Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 18 (23.4.1926)
- Date
- 1926-04-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 18 DIE WAHRHEIT Seife? dauer und Energie dennoch behauptet, sehr oft dadurch, daß sie sich in den Bergen zurückgezogen haben. Die Falachas leben so wie die Yemeniten im Hauran und Yemen, sie wissen, daß es Juden auf der Welt gibt, wollen aber mit diesen Glaubensbrüdern nicht sehr zu scharfen haben. Dr. Feitlowitsch ist nun seit Jahren bestrebt, diese unsere Brüder dem allgemeinen Judentum zuzuführen und man kann heute schon sagen, daß dieses schon gelungen ist. Der Palästinagedanke hat auch unter den Falachas an Boden gewonnen und werden wir hoffentlich nun auch bald diese, in Palästina, in unserer großen Volksgemeinschaft, finden. Seit dem Jahre 1913 besteht zur Förderung der Falacha-Bewegung ein Schulwerk im Innern Abessiniens, unter der Leitung von Aleka (Professor) Qetle, der in Europa und Palästina ausgebildet wurde. Seit dem Jahre 1922 besteht in Addis-Abeba, der Hauptstadt Aethopiens, unter Leitung von Aleka Taamrat Emanuel eine Schule. In dieser Schule wird nun die Kenntnis des Judentums der jüngeren Generation genauer beigebracht. Wir sehen also, daß dort in Abessinien Juden leben, die uns beim Aufbau unseres Heimes in Palästina für die Zukunft sehr nutzbringend sein werden. Wir freuen uns, daß diese Falachas — oder besser Juden genannt — sich für das so große Palästinawerk schon heute interessieren, wir Juden in Europa haben die Pflicht, diese unsere Brüder in der großen Judengemeinschaft mit Freude zu begrüßen. Glossen. Eilige Leser, die flüchtig die Interpellation gelesen, die Dr. Jerzabek vor einigen Tagen in der Nationalversammlung eingebracht, konnten im ersten Augenblick glauben, der unersättliche Judenfresser habe in einem plötzlichen Anfalle von Geistesklarheit gegen den Antisemitismus losgezogen. Und zwar mit Worten, die an jene erinnerten, mit denen einst der große Historiker Mommsen den Antisemitismus gebrandmarkt hatte. Auch in Doktor Jerzabeks Interpellation ist von einer „Seuche" die Rede, die, aus einem anderen Lande „eingeschleppt, bereits Formen anzunehmen drohe, die zu den schärfsten Abwehrmaßnahmen herausfordern1*. Mit Bedauern wird festgestellt, „daß bereits viele Personen Opfer dieses Giftes geworden sind", und schließlich wird darüber geklagt, „daß die Bestimmungen des Strafgesetzes viel zu milde sind, um eine geeignete Handhabe zur Bekämpfung dieses Lasters zu bieten". Der eilige Leser stutzt, liest die Interpellation genauer und sieht, daß Dr. Jerzabek nur gegen die eingeschleppte Seuche des Kokainlasters gewettert hat. * :;: * In einer Mieterschutzfrage, die dieser Tage im Gerichtssaale zur Austragung gelangte, erklärte der juristische Vertreter des Servitenkonvents, „es widerspreche den Grundsätzen des Klosters, mit Fremdrassigen in Berührung zu treten". Ich habe* was ich wohl nicht erst zu versichern brauche, keinerlei Mandat, das Kloster gegen diese Erklärung seines Anwaltes in Schutz zu nehmen, die sicherlich von ihm zwar bona fide, aber nur infolge eines Mißverständnisses vor dem Richter erstattet wurde. Es hieße, ein katholisches Kloster empfindlich beleidigen, wenn man annehme, daß es nicht auf den Grundsätzen des die Liebe verkündenden Evangeliums, sondern auf den haßpredigenden Lehren einer auch von der echten Wissenschaft längst überwundenen Rassentheorie stehe. Diese Theorie muß sicherlich von jedem christlichen Kloster als schmachvolle Verleugnung der Lehren Jesus verdammt werden, und nicht nur dann, wenn die angeblich „Fremdrassigen", von denen der Advokat sprach, zu den Rassengencssen der Apostel und so vieler Heiligen der katholischen Kirche gehören. Ich bin auch überzeugt, daß ich nicht der erste bin, der den Advokaten auf sein Mißverständnis aufmerksam machte; das Servitenkloster wird mir darin längst zuvorgekommen sein. Immer wieder hört man, daß sich Juden finden lassen, die antisemitelnden Blättern in der einen oder anderen Weise materiell Hilfe zuwenden. Auch die von Antisemiten selbst gefälligst besorgten Enthüllungen über ihre Zeitungsaffären haben neulich wieder einen lehrreichen Einblick in die Geschäftsgebarung hakenkreuzlerischer Judenfresser geboten, die mit jüdischem Gelde ihre wankenden Unternehmungen zu stützen suchten. Man wird zugeben müssen, daß sich eine solche Praxis ganz vorzüglich mit dem antisemitischen Grundsatz vereinigen läßt, das jüdische Kapital müsse um jeden Preis, selbst mit Hilfe jüdischen Kapitals, bekämpft werden. Aber wie kommen Juden dazu, auch nur das Geringste zu tun, was möglicherweise ein hakenkreuzlerisches Blatt vor dem Zusammenbruch schützt? Sollten sie vielleicht gar durch ein Mißverständnis hierzu gelangt sein? Im Alten Testament, 2. M. 23, 6, heißt es allerdings: „Wenn du den Esel deines Feindes unter seinen Lasten niederstürzen siehst, so unterlasse es nicht, ihm beizustehen; aufhelfen sollst du ihm!" Die Hakenkreuzler sind sicherlich Feinde der Juden, aber ihren Blättern braucht ein Jude doch nicht beizustehen. Graf Skrzynski, der polnische Ministerpräsident, der zugleich als Minister des Aeußern auf politische Reisen geht, hat in Wien gelegentlich eines Presse-Empfanges Aeußerungen getan, für die man sein Land zweifach beglückwünschen müßte. Erstens, daß es einen solchen Ministerpräsidenten hat, zweitens, daß es einen solchen Minister des Aeußern sein nennen darf. Graf Skrzynski verkündete in Wien die Brüderlichkeit zwischen den Menschen als sein höchstes Ideal. Die weiteren Ausführungen des Ministers lassen keinen Moment einen Zweifel an der vollen Loyalität und der rückhaltlosen Aufrichtigkeit dieses Bekenntnisses zu, das in Polen sicherlich von allen Menschen guten Willens und ganz insbesondere von den Juden mit Begeisterung begrüßt werden wird. Was die Antisemiten in Polen, diese patentierten Realpolitiker des Hasses, zu dem Programm des Ministerpräsidenten sagen werden? Nun, vielleicht stimmen auch sie ihm bei. Auch sie kämpfen ja für eine Brüderlich-