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Die Wahrheit · 1926-04-23 · Heft 18 (23.4.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 18 (23.4.1926)
Date
1926-04-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Nr. 18 veröffentlicht, in welchem sozusagen mit polizeilicher Genauigkeit Nacht und Stunde jenes Ereignisses und alle näheren Umstände bezeichnet werden — während die Frucht eben dieses Ereignisses, nach Drews und seiner Schule, nie existiert haben soll. Das Ekelhafte und Perverse dieser ganzen Gelehrsamkeit hindert ihre große Verbreitung nicht, denn diese Gelehrsamkeit schmiedet eine ausgezeichnete Waffe gegen den Anspruch der Juden, den Stifter des Christentums der Welt geschenkt zu haben. So oder so, der Jude kann ruhig verbrannt werden. Der Stifter des Christentums darf den Juden nicht gutgeschrieben werden, denn erstens hat er nie existiert, zweitens war sein Vater ein Germane, drittens haben ihn die Juden verurteilt und gekreuzigt. Vielleicht erleben wir es noch, daß ein großer Gelehrter ersteht, der vermöge seines intuitiven metaphysischen Scharfsinnes alle diese „Tatsachen" miteinander in Harmonie bringt .... Aber die letztere „Tatsache" war es, die uns Juden die tiefsten und breitesten Ströme Blut gekostet hat. Der Prozeß Jesus hat bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört, gegen — uns geführt zu werden. Seit ungefähr der Mitte des XIII. Jahrhunderts glaubte die Christenheit, daß die Juden, gleich wie ihre Vorfahren aus Haß Jesum Christum bis aufs Blut gegeißelt, gepeinigt und schließlich gekreuzigt haben, nunmehr fortfuhren, ihn blutig zu martern und ihre Lust an seinen Oualen zu weiden — in der geweihten Hostie nämlich. Im Jahre 1215 war auf dem vierten lateranischen Conzil die Lehre von der Transsubstantiation als Dogma festgelegt worden, wonach der Leib Christi sich greifbar in die vom Priester geweihte Hostie verwandelt. Seither wurden in allen Ländern Europas jahraus jahrein hunderte von Juden lebendig verbrannt, gerädert, ertränkt, geschunden, gevierteilt, geköpft unter der Beschuldigung, sie hätten sich geweihte Hostien verschafft und die feinen hellergroßen Oblatten mit Hämmern, Schlachtmessern und ähnlichen Werkzeugen solange bearbeitet, bis der darin eingeschlossene Leib Christi Ströme von Blut fließen ließ. Unterstützt wurde dieser Glaube durch die Erscheinung, daß an Hostien häufig blutrote Tropfen sichtbar wurden. Schon eine geraume Zeit früher bestand der Glaube, daß die Juden kleine Christenkinder marterten und schlachteten, um an ihnen die Marterung und Tötung Christi zu wiederholen. Erst als die geschändete Hostie dem geschlachteten Kinde Konkurrenz machte, wurde letzterem das Motiv unterschoben, daß die Juden das Kinderblut in ihre Osterbrote kneteten und in ihren Osterwein gössen, oder daß sie sich damit von einer ekelhaften, schrecklichen Krankheit zu heilen suchten, mit der ihr ganzes Volk seit der Kreuzigung Christi behaftet war und die darin bestand, daß bei ihnen auch die Männer die monatlichen Blutungen hatten... Noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die jüdische Gemeinde in Posen eine jährliche Strafsumme an den Fiskus zu entrichten, die ihr im Jahre 1399 auferlegt worden war, gelegentlich eines Hostienschändungs-Prozesses. bei welchem dreizehn Juden lebendig verbrannt wurden. Gänzlich überwunden wurde dieser Glaube erst im Jahre 1849. als der Berliner Chemiker Ehrenberg in der dortigen Akademie der Wissenschaften nachwies, daß die Blutstropfen an den Hostien von einem Pilz, einem ganz gemeinen Pilz, herrührten „und daß man auf Grund dieser Erscheinung den Juden den Vorwurf der Hostienschändung zu Unrecht gemacht hat." Der Blutaberglaube dagegen ist, wenigstens unter den breiten Massen der weniger zivilisierten Länder noch lange nicht ausgestorben. So sühnten und sühnen wir Juden noch heute die Kreuzigung Jesu, der nach Drews überhaupt nicht existiert haben soll. Als kleiner Knabe bekam ich es oft von den Bauernjungen in meinem ostgalizischen Geburtsdorf zu hören: „Ihr Juden habt unseren Gott gemartert!" Als Student der Berliner Universität hörte ich von einem mir eng befreundeten amerikanischen Kollegen: „Wenn ich bei dir sitze, kann ich trotz aller Liebe zu dir nicht vergessen, daß deine Vorfahren Jesum gemartert haben!" Aber wenn er neben einem Griechen saß, dachte er gewiß nur, daß Sokrates ein Grieche war, nicht aber, daß Griechen ihm den Schierlingsbecher in die Hand gedrückt haben. Und erst vor zwei Jahren erklärte mir genau dasselbe ein bayrischer Bauer unweit München — was denselben Bauer nicht hinaerte, ein „esprit fort" zu sein und über Jesus und seine Abstammung und die ganze Christusmythe die blasphemischesten Redensarten von sich zu geben. Es ist wahrlich notwendig, daß wir Juden einmal von innen heraus ohne Zuhilfenahme der geschichtlichen und philologischen Kritik zum Prozeß Jesu Stellung nehmen. (Schluß folgt.) ™M^^aawB5S3>«*r-*B»»2r;i<r* ».•••••.• Galsworthys „Gesellschaft" und die Judenfrage. Von Julius Bab. Mit diesem „und" ist es eine böse Sache. Es gibt nichts Gefährlicheres, als die Uebertragung eines Gebildes, einer Anschauung, eines Gesetzes in eine Kategorie, aus der sie nicht gewachsen ist, für die sie nicht geschaffen ist. Ein Ingenieur, der eine tadellos funktionierende, höchst zweckmäßige Maschine gebaut hat, wird in die größte Verlegenheit kommen, wenn ein Künstler sie auf ihre» wohltätigen, imposanten oder ausdrucksvollen Augenschein hin beurteilt. Und ein ausgezeichneter und höchst verdienstlicher Gesetzentwurf über Agrarreform wird vielleicht elend Schiffbruch leiden, wenn sein Wortlaut vor das Forum sprachkünstlerischer Kritik zitiert wird. Nicht anders aber steht es im Grunde mit jedem Kunstwerk, jeder Dichtung, jedem Drama, das um bestimmter stofflicher Inhalte willen nach seiner Stellungnahme, seiner Gültigkeit, seinem Wert unter irgendeinem wirtschaftlichen, sozialen, politischen Gesichtspunkt befragt wird. Denn es ist ein gründlicher und völliger Irrtum, daß irgendein Kunstwerk dazu geschaffen sei, die Probleme dieser Sphäre zu erörtern. Schriftstellerische Leistungen, die soziale Einflußnahme bezwecken, haben natürlich ihr Recht und ihren Wert; sie mögen sich auch einmal in die Form eines Theaterstückes verkleiden, aber das oberste Gesetz, nach dem ihre innere Einheit sich bildet und das ihr Dasein rechtfertigt, ist dann immer und ausschließlich die praktische Wirkung, der zu erreichende sozialpolitische Effekt Nach einzelnen Handlungen, die die Form der Gesellschaft ändern, wird in diesem Zusammenhange gefragt, nicht nach Gesamtgefühlen, die das Dasein des einzelnen Individuums steigern. Auf diese Erhöhung, Bereicherung, Erschließung der individuellen Lebenskraft kommt es aber dem eigentlichen Kunstwerk, der Dichtung, dem Drama ausschließlich an. Und diese Wirkung steht, wie alles Künstlerische, unter den Gesetzen nicht einer realen Zweckwelt, sondern unter rhythmischen! Die Erzielung von Spannungen innerer Art, Erschütterungen und Ausgleichungen seelischer Natur ist das alleinige Ziel einer Dichtung. Und alle Stoffe, die außerhalb dieser Dichtung der Wirklichkeitswelt angehören würden, dienen in ihr nur als solche rhythmischen Elemente, sollen in einer bestimmten Richtung Spannungen erwecken oder lösen. . Das in der ganzen Welt jetzt viel gespielte Drama von Galsworthy „Gesellschaft" ist auf jedem Fall, wie man auch über den Grad seiner künstlerischen Bedeutung urteilen mag, nicht als eine Tendenzschrift, als ein* praktischer Aufruf gemeint, es ist als ein Kunstwerk erdacht, das dem Zuschauer eine bestimmte Gefühlsbewegung mitteilen, seine Seele in eine bestimmte Schwingung versetzen soll. Es ist deshalb außerordentlich mißlich, ein solches Werk plötzlich vor das Forum der praktischen Gesellschaftskritik zu stellen und Galsworthy zu befragen: „Wie denken Sie über die Juden? — Was halten Sie von der Stellung der Juden in der modernen europäischen Gesellschaft?... Sind Sie ein Antisemit oder ein Judenfreund?" — Diese Fragen sind im Grunde genommen nicht sinnvoller und nicht taktvoller, als ob ich den Maler eines großartig den Geschichtssinn erfüllenden Stillebens frage: Halten Sie den Geruch von Narzissen für bekömmlich?, was kostet ein Porzellan von der Sorte, die auf Ihrem Bild ist?, finden Sie weißseidene Tischdecken praktisch? — Der Maler wird uns wahrscheinlich antworten, daß ihn all das den Teufel angeht, daß er von diesem Gewebe, diesem Porzellan und dieser Pflanze nichts wissen will und nichts zu wissen braucht, als daß sie in ihrer Verschiedenheit sehr eindrucksvolle Nuancen der weißen Farbe darstellen, und daß sie in ihrem Zusammenklang genau die koloristischen Stimmungen auslösen, auf die es ihm ankam. Es ist keineswegs ausgeschlossen, und wäre bestimmt nicht unberechtigt, wenn man bei Stellung der oben angedeuteten Fragen von Herrn Galsworthy eine ähnliche Artwort bekäme. Aber nicht viele Menschen sind imstande, sich im rein ästhetischen Kreise zu bewegen. Und namentlich wo ein Roman oder ein Drama soziale Erscheinungen als künstlerischen Baustoff benutzt, erlebt man es immer wieder, daß diese künstlerischen Teilinhalte zur Diskussion gestellt werden, als ob sie für sich und losgelöst, ein etwa von der Zeitung übermitteltes Stück Wirklichkeit, existierten. Und so hat sich auch eine lebhafte und durchaus unkünstlerische Diskussion ent-

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