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Die Wahrheit · 1926-04-16 · Heft 17 (16.4.1926) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 17 (16.4.1926)
Date
1926-04-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 DIE WAHRHEIT Seite 11 Ein „Urania"-Vortrag über die Bibel, Auf Einladung des Volksbildungshauses „Urania" hielt Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Max Grunw a I d! am 8. April, um V28 Uhr abends, im kleinen Vortragssaal einen Vortrag über „Die Bibel als Erzähler". Sowohl der Inhalt des Vortrages wie auch die formvollendete Art und Weise der Wiedergabe von Bibelstellen machte auf das Publikum, unter ■dem sich auch Nichtjuden befanden, einen gewaltigen Eindruck. Reicher Beifall war der äußere Ausdruck der Begeisterung, welche der Vortragende durch seine geistvollen Ausführungen hervorgerufen hatte. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 27. März Herr Hofrat Prof. Dr. S. Ehrmann einen Vortrag über „Böhmische Dorfjuden in der Vergangenheit". In höchst anregender Weise gab der Redner aus Jugenderinnerungen sowohl, wie aus der reichen Quelle seiner gründlichen Kenntnis der deutschen und tschechischen Belletristik und Historik schöpfend, ein sprechendes Bild von der Art der Entstehung der Lebenshaltung derselben und ihres Verhältnisses zur übrigen Bevölkerung, besonders zur Geistlichkeit. Unter den vielen interessanten Feststellungen des Gelehrten möchte ich einige herausgreifen. So z. B. die, daß nur die tschechischen, nicht die deutschen Dorfjuden, durch hervorragende Schriftsteller in die Literatur gekommen sind, durch Leopold Kompert, Moritz Hartmann und Vojtech Rakow. Daß die Juden nach Böhmen nicht wie nach Deutschland mit den römischen Legionen kamen, daß sie erst nach ihrer Vertreibung aus den Städten auf das flache Land In Dörfer und Marktflecken zur Ansiedlung gelangten, wobei nur Prag eine Ausnahmsstellung einnahm. Die Thoralade in der Synagoge in Königswart im Jesuitenstil erbaut, erinnert hingegen an die Hilfe, welche die dortigen Juden den Jesuiten bei deren Verfolgung durch Protestanten 1618 angedeihen ließen. Aus böhmischen Dörfern stammen u. a. ganz bedeutende jüdische Familien, wie die des Dichtens und späteren Mitgliedes des Frankfurter Parlamentes Moritz Hartmann, die Familien Kornfeld (Stammeltern der ungarischen Magnaten), Klemperer, Winterberg (jetzt Pantharge in Amerika), des nachmaligen österreichischen Justizministers Glaser, ferner Waldstein, Mauthner, auch des spateren Statthalters von Böhmen Baron Kraus und last not least des um Wissenschaft, Kunst und Judentum hochverdienten Vortragenden Ignatz Kuranda, auch Mitglied des Frankfurter Parlamentes, Reichsratsabgeordneter und Präsident der Wiener Kultusgemeinde, der große Publizist und Politiker war in einer kleinen jüdischen Gemeinde des Böhmerwaldes während seiner Gymnasialzeit Schullehrer. Daß ein großer Teil der Juden Böhmens über die Westgrenze Süddeutschlands eingewandert waren, erweisen ihre Namen wie Fürth, Weil, Bloch (der berühmte Ichthyologe dieses Namens liegt auf dem Friedhofe in Lichtenstadt bei Karlsbad begraben), Ehrmann u. a. Sie blieben auch der deutschen Sprache treu. Ein Teil der von altersher gewissermaßen autochthonen Juden sprach, besonders wenn es die Gutsherrschaft begünstigte, tschechisch und hatte tschechische Namen (Modry, Stastny, Stedly u. a.). Seume erzählt vom Anfange des 19. Jahrhunderts, wie er auf seinem Spaziergange nach Syrakus in dem Hause des jüdischen Händlers Taussig in Budin bei Leitmeritz übernachtete und dort alle bemerkenswerten Neuerscheinungen der deutschen Literatur gefunden habe. Daß die Juden im 16. Jahrhundert jedoch viel tschechisch sprachen, erhellt aus Bezeichnungen der Chewramänner in den vom hohen Rabbi Low verfaßten Takanath (Statuten der Prager israelitischen Chewra Kadischa). — Diese Blütenlese aus dem (übrigens bereits veröffentlichten) Vortrage läßt erkennen, wie wohlverdient der reiche Beifall war, der dem beliebten Gelehrten gezollt wurde. _Med-Rat Dr. H. Haase. MM ii Cilts üsw. je uitöeiri Neue Mitglieder des oberösterreichischen Landessciml» rates. Der Bundespräsident hat den Rabbiner von Linz, Dr. Viktor K u r r e ii n zum Mitglied des oberösterreichischen Landesschul rates ernannt. Dr. Kur rein, der einer der geschätztesten Mitarbeiter unseres Blattes ist, erfreut sich in seinem Wirkungskreise des größten Ansehens. Zum Stellvertreter des neuernannten Landesschulrates wurde der Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde in Linz, Herr Benedikt Schwager, ernannt, ein Mann, der sich um das Aufblühen der Linzer Gemeinde große Verdienste erworben hat. Edmund Melchers 60. Geburtstag. Anläßlich des 60. Geburtstages des Baumeisters Edmund Melcher und dessen gleichzeitiger Ernennung zum Bürger von Wien veranstaltete die Bezirksorganisation Aisergrund der bürgerlich-demokratischen Arbeitspartei eine Feier, zu der Frau Ernestine Fürth in Vertretung der Demokratischen Frauenvereinigung und die Herren Bezirksvorsteher Josef Schober, Hofrat Dr. Kloß, Primarius Doktor Hovorka, Dr. Oskar G r o a g, Obmann des Deutsch-demokratischen Vereines Dr. Koloman Freu der, Vertreter der Parteileitung der bürgerlich-demokratischen Arbeitspartei, Chefredakteur Maximilian Schreier u. a. m. erschienen waren. Der Obmann der Bezirksorganisation Bezirksrat Arnold Neumann gedachte in einer Ansprache der Verdienste des Baumeisters Melcher während seiner 30jährigen politischen und fachlichen Tätigkeit im Interesse der Bevölkerung Wiens, überreichte ihm in einer Mappe eine Adresse und versicherte ihn schließlich der immerwährenden Dankbarkeit und unwandelbaren Anhänglichkeit der Organisation des 9. Bezirkes. Weiters feierten den Jubilar Dr. Oskar Groag, Bezirksvorstand Schober, Dr. Koloman Freuder, Dr. Stiglitz, Bezirksrat Stadler, Frau E. Fürt h, Hans K a r e i s und H o r n i k (namens der deutsch-demokratischen Hochschüler und Jungdemokraten). Zum Schlüsse wies Chefredakteur Maximilian Schreier darauf hin, daß die politische Individualität Melchers, wenn er in den letzten Jahren auch nicht mehr aktiv hervorgetreten sei, ihre volle Geltung bewahrt habe. Maimonides-Institut (III., Hetzgasse 40). Die anläßlich »der Generalversammlung zur Ausgabe gelangte Schrift „M osesMaimonides als geistiger Führer in unserem Zeitalter" von Rabbiner Dr. A. Karainka, ist im Buchhandel und im Institut zu 1 S zu beziehen. Das Sommersemester hat Samstag, den 10. d. M. begonnen. Während der nächsten Woche wird, da der Leiter Herr Doktor Kaminka eine Studienreise nach Palästina antritt, Herr Doktor N. Goldstein an seiner Stelle jeden Samstag, 4—5 nachmittags, Midrasch vortragen, außerdem jeden Mittwoch 7 bis 8 Uhr abends: Juristische Erklärungen zu Baba Kama. Pessach in der „Einheit". Auch heuer war die Pessach- Aktion der „Einheit" groß und sehenswert. Zu Pessacht kommen doch außer den täglichen Stammgästen sehr viele in die „Einheit", die während des ganzen Jahres die Speisegesetze nicht beachten, aber den Pessach nach Vorschrift halten wollen; sehr interessant war es, daß eine Gesellschaft von dreißig russischen Studenten sich einen separaten, besonders feierlichen Seder bereiten ließ und ihn auch in erhebender Weise durchführte. Den ganz Armen, die auf Gratis-Essen angewiesen sind und die Pessach zu jeder Mahlzeit in größerer Zahl als zu gewöhnlichen Zeiten kommen, wurde besondere Sorgfalt zugewendet: Jammervolle Menschen, greise Männer und Frauen, vom Unglück gebrochene junge Menschen, Verkrüppelte, kamen einzeln und in ganzen Familien: der Anblick dieser Unglücklichen ergreift das Herz. Sie alle erhielten das Essen, so daß sich das Wort der Hagadah erfüllte: „Kol dichfin jesseh w'jeechaul" .... Besonders feierlich ging es an den beiden Seder-Abenden zu, wo auf allen Tischen Seder gegeben wurde sowohl im großen Saal der allgemeinen Ausspeisung als auch in den Mittelstandssälen. Ein sehr wichtiger Teil der Pessach-Aktion der „Einheit" war die Verköstigung sämtlicher israelitischer Häftlinge in den Landes- und Bezirksgerichten, sämtliche Inhaftierte, die auf Pessach-Kost Anspruch erhoben, erhielten dieselbe zugeschickt; nur die Bemittelten zahlten selbst das Essen, für alle anderen trat die Kultusgemeinde ein. So hat die „Einheit" vielen Hunderten ermöglicht, den Pessach zu halten, sie hat mehr als 400 Gratis-Mahlzeiten an ganz Arme verabreicht und allseits Zufriedenheit mit der Verköstigung erreicht. Diese Gesamtleistung der „Einheit" ist umso höher zu werten, als aucli

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