Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 18 (23.4.1926)
- Date
- 1926-04-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Hr. i8 liehen Theaterarbeit solch ein Bühnenwerk vorstellt, so möchte ich, wenn die grobe Frage außerkünstlerischen Sinnes denn doch gestellt werden soll, die Frage: Ist dies für die Juden ein günstiges und erfreuliches Stück? unbedingt mit einem „Ja" beantworten. Die Juden in Abessinien. Von Siegfried J a c o b y. Im Süden des ägyptischen Sudans in der Nordostecke des großen afrikanischen Kontinents, liegt das schöne Reich Aethiopien oder besser Abessinien, das reichlich dreimal so groß ist als Deutschland. Die Bodengestaltung des Landes sowie die Geschichte der Bewohner sind ganz eigenartig und fesseln jeden, der sich damit beschäftigt. Vor allen Dingen haben wir Juden großes Interesse an den Bewohnern Abessiniens. Es ist nun vor einigen Wochen der tüchtige Forscher Dr. I. Feitlowitsch nach Europa gekommen und berichtet nun, was er seit zwanzig Jahren drüben studiert und geforscht hat. Aus den Niederungen und den Küsten der umgrenzenden Gebiete und Länder erhebt sich senkrecht eine lange Kette emporsteigender Felswände, die das ganze Land zu einer großen Felsenburg machen. Nach dem Innern erhebt sich eine Terrasse über die andere mit ausgedehnten ebenen Teilen. Die Abessinier bewohnen die zwischen 1800 und 3000 Meter über dem Meer gelegenen Hochebenen. Aber noch höher steigen die Berge — bis 4000 Meter, ja bis zur Höhe des Mont Blanc. Im Gegensatz zu den Abessinien umgebenden Ländern besitzt diese wunderschöne afrikanische Hochlandgegend große Wasserreichtum; das ganze Quellengebiet des Nils liegt dort. Die fruchtbringenden Bestandteile des Nils v/erden in der Regenzeit von den Bergen Abessiniens heruntergeschwemmt und bringen Aegypten und auch Palästina seinen Reichtum. Abessinien selbst hat nicht viel von seinem Wasserreichtum, denn kein einziger seiner Flüsse ist schiffbar. Abessinien liegt zwischen dem 4. und 15. Breitengrad, nähert sich also sehr dem Aequator. Sein Klima ist aber eines der angenehmsten der Welt; die mittlere Jahrestemperatur ist zwischen 18 und 25 Grad Celsius. Die Flora und Fauna sind aber sehr mannigfach, tropisch in den Tiefländern, höher findet man die Tier- und Pflanzenwelt der gemäßigten Zone. In Abessinien kann man sämtliche Getreidearten Europas kultivieren, auch sehr guter Wein gedeiht dort. Im Süden des Landes findet man heute noch Elefanten und Straußenherden, der Löwe und der schwarze Panther, der Leopard und die Riesenschlange erfüllen die Tiefländer und Ebenen um Abessinien. In diesem nun so merkwürdigen Lande wohnt auch ein merkwürdiges Volk. Das Volk der Abessinier ist kaukasischer Rasse, ein Mischvolk semitischer und hamitischer Abstammung. Die Sprache der Abessinier ist semitisch im Aufbau und einem großen Teil ihres Wortschatzes. In ihrer Tradition und Kultur ist Semitisches vorherrschend. Die Tradition der Abessinier sagt, die Königin von Saba sei ihre Königin gewesen, ihr Reich habe sich über Aethiopien und über Arabien ausgedehnt. Nach ihrem Besuch bei Salomo sei ihr Sohn Menelik I. von Salomo selbst erzogen worden und, zum Manne herangewachsen, in seine Heimat zurückgekehrt, begleitet von einer Schar jüdischer Jünglinge und Hohen Priestern. Der König Salomo habe dem jungen Aethiopierprinzen eine Nachbildung der Bundeslade geschenkt. Es sei aber jenem Menelik I. gelungen, die richtige Bundeslade zu stehlen und bis in seine Heimat zu bringen. Dort sei sie von ihm in dem Heiligtum von Aksum untergebracht worden. So ist die abessinische Sage. Diesen großen Schatz der wahren Bundesilde glaubt das abessinische Volk in seinem Nationalheiligtum in Aksum noch zu besitzen, und ein Symbol, eine Erinnerung an die Bundeslade besitzt jede abessinische Kirche. Oft ist es ein flaches Stück Holz, hier und da auch Marmor mit einigen Ornamenten. Das abessinische Herrscherhaus beansprucht Abstammung von Salomo, eben durch jenen Menelik I. Auf königlichen Siegeln sieht man heute noch den Löwen und dabei das Wort aus der Offenbarung: „Es hat überwunden der Löwe aus Juda." Die Juden Abessiniens heißen Falachas. Der Name bedeutet „Verbannte — Fremdlinge", weshalb man mutmaßt, daß sie zuerst als Flüchtlinge nach Abessinien kamen. Ihre Ritualien, ihre Thora, die fünf Bücher Mose und das Buch Josua bezeugen ihre Zugehörigkeit zum Judentum. Diese abessinischen Juden sind nun ganz anders als die uns bekannten. Sie kennen kein Versöhnungsfest, gebrauchen keine Tefillin. Sie kennen weder die Propheten, noch den Talmud. Sie beobachten aber sehr genau die Reinigungsgebote, nennen ihre religiösen Führer nicht Rabbis, sondern Priester. Ihre Gotteshäuser bauen sie dreiteilig, und jeden Sabbat, den sie sehr streng halten, bringen sie eine Art Speiseopfer dar. Außerdem haben sie auch blutige Opfer für das Seelenheil Verstorbener. Ihre Zahl schätzt Dr. Feitlowitsch auf 150.000—200.000 Seelen. In jeder jüdischen Gemeinde Abessiniens gibt es ein Haus für die „Unreingewordenen". Diese müssen solange in den Häusern bleiben, bis sie nach jüdischer Vorschrift wieder rein geworden sind. Im Zusammenhang damit bauen auch die Falachas ihre Häuser und Dörfer in der Nähe von fließendem Wasser. Außerhalb des Ortes haben sie einen Altar, auf dem sie außen den schon oben genannten Opfern noch Sündopfer, Schuldopfer und Dankopfer darbringen. Diese Falachas sind auch noch deshalb als Juden der Beachtung wert, weil sie die Handwerker des Landes sind. Es gibt kaum einen jüdischen Händler dort. Man findet unter ihnen Schmie'de mit gewaltigen sehnigen Armen. Die Weber, Töpfer, Zimmerleute und Maurer Abessiniens setzten sich hauptsächlich aus Falachas zusammen. Einst hatten sie einen sehr großen Einfluß im Lande, nicht nur zu der Zeit, bevor das Christentum seinen Einzug in Abessinien hielt, sondern auch später im 10. und 13. Jahrhundert. Ein jüdischer König trug den Sieg über eine andere jüdische Dynastie davon und dieser und seine Nachkommen behaupteten zirka 300 Jahre den Thron Abessiniens. Später hatten die Falachas gewaltig um ihre Existenz zu kämpfen. Schließlich mußten sie doch weichen und die Herrschaft wieder in die Hände der sogenannten salomonischen Dynastie legen. Die Abessinier haben auch öfters eine Frau als Herrscher gehabt. Die Falachas haben sich mit bewundernswerter Aus-