Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 18 (23.4.1926)
- Date
- 1926-04-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DfE WAiggaarr ITisW Nr. 18 keit unter den Menschen, die allerdings an jene erinnert, die zwischen — Kain und Abel herrschte. * Die Königliche Kurie, von deren endgültigem Urteil es abhing, ob Josef Marffy gehängt werden soll oder nicht, hat entschieden, daß dieser überschwängliche Patriot seinen Parteigenossen erhalten bleibe. In der ersten Instanz war Marffy (im Dezember 1924) wegen des Bombenanschlages gegen den Elisabethstädter Klub, dem neun ehrenhafte Menschen zum Opfer gefallen, zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Im November 1925 hat die Königliche Tafel dieses Urteil annulliert und Marffy nur wegen des Anschlages gegen die französische Gesandtschaft, bei dem keiner rliege ein Leid widerfuhr, zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Königliche Kurie dachte nicht mehr an die neun Toten, erinnerte sich jedoch mit bewunderungswürdiger Logik und unerbittlicher Konsequenz an die Tatsache, daß auch die Bombenattentate gegen den Abgeordneten Rassay und den Redakteur Miklos erfolglos geblieben, und erhöhte wegen dieser die über Marffy verhängte Strafe auf acht Jahre Zuchthaus. Marffy hat, meines bescheidenen Dafürhaltens, großes Glück gehabt. Es wäre ja schließlich denkbar gewesen, daß die Königliche Kurie, die seine Schuld bei diesen drei Bombenattentaten als erwiesen annahm, auch hinsichtlich seiner Schuld an den Elisabethstädter Attentat den Richtern in der ersten Instanz beigepflichtet hätte. Wer hätte dann diesen Erwachenden vor dem ewigen Schlaf retten können? Wie Marffy die Sache auffassen wird, das ist eine andere Sache. Wenn man bedenkt, wie dieser junge Mensch in der ersten Verhandlung dem ungarischen Ministerpräsidenten so frech ins Gesicht sprang, als ob dieser mehr auf seine Gnade, als er auf die Gnade Bethlens angewiesen sei, wäre man gar nicht überrascht, wenn Marffy aus dem Zuchthause, das er früher oder später — vermutlich früher — verlassen wird, die Lehre mit sich nähme: In Ungarn sind nur die mißlungenen Mordattentate, aber nicht die erfolgreichen gefährlich. Nämlich für die p. t. Herren Mörder. Ego. Die Ursprünge einer geadelten Wiener Familie. Von Professor Samuel Kraus. „Gelobt sei, wer da Zeiten verändert" — diesen rituellen Setgensspruch können alle Wiener Juden dankerfüllten Herzens sprechen, wenn sie bedenken, was das Judentum, was speziell die eine oder andere Famiilie noch vor hundert Jahren auf diesem so viel begehrten Wiener Boden waren. Gab es da einen Mann namens Bernhard (Beer) Grünebaum (in Wien sprach und schrieb man den Namen „Grünbaum"), der aus Frankfurt a. M. stammte (zu dieser FamiEe s. Ddetz, Stammbuch der Frankfurter Juden, S. 128). Schon der Name weist auf das alte Ghetto in Frankfurt hin, wo die Juden ihren Namen von dem von ihnen bewohnten Hause herzuleiten pflegten, wie am besten durch „Rothschild" bekannt 'ist Man sollte meinen, unser B. Grünebaum kam Geschäfte halber nach Wien, aber Oerson Wolf (Geschichte S. 107, Note) weiß von ihm zu berichten, daß er dier Wiener Polizei (geheime Kundschafterdienste leistete und das zu einer Zeit, wo durch den Wiener Kongreß (1814/15) auch die Judenfrage so viel erörtert wurde. Welcher Art die Spitzeldienste des Herrn Grünbaum waren, wissen wir nicht, aber seine Auftraggeber scheinen jedenfalls mit ihm zufrieden gewesen zu saim, da wir finden, daß er seit 1814 in Wien „toleriert" wurde, das höchste Glück, wonach ein Jude in Wien in den damaligen Zeiten begehrte. Aber die Juden können sehr gut dfi&tinguieren; der neue Tolerierte, dessen dunkle Verbindungen mit der Polizei ihnen wohlbekannt und natürlich ein Greuel waren, wurde von ihnen „gemieden", d. h., nach unserer heutigen Sprache, gesellschaftlich von ihnen boykottiert. Doch. die Zeit heilt alle Wunden, mitunter auch solche, die am Schilde der Ehre geschlagen wurden. Unseren Beer Grünwald gelang es, in Wien festen Fuß zu fassen; er etablierte sich hier als Großhändler — seinen Laden hatte er in der Stadt Nr. 1118 — und als er anno 1825 Frl. Therese Landauer als Gattin heimführen durfte, war er ein gemachter Mann. Denn der Vater seiner jungen Gattin, die damals 24 Jahre alt war, war ein überaus angesehener Mann; er hieß Isaak Gabriel Landauer und war schon seit 1793 in Wien „toleriert", und zwar auf „Verschleiß inländischer Fabrikate", was keinesfalls zu verachten war. Landauer gehörte zu den Alttolerierten, also gewissermaßen zum Wiener jüdischen Adel, Grünbaum wird merkwürdigerweise auch noch 1834 zu den Neutolerierten gezählt. Alle diese Verhältnisse und Namen sind aus den Akten, die Fr. P r i b r a m zur Geschichte der Juden in Wien publizert hat, leicht zu ersehen. Unser Mann starb übrigens, erst 50 Jahre alt, am 22. Mai, 1837. Er wurde seföt 1823 in der Famildenliste geführt und wir kennen auch seine- Nachkommen, Sohn und Tochter, die aber wahrscheiTDlich aus einer früheren Ehe stammen. Beide, Sohn und Tochter, heirateten in die ersten Familien Wiens, jedoch schon nach dtem Tode des Vaters. Ignaz Grünbaum, Großhändlerssohn, wohnhaft Stadt 454, heiratete Marie Bosch an, Großhändlerstochter, 21 Jahre alt, ledig. Karoline Grünbaum wurde, die Frau des Josef Wertheim s t e i n des jüngeren (A. Wachstein. Inschriften II. 517). Beide Heiraten fanden 1838 statt. Mitglieder dieser Grünbaumschen Familie ließen sich später taufen, wurden geadelt und. leben heute noch in Wien. Wir brechen die Familien)- beziehunigen ab; sie interessieren uns nicht mehr. Der Ghettojunge von Frankfurt a. M., Bernhard Grünbaum, hat aber in Wien eine gewisse Rolle gepiedt. Er war eine Zeit lang Vorsteher der Chewra ■ Kadischa — wiie denn nicht, da er mit dien Landauers verschwägert wair und 'diese Familien sich gegenseitig stützten. Sein ehemaliges Verhältnis zur Polizei war wohl schon vergessen. Am 23. Februar 1834 wurde er auch zum Vorsteher des damals noch jungen israelitischen Armenvereines gemacht (S. Kraus, Gesch. d. isr. Armenanstalt in Wien, S. 33), ein Ehrenamt das er jedoch niia antrat. Gewisse Widerstände machten sich gegen ahn geltend; mit Recht, und wir können uns auch die Ursachen denken. Aber nicht zu verstehen ist es. daß dieser Mann als Vorsteher der Chewra Kadisoha fungieren konnte; der „heilige" Verein pflegt sonst die exklusivste Vereinigung in den jüdischen Gemeinden zu sein, und schon die Männer, die ihre Miglieder werden, müssen auf die Integrität ihres Charakters geprüft werden, umsomehr ihre Vorsteher.. Dieser, ich gebe zu: nur untergeordnete Punkt (in der jüngeren Geschichte der Wiener Gemeinde, bedarf noch deir Aufklärung; vielleicht erregt der hier berührte Sachverhalt dlie Wißbegierde elines Spezialforschers, der dann aus den Akten vielleicht herausfindet, was in den Büchern noch nicht verzeichnet ist. men u«d b*s:«»m«w »aW* tteide»«°«en'*a bei d^^ged^en».^ t0 UeJ^fn^^ «i^*^S^BjSBS3^ •-^^ftSSs5^ •fbrÄ&6tei*tt