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Die Wahrheit · 1926-04-23 · Heft 18 (23.4.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 18 (23.4.1926)
Date
1926-04-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 18 DIE WAHRHEIT Seite 5 spönnen über die Frage, ob die Vorgänge in Galsworthys „Gesellschaft" judenfeindlich oder judenfreundlich zu bewerten seien? Wie also liegen die Dinge — die Dinge, die in keiner Wirklichkeit, sondern in einer dramatischen Dichtung passieren? Das geistige Zentrum, um das herum alle Geschehnisse des Stückes gebaut sind, und von dem man sie also ansehen muß, um eine künstlerische Einheit zu bewahren, wird, wie üblich, durch den Titel vom Verfasser angedeutet. Der Titel lautet auf englisch „Loyal ity". wofür freilich „Loyalität" in dem bei uns gebräuchlichen Sinne keine richtige Uebersetzung wäre. Auch „Standesehre", wie man anderwärts gesagt hat, trifft es nicht ganz, und das jetzt gebrauchte Wort „Gesellschaft" ist wohl gut, aber nur, wenn es in einer sehr bestimmten Betonung gebraucht wird. Es hat dann natürlich nichts mit dem großen soziologischen Begriff der menschlichen Gesellschaft überhaupt zu tun, es bedeutet eine nicht gerade standesmäßige» aber doch deutlich genug abgegrenzte Oberschicht einer Nation mitsamt ihren besonderen Empfindlichkeiten und Ehrbegriffen. Die Kraft und Unkraft diese.r Loyalitäten, wie weit sie die Menschen binden und wie sie von stärkeren Gewalten weggesprengt werden—; das ist das Thema des Stücks. Das verursacht die äußere Bewegung und die innere Spannung. Das Stück spielt in der vornehmsten englischen Gesellschaftsschicht, zunächst auf dem Landsitz eines Kavaliers unter seinen Jagdgästen. Zum Ehrenstandpunkt dieser Kreise gehört nach altritterlicher Tradition, daß jeder akzeptierte Standesgenosse ohne weiteres jegliches Vertrauen genießt, daß Betonung von Geld und Geldwert nicht vornehm, die Entfaltung körperlicher Vorzüge aber höchst auszeichnend ist. In diese Tradition kommt ein Bruch, denn einem der Gäste wird auf dem vornehmen Sitz zur Schlafenigehenszeit sein Geld gestohlen. Und er macht die Tradition, dies vornehm zu verschweigen und selbstverständlich alle Gesellschaftsmitglieder für unschuldig zu halten, nicht mit. Was daraus folgt, ist das eigentliche Bewegungsmotiv des Dramas. Damit das aber geschehen kann, muß der Bestohlene ein Außenseiter dieser Gesellschaft sein, und zwar ein neuerdings reich gewordener Jude, der eitel genug ist, die Aufnahme in diese feudalen Kreise /zu. erstreben, aber keineswegs schwach oder fanatisch genug, sich mm ihren feudalen Traditionen auch unterzuordnen. Für Galsworthy, der an dieser Stelle seines Werks srenau einen Menschen von dieser widerspruchsvollen Beschaffenheit gebrauchte, war es vollkommen ausreichend, daß eine solche Figur möglich ist. Daß es Juden von einer solchen begrenzten Eitelkeit gibt, ist gar keine Frage. Ob sie häufig sind, ob sie für jüdisches Wesen typisch sind, das interessierte Galsworthy in diesem Fall gar nicht er hat auch nichts dergleichen behauptet, sein Stück handelt auch gar nicht davon. Dadurch aber, daß der bestohlene Jude, der überdies gereizt ist, weil er merkt, daß die vornehme Gesellschaft ihn begreiflicherweise doch nur so eben duldet —, dadurch, daß dieser De Levis nun auf seinem Recht besteht, kommt das Loyalitätsprinzip dieser Gesellschaft sehr ins Schwanken. Ein Mitglied des Kreises hat das Geld nämlich wirklich gestohlen. Der Hauptmann Dancy, der im Krieg etwas verwildert, von Schulden bedrängt, von De Levis noch persönlich gereizt wird, hat sich durch ein tolles Wagestück das Geld angeeignet. Wohlbemerkt, es war ein lebensgefährlicher Sprung von Balkon zu Balkon. Die Körpertugend des Ritterstandes glänzt bei diesem Unternehmen. Galsworthy will seinen Hauptmann durchaus nicht unsympathisch, eher bemitleidenswürdig machen. Aber gestohlen hat er nun einmal, und trotzdem versucht die Gesellschaft, der er angehört, ihn aus Loyalität bis zuletzt zu decken. Schließlich aber kommt mit den unzweideutigen Beweisen seiner Schuld die Entscheidung in die Hände eines großen, alten, weisen Rechtsanwalts. Der eigentliche Drehpunkt des Stücks liegt in dem Augenblick, wo man an ihn, den Vertreter des Hauptmanns (der den jüdischen Ankläger wegen Beleidigung verklagt hat), appelliert, er solle doch aus „Loyalität" lieber — nichts erfahren haben. Da aber fährt der mächtige Alte bedrohlich auf. Jetzt erhebt sich in ihm das Urgebot der Wahrheit und Gerechtigkeit, durch das die ganze Gesellschaft lebt und das stärker sein muß als die Solidaritätsempfindungen einzelner Gesellschaftsschichten. Der Alte tut seine Pflicht, er legt die Verteidigung des Hauptmanns nieder, liefert die Beweisstücke dem Gericht aus und bringt so den Schuldigen zu Fall. Damit ist die begrenzte Macht der „Loyalität" gebrochen, ihr Einfluß in seine Schranken verwiesen. Zu der Funktion des Juden in diesem Stücke gehört es, unsympathische Eigenschaften zu haben, die ihn an Takt und ausgebildeter Kultur neben den Standesherren gering erscheinen lassen, aber ebenso gehört es zu seiner Funktion, die Rechtsidee, die eine tiefere als die loyale ist, zu verfolgen, und insofern ist er der gründlichere Mensch und kann sich nach erfolgtem Sieg auch sehr menschlich gegen den Hauptmann benehmen (doch ein sehr humanisierter Shvlock!), und hat also insoweit sympathische Eigenschaften. Beides hängt mit der innersten Konstruktion des Stücks zusammen und nicht mit der Meinung des Galsworthy über die Juden im allgemeinen. Es ist durchaus nicht die Schuld des De Levis, wenn der Hauptmann sich zum Stückschluß schließlich doch das Leben nimmt. Es ist vielmehr eine sentimentale Bequemlichkeit des Autors, eine platt theatralische Wirkung und die innere Schwäche des Stücks. Es folgt nicht mit Notwendigkeit aus den Voraussetzungen; ein solch ungewöhnlich abenteuerlicher und energischer Kerl wie der Hauptmann Dancy sollte eigentlich die Möglichkeit haben, außerhalb der Gesellschaft, in der er nun freilich unmöglich geworden ist, eine neue, eigene Existenz anzufangen. Aber ein Pistolenschuß am Schluß ist freilich sicherer. Von diesem willkürlichen Theaterschluß abgesehen aber, entwickelt sich das Stück mit zwingender, Anteil erzwingender, also spannender, innerlich packender Wirkung aus seinen Voraussetzungen. Diese Voraussetzungen sind, wie gezeigt, eine Gesellschaft mit festgenagelten Begriffen von Ritterlichkeit, und einer, der als Fremdling in dieser Gesellschaft steht, der weder ihre feinen, ritterlichen Sitten noch ihr verkümmertes menschliches Grundgefühl teilt, und der deshalb einen Konflikt entfesseln kann. Diese zur Entfesselung des geplanten Kräftespiels nötige Eigenschaft bot für Galsworthy ausgezeichnet ein neureicher Eindringling, dessen Fremdheit verstärkt und verdeutlicht werden konnte durch die Tatsache, daß er ein Jude ist. Der Mann hat von der inneren Voraussetzung des Stückes heraus gleich viel sympathische und unsympathische Eigenschaften. Er würde also für die philosemitische oder antisemitische Frage nicht einmal dann einen Anhalt geben, wenn diese Frage gegenüber diesem Stück irgendeinen Sinn hatte, wennn es Galsworthy auf die Stellung dieser Frage in diesem Stück überhaupt irgendwie angekommen wäre. Daß dies nicht im mindesten der Fall ist, daß die jüdischen Bestandteile nur um der inneren rhythmischen Absicht des Stückes willen ergriffen und verwendet worden sind, das hoffe ich ja nun gezeigt zu haben. Ganz erschöpft ist damit freilich dies Thema noch nicht. Denn ganz und gar ist ja auch die Kunst keine selbstgenügsame, von dem übrigen Leben getrennte Welt. Was hier im Anfang begründet wurde, ist nicht im mindesten die ästhetische Lehre des „L'art pour l'art". Die einzelnen Teile des Kunstwerks darf man nicht auf praktische Fragen beziehen und wie Realitäten abschätzen. Das ganze Kunstwerk und die ganze Kunst aber stehen in einer sehr wesentlichen Beziehung zum Leben, von dem sie nur ein Teil sind. Sie erstarren zu trauriger, unfruchtbarer, ästhetischer Spielerei, wenn sie nicht immerfort mitschaffen wollen an dem größeren, allgemeinen Heiligtum des menschlichen Lebens. Das gilt denn auch für unseren Fall: Die Frage, ob De Levis ein sympathischer oder ein unsympathischer Jude sei. ob sein Verhalten eine Aufforderung zur Toleranz oder zur Judenfeindschaft darstelle, diese Frage ist abzulehnen, sie ist durchaus falsch gestellt. Aber daß dies ganze Stück, von einem echten Menschen, mit jedenfalls beachtlichen dichterischen Kräften geschrieben, wie jedes wirkliche Kunstwerk, einen Mahnruf darstellt, einen Weckruf des menschlich Reinen und Wahrharten in uns, das ist gewiß. Gerade weil sein Gut und Böse nicht geschieden ist zwischen Militärs und Juden, weil sie beide am Hellen und Dunklen teilhaben, triumphiert über solche Unterscheidungen die große menschliche Idee der Gerechtigkeit, die wesentlicher ist als alle partiellen Ehrbegriffe. Und wenn diese Idee zum Siege geführt wird, wo auch immer und wie auch immer, so sollte uns als Juden das wirklich sehr lieb sein. Ich meine, wir sollten uns keineswegs Stücke wünschen, in denen dargestellt wird, daß die Juden hervorragend prächtige Menschen sind — wir sollten uns nur Werke auf der Bühne wünschen, an denen sich die Flamme der Menschlichkeit, der Wille zur Gerechtigkeit und Wahrheit in allen Zuschauern nähren muß, und wir sollten dann vertrauen, daß diese Stücke, wenn sie den Geist der Menschheit bilden, das Schicksal der Judenheit günstig mit beeinflussen müssen. Weil Galsworthvs „Gesellschaft" gewiß nicht im Sinne der ganz großen Menschheitswerke, aber doch im Sinne einer sehr tüchtigen und mensch-

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