meiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.