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Die Wahrheit · 1926-04-23 · Heft 18 (23.4.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 18 (23.4.1926)
Date
1926-04-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Der Verlag der vorliegenden Uebersetzung befindet sich auch, bildlich gesprochen, in der nächsten Nachbarschaft desjenigen, der im Vorjahr eine völlig neue, mit weitläufigen Einleitungen und Kommentaren versehene Ausgabe der Protokolle veranstaltet hat. Sergej Nilus wollte durch seine Protokolle beweisen, daB die Juden, „welche noch heute wie vor zweitausend Jahren von den Pharisäern regiert werden, von einem unauslöschlichen Haß und Rachsucht gegen den Stifter des Christentums und seine Bekenner erfüllt sind und nur darauf sinnen, sie auszurotten oder zu unterjochen." Rosadi dagegen beweist, daß der Prozeß Jesu, der mit der Kreuzigung auf Golgatha endete, ein Werk eben dieser verruchten Pharisäer war, dieses Otterngezüchtes, dieser übertünchten Gräber, die im Neuen Testament in den abstoßenden Farben gemalt werden, und deren Nachkommen, die treuen Erben ihrer Lehren und Ueberlieferungen, noch heute unter Gottes Sonne wandeln und gar nicht die Absicht zu haben scheinen, vom Erdboden zu verschwinden. Es sei, versichert Rosadi, ein scheußlicher Justizmord gewesen, aber nicht aus Irrtum und Verblendung begangen, sondern aus Haß. „Der Verfasser erbringt den unwiderleglichen Beweis",, versichert uns der Waschzettel, „daß die Hinrichtung des Nazareners ein politisches Verbrechen, ein abscheuliches Werk der Klassenjustiz war." Buchstäblich: „Klassenjustiz." Wie fortgeschritten diese Leute im alten Judäa schon gewesen sind! .... „Es war das die größte und denkwürdigste aller Ungerechtigkeiten... Völker jeglicher Rasse und jeglichen Glaubens werden Rache darnach rufen." Das ist der Grundton des Buches. Nicht ohne spekulative Absicht ist das Buch gerade in der Osterzeit so aufdringlich ausgelegt worden. Die christliche Stimmung ist zur Osterzeit von dem Kreuzestod Jesu auf Golgatha beherrscht. Auf der Rückseite des Umschlages wird die Talmud-Uebersetzung von Nivard Schlögel angepriesen, der aus eben diesem Talmud beweisen will, daß die Juden tatsächlich Christenblut zu rituellen Zwecken brauchen. Zwar tut Rosadi fürchterlich radikal und schimpft auf die Justiz überhaupt, die er als ein Unglück für die Welt betrachtet, aber demonstriert wird diese Behauptung nicht etwa an dem Prozeß des Sokrates, den gerade zwei Juden, Theodor G o m p e r z und Carl Joe 1, jeder auf seine Art. tiefgreifend menschlich zu verstehen suchten, oder des Giordano Bruno oder des Savanarola, oder an den Ketzer- und Hexenprozessen des Mittelalters oder an den Prozeß des Hus oder aber an den des — Hilsner, Qder an tausend ähnlichen Fällen. Für keine dieser Ungerechtigkeiten ruft irgend eine Seele in der Welt um Rache, nur für die Ungerechtigkeit von Golgatha schreien Menschen jeglicher Rasse und jeglichen Glaubens ewig um Rache .... Wahrlich, ich meine, Chajes sollte seinen Artikel, entsprechend umgearbeitet und erweitert, neu herausgeben .... worden sind, noch immer Recht und Anspruch anf unverbrüchliche Beobachtung haben und deren Abstellung mit dem Worte chukoth hagoi bekämpft, so ist das gründliches Unverständnis. Wenn man glaubt, daß ein Ablassen von solchen „schlechten Gewohnheiten", ein Freimachen von Unordnung und Formlosigkeit schon Untreue am Glauben und Nachahmung von Sitten und Bräuchen anderer Religionen ist, dann ist das mehr als Irrtum, ist finsterste Unkenntnis der eigenen Religion. Darum hat dieses nicht ausreichend verstandene, zum Schlagwort herabgewürdigte Gebot viel geschadet, hat auf der einen Seite verblendet, auf der anderen verbittert, weil es in unrichtigem Maße und im unrichtigem Sinne angewendet wurde. Wenn führende Geister sich mühten, unwürdige Formen zu beseitigen und der Schönheit und Erhebung Raum zu schaffen, so hatten sie gegen die Opposition von Chukkoth hagoi zu kämpfen; wenn sie alte Frömmigkeit im Gewände der neuen Zeit aufleben lassen wollten, so stellte sich die Entrüstung von chukoth hagoi hindernd auf den Weg des Gelingens. Auf der anderen Seite haben aber viele die in ihrem richtigen Sinne berechtigte Warnung in den Wind geschlagen, haben Herz und Haus so weit den Sitten der Zeit geöffnet, daß Glaube, Religion und Judentum daraus entflogen ist. Es ist nicht uninteressant, die Geschichte dieses Wortes „Chukoth hagoi" zu schreiben. Es ist eine Geschichte der Irrungen. Mißverstanden von Fremden, mißverstanden von Eigenen, ist es gehaßt und geliebt worden, war Panier zum Angriff und zur Verteidigung. Bei denen aber, die es wahrhaft begriffen, und verkannten, blieb es ein Gotteswort, das niemand geschadet, das vielmehr den Weg zum Herzen des Judentums gewiesen hat, K. Ganz leicht wird ihm das freilich nicht werden. Er wird sehr tief hinuiittrr.teigen rniUseii, um mit dem Gegner auf eine Arena sich zu stellen. Die Pharisäer zum Beispiel, schildert Signor Rosadi folgendermaßen: „Indem sie sich als ausschließliche Hüter des mündlichen Gesetzes hinstellten, gaben sie vor, allein die Bedeutung ■ der heiligen Texte zu verstehen und bekriegten jeden, der sie anders auslegte, während von allen anderen Parteien das Recht auf freie Auslegung anerkannt war. Als Sophisten, Pedanten, Heuchler, Parteigänger, Geizhälse und Formalisten waren sie nur bestrebt, das Gesetz einzuhegen, jenes Gesetz, das in ihren Händen die schlimmste Waffe der Verfolgung und des Betruges geworden war. Sie glaubten an den Kampf zwischen dem Reich des Guten und des Bösen und betrachteten als besondere Herrschaft des Bosen die Herrschaft Roms über ihr Volk, nicht so sehr im Gefühle der Unabhängigkeit und der Würde, sondern lediglich, weil sie darin die ständige Sünde der Götzenar.betung sahen. Sie erschienen in der Oeffentlichkeit mit verhülltem'Gesicht, einige auch mit geschlossenen Augen, um keine Frau zu erblicken, andere schleiften, um Buße zu heucheln, die Füße nach und schlugen sie gegen die Steine, v. ieder andere schmierten sieh mit übelriechendem Pech ein, ferner beteten alle auf der Straße, rrhmen in den Synagogen die ersten Plätze ein und spendeten Almosen unter Posaunenschall..." Es ist ausgeschlossen, daß in Deutschland oder gar in England, dem Vaterlande von Travers Herford, heutzutage derartiges über die Pharisäer von einem halbwegs Gebildeten geschrieben werden könnte. Die bekannte Stelle in Josephus' „Altertümern", in der von Jesus Christus in überschwänglichen Worten die Rede ist, hält Rosadi, ohne eine Miene zu verziehen, für echt, und beruft sich hierbei allen Ernstes auf die Autorität eines Herrn Müller aus Stuttgart. Er soricht einmal von einer „angeborenen, besonders asketischen Veranlagung der judäischen Rasse." Das ist insofern interessant, als wir sonst immerfort von der Lüsternheit und Genußsucht unserer Rasse zu hören bekommen. Diese Pröbchen von Gelehrsamkeit und Scharfsinn reichen aus, um die Eignung des Verfassers für derartige Probleme in das richtige Licht zu setzen. Dazu kommt, daß der Uebersetzer offenbar schlecht Italienisch versteht und einen schleuderhaften Stil schreibt . . . Man denkt unwillkürlich an den deutschen Professor Drews, den Verfasser der „Christus-Mythe", der erst vor einiger Zeit hier in einem öffentlichen Vortrag die Existenz Jesu in Abrede gestellt und seine ganze Lebens- und Sterbensgeschichte in das Reich der Phantasie verwies. Das ist eine alte Theorie. Und wir Juden werden dabei daran erinnert, daß noch kein halbes Jahrhundert seit dem Tode des R. Israel Baal-Schern verflossen war, als seine Existenz geleugnet wurde. Wir wissen heutzutage, daß er zehn oder zwölf Vorgänger hatte, die ebenfalls „Baal-Schern" zubenannt wurden und daß seine Anhänger das Eoitheton ornans „tow" seinem Namen beifügten. Viele Legenden, die sich auf die Vorgänger bezogen, wurden dann zu jenem Sagenkreis verflochten, der die Person Israels umgab. Es dürfte sich wohl mit Jesus ebenso verhalten. — E. v. Hartmann hat diese Hypothese zuerst ausgesprochen. — Die Zahl der damals auftauchenden Messiasse, die meist von der Hand des römischen Usurpators ein tragisches Ende nahmen, war groß. Die dichtende Phantasie hat dann alle diese Schicksale zusammengewoben und zur Christus-Mythe vereinigt. An der in diesem Buche vorgetragenen Theorie dürfte nun soviel wahr sein, daß der jüdische Anteil an dem Prozeß und der Kreuzigung Jesu in das Reich der Fabel zu verweisen ist. Bei unbefangener Lektüre des Neuen Testamentes drängt sich die Ueberzeugung auf, daß die betreffenden Berichte sehr viel später von unwissenden, feindseligen Fremden verfaßt worden sind, mit der ausgesprochenen Tendeuz, dem römischen Gewalthaber schön zu tun und die Juden so schwarz als möglich anzustreichen. Nur so erklärt sich das Wort der Bergpredigt: ..Es wurde euch gesagt, du sollst den Feind hassen und den Freund lieben." Dieser Satz, eine offenkundige ungeheuerliche Verleumdung, bildet bekanntlich eine crux intcrDretum. Aber er entstammt derselben Gemütsart, wie die Berichte, die die Jiiden als Urheber der Verurteilung und der Kreuzigung Jesu hinstellen, während Pontius Pilatus als anständiger Biedermann erscheint. Er durfte seine Hände in Unschuld waschen, während die umstehenden Juden freiwillig die Schuld an Jesu vergossenem Blute sich und ihren Nachkommen bis ans Ende der Zeiten aufluden .... Es gibt aber noch eine andere Theone, nach der Jesus vor allem kein Jude, sondern ein Germane war. Frucht des sexuellen Vergehens eines germanischen Soldaten an einem galiläischen Judenmädchen. Die diese Theorie verfechtende Literatur ist sehr ansehnlich. Ein deutscher Gelehrter hat erst vor zwei Jahren in Innsbruck ein weitläufiges Buch

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