Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 17 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 17 DtE WAIBttffiT Seite 9 Ein Theaterskandal, der von arischen Literaturignoranten im Akademietheater Inszeniert wurde, warf ein grelles Licht auf die Mentalität einiger Leute, die sich die Reinigung der deutschen Kunst vom „fremdrassigen Geiste" zur Aufgabe gemacht haben. Von „Licht" oder gar von „grellem Licht" kann allerdings in diesem Falle schwer gesprochen werden, da es in den Köpfen dieser Herrschaften noch viel finsterer zu sein scheint als in dem verdunkelten Zuschauerräume, \n dem sich der Skandal abgespielt hat. Jedenfalls bot der Abend, an dem Georg Büchners „Leonce und Lena" zur "Aufführung gelangte, nicht nur ein klassisches Lustspiel, das trotz seines ehrwürdigen Alters nichts an Bühnenwirksamkeit eingebüßt hat, sondern auch ein klassisches Beispiel für die grenzenlose Dummheit des engstirnigen nationalen Fanatismus. Denn dieser zeigt sich dann besonders deutlich, wenn er aus dem Gebiete der Politik, das ja seine ureigenste Domäne zu sein scheint, auf das Gebiet der Kunst und Literatur übergeht. Bevor nämlich das letzte Bild des liebenswürdigen und durchaus nicht anstößigen Spiels des frühverstorbenen Dichters, eines der genialsten Köpfe der Sturm- und Drangperiode, über die Bretter ging, begann auf der Galerie der Sturm, da einige völkische Monarchisten den Drang in sich fühlten, gegen die Aufnahme einiger Takte des „Heil dir im Siegerkranz" in die von einem Herrn Merz komponierte Zwischenaktmusik zu demonstrieren. Einige Leute riefen „Pfui!", auf der Galerie entstand Unruhe und mit gröhlender Stimmer brüllte einer der Literaturindianer in den Zuschauerraum „Jüdische Frechheit!" Als sodann der Theaterkönig sich mit dem Staatsrat in einer Art und Weise unterhielt, die nicht mit den erhabenen Vorstellungen, die sich Monarchisten von diesen staatlichen Organen machen, im Einklänge stand, kam es abermals zu einem Exzeß. Doch konnte nach dieser neuerlichen Störung die Vorstellung mehr oder weniger ungestört zu Ende geführt werden. Sollte sich jemand, die nicht ganz unberechtigte Frage vorlegen, worauf sich die „jüdische Frechheit" eigentlich bezieht, ob auf den vor fast hundert Jahren verstorbenen Büchner oder auf den derzeitigen Burgtheaterdirektor Hofrat H e r t e r i c h oder auf den Komponisten der Zwiscnenaktmusik M e r z, dann möge er die „geharnischte" Erklärung der „Deutschen Kunstgemeinschaft" lesen, jener deutschvölkischen Vereinigung, die unter dem Protektorate des ehemaligen BurgtheaterdirektorsMillenkovichunseligen Andenkens für die „christlich-germanische Kunst" eintritt. Diese Erklärung betont, „daß die bodenständige (ein wohlbekannter und in einer eine Kunstfrage behandelnden Eingabe sehr passender Ausdruck, d. Red.) deutsche Bevölkerung immer weniger gesonnen ist, der Entartung des Burgtheaters und seinem unablässigen Niedergleiten von der einst ersten Bühne Deutschlands zu einer Stätte ausländischer und fremdländischer (wozu die Umschreibungen? Warum nicht gleich „jüdisch?" Die Red.) Halbkunst zuzusehen. Wenn aber nun gar der Versuch gemacht wird, das deutsche Wesen wohl mit bewußter Absicht zu verhöhnen und lächerlich zu machen, dann wird es notwendig, daß gegen die für diese Schmach verantwortlichen Männer auf das allerschärfste Front gemacht wird. Denn es ist der Beweis, daß hier ein Geist am Werke, der unfähig, beziehungsweise gar nicht gesonnen ist, die erhabenen deutschen Kulturaufgaben (die in ganz etwas anderem bestehen als in einer antisemitischen Radauhetze, d. Red.) zu erfüllen, zu deren Lösung das Burgtheater berufen ist. Mit der notgedrungenen Streichung der den Skandal verursachenden Stellen und anderer szenischer Umstellung ist diese Reinigung aber nicht getan. Es müssen auch jene Männer entfernt werden, die es als ihren Beruf erachten, fremden Geist besonders zu pflegen und das deutsche Wesen offen zu höhnen." Sollte der Erfolg des christlich-germanischen Intermezzos, das von Herrn Millenkovich seinerzeit an dieser ersten Pflegestätte deutscher Kunst aufgeführt wurde, die Herren noch nicht eines Besseren belehrt haben? Wes Geistes die arischen Literaturaposteln sind, das beweist die obige Erklärung zur Genüge. Ein Appell des Budapester Oberrabbiners. Wer schildert die Leiden und Entbehrungen jener armen ungarischen Studenten, die durch den Numerus clausus gezwungen, ihre Universitätsstudien fern der Heimat, oft bitterster Not und grenzenlosem Elend ausgesetzt, durchführen müssen, die, zugleich Märtyrer des Judentums und der Wissenschaft, lieber das bittere Los der Verbannung auf sich nehmen, als daß sie Judentum oder Wissenschaft im Stiche ließen? Wer erfaßt den Schmerz der Eltern, die ihr Kind in die Fremde schicken müssen, weil ein grausames, unmenschliches Gesetz diesen eines der primitivsten menschlichen Rechte, das Recht aut Wissen und Bildung, verwehrt? Solange das Numerus clausus- Gesetz in Ungarn besteht, solange dieses Land einen Teil seiner wissensdurstigen und bildungshungrigen Jugend zwingt, das Land zu verlassen, solange Schmerz und Not und Gram mutwillig auf arme Menschen gehäuft wird, die keine andere Schuld haben als die, jüdischen Glaubens zu sein, solange kann Ungarn keinen Platz im Kreise der zivilisierten Nationen beanspruchen. In anderen Ländern werden fremde Staatsangehörige, wenn sie ein Verbrechen begangen haben oder einen liederlichen Lebenswandel führen, des Landes verwiesen. Ungarn zwingt' seine eigenen Staatsangehörigen zum Verlassen des Heimatlandes, wenn sie ihr Wissen und ihre Bildung erweitern wollen; dasselbe Los, wie es andere Staaten nur abgestraften Verbrechern und Landstreichern bereiten, trifft in Ungarn die studierende Jugend jüdischen Glaubens. Mögen daher die Worte, die der große Oberrabbiner von Budapest Dr. Simon Hevesi am Schlüsse seiner anläßlich des Passahfestes gehaltenen Predigt gesprochen hat und die von der vieltausendköpfigen Gemeinde stehend angehört wurden, den Weg auch zu den Herzen dar nichtjüdischen Bevölkerung Ungarns finden, möge der Appell, den der im Patriarchenalter stehende jüdische Seelenhirte an alle Ungarn gerichtet hat, den Erfolg haben, daß das grausame und unmenschliche Numerus clausus-Gesetz abgeschafft wird! Dt. Hevesi sagte am Schlüsse seiner Predigt: „Im Namen Gottes und der Menschenliebe richte iih von dieser heiligen Stätte an die nichtjüdischen Patrioten, denen das Schicksal unseres Vaterlandes am Herzen liegt, den Appell, für die Abschaffung dieses Ausnahmegesetzes zu kämpfen; haben doch schon bedeutende Staatsmänner ihrer Ueberzeugung Ausdruck verliehen, daß der gute Ruf Ungarns im Auslande die Ausmerzung dieses unseligen Gesetzes, das nur als Ausnahmeinstitution gedacht war, erfordere. Es ist unser innigster Wunsch, daß unsere studierende Jugend wieder ins Elternhaus und in die Heimat zur Pflege der Wissenschaft und Kultur zurückkehren könne, ein Wunsch, dessen baldige Erfüllung auch im Interesse des gesamten nichtjüdischen Ungartums liegt." Frankreich und der Zionismus. In Frankreich hat sich eine Gesellschaft zur Förderung des Aufbauwerkes im Heiligen Lande gebildet. Diese Gesellschaft, der einige hervorragende Vertreter des französischen Judentums angehören, hat nun aus Anlaß Ihrer ersten öffentlichen Versammlung vom Premierminister Aristide Briand ein Schreiben erhalten, das die Stellung der französischen Regierung zum Wiederaufbau von Erez Jisroel, dessen Förderung sich die Gesellschaft France-Palestina zur Aufgabe gemacht hat, klar und deutlich zum Ausdruck bringt. Dieses Schreiben ist auch deshalb bemerkenswert, weil es zugleich mit der Zustimmung zu den zionistischen Aufbaubestrebungen eine deutliche Absage an den jüdischen Nationalismus enthält. Jeder Jude, sofern er nicht unrettbar dem Nationalismus verfallen ist, wird das im Nachfolgenden in deutscher Uebersetzung wiedergegebene Schreiben mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen: „Sicher ist es wünschenswert, daß die Juden wissen, sie können in Palästina Zuflucht finden vor der Verfolgung, der sie oft begegnen; ein nationales Heim, in welchem sich ihre Erinnerungen und ihre Hoffnungen erfüllen. Das haben wir schon in San Remo gesagt. Wir haben auch gesagt — ist es wirklich notwendig, das zu wiederholen?— daß wir es nicht verstehen würden, wenn die Juden Palästina in einen jüdischen Staat, zum Nachteil der Eingeborenen, ausgestalten würden oder wenn sie heute oder später den Christen und Mohammedanern des Landes die Gleichheit der bürgerlichen und politischen Rechte verweigern würden, die die Friedensverträge den Juden selbst in jenen Ländern garantieren, in denen sie früher derselben beraubt waren. Das Nationalheim ist Arznei — wenn auch noch unvollkommen, aber sehr notwendig — gegen ein Uebel, das geheilt werden könnte, wenn Staaten keine Unterschiede machen würden zwischen ihren jüdischen und ihren nichtjüdischen Bürgern und wenn die Juden selbst Bereitschaft zeigten, sich als Bürger der Staaten, in denen sie leben, zu betrachten; wenn die Lehren der Sitzung der großen Sanhedrinzu Paris (1807) überall verstanden werden würden und wenn die Welt sich die Formel des Kaisers Napoleon zu eigen machen würde: „Ich wünsche, die Juden fänden ihr Jerusalem in Frankreich". Die demokratischen Nationen können Sie nur loben für Ihren Versuch zur Verwirklichung dieses edlen Ex-