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Die Wahrheit · 1926-04-16 · Heft 17 (16.4.1926) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 17 (16.4.1926)
Date
1926-04-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 17 Roland Hegedüs, der ehemalige ungarische Finanzminister, meinte neulich^er könne sich nicht vorstellen, was aus dem Evangelium geworden wäre, wenn Jesus bei der Wahl seiner Jünger den Numerus clausus befolgt hätte. Es ist allerdings richtig, daß gegenwärtig die Vertreter des Numerus clausus in Ungarn an alles eher als an das Evangelium denken. Ego. Präsidentin Softe Grünfeld zu ihrem 70. Geburtstag. * Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Die Geschichte des Judentums ist zumeist eine Geschichte der jüdischen Persönlichkeiten. Kein Zufall ist es, daß das 2. Buch der Heiligen Schrift, in dem die Wandlung des „Hauses Jakob" in ein Volk geschildert wird, mit den Worten anfängt: „Und dies sind die Namen." Fast jedes Kapitel der Weltgeschichte unseres Volkes kann mit Namen bedeutender Männer und Frauen beginnen. In gleichem Sinne würde ein Historiograph, der die Wiener Juden am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts schildern wollte, dies am besten durch Vorführung hervorragender Männer und Frauen tun können, die schaffend im öffentlichen jüdischen Leben sich hervorgetan haben. In der allerersten Reihe der Persönlichkeiten, die auf jüdischcharitativem Gebiete führend sind, steht Frau Sofie Grünfeld, die Präsidentin der von ihr ins Leben gerufenen Organisationen „Ferienheim'" und „Seehospiz". Was sie, wie nur noch wenige jüdische Frauen Wiens und Berlins, auszeichnet und ihrer Tätigkeit ein besonderes Merkmal verleiht, ist das Hineintragen eines modernen Zuges in den uralten Betrieb der jüdischen Wohltätigkeit. Die beiden großen Vereine, die sie vor Jahrzehnten aus eigener Initiative begründet, unter Anspannung all ihrer Kräfte zu besonderer Höhe gebracht und unter den schwierigsten Verhältnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit aufrecht erhalten hatte, sind daran erkennbar, daß sie den kollektiven Gedanken nicht bloß in der Sammlung, sondern auch in der Verwendung der Mittelzum Ausdruckbringen. Statt wie früher den armen Eltern kranker oder erholungsbedürftiger Kinder Geld in die Hand zu drücken und sich weiter um deren Schicksal nicht mehr zu kümmern, werden letztere gleichsam von der Schule weg unter die Obhut der beiden Vereine genommen, gemeinsam in die Ferne geschickt, wo sie in hygienischen, vpn Aerzten und pädagogischen Kräften überwachten Heimen gemeinsam gepflegt und unter Spiel und Unterhaltung Licht, Luft und frohes Leben genießen. Dieser Gedanke, heute eine Selbstverständlichkeit und ebenso in Europa wie in Amerika allgemein verbreitet, wurde von Frau Sofie Grünfeld unseres Wissens zumerstenMale erfaßt, auf jüdischem Gebiete erprobt und mit vollem Erfolg durchgeführt. Dies ist ihr bleibendes, spezifisch persönliches Verdienst. So einleuchtend, überzeugend und segensreich diese von Sofie Grünfeld erfaßte Idee ist, sie hätte kaum ihren vollen Erfolg errungen, wenn nicht Frau Grünfeld den scharfen Blick besessen hätte, sich einen Stab von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auszuwählen, der ihn tatkräftig Gefolgschaft leistete. Hierzu gesellt sich bei ihr eine derartige rhetorische und dialektische Begabung, daß man wohl bedauern muß, sie nicht in einem größeren Kreise wirken zu sehen. Eine Sage des Altertums erzählt, daß eine phönizische Königstochter mit ihren Schiffsgefährten an der Küste Nordafrikas landete und vom dortigen Herrscher ein Stück Land erwerben konnte, nicht größer als ein Fell, das sie ihm vorzeigte. In ihrer Klugheit zerschnitt sie das Fell in Riemen und umspannte mit ihnen ein gewaltig großes Territorium, auf dem sie eine Stadt erbaute. Auch Sofie Grünfeld hat mit einer kleinen Aktion begonnen, ihre Ideen aber umspannten bald viele Ortschaften Niederösterreichs, Mährens, Ungarns, Jugoslawiens sowie der Küste der Adria, wohin sie in den Jahrzehnten tausende und abertausende Kinder zur Erholung entsandte. — In körperlicher und geistiger Rüstigkeit steht die Jubilarin an ihrem 70. Geburtstage da, wachend über ihr Werk, ausschauend und ausbauend. Möge sie sich ihres klangvollen, führenden Namens noch lange erfreuen und mit ihrer Tätigkeit auch fernerhin jenes Gebiet umspannen^, das sie sich zum Ruhm und der Wiener jüdischen Jugend zum Segen geschaffen hafte. Frau Sofie Grünfeld war anläßlich ihres Jubelfestes Gegenstand zahlreicher Ehrungen. Regierung und Israelitische Kultusgemeinde, Ferienheim und Seehospiz, deren Schöpierin Sofie Grünfeld ist, und die „Weibliche Fürsorge", eine - Vereinigung der Spitzen von 50 charitativen Vereinen, sandten Deputationen, um die Jubilarin zu feiern. Ministerialrat Dr. Nürnberger überreichte ihr im Namen des Ministeriums für soziale Fürsorge das Offizierskreuz vom Roten Kreuz, wobei er betonte, daß bisher nur Marianne Hainisch diesen Orden besitzt. Der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde. Generalstabsarzt Professor Pick, der mit dem Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Dr. O r n s t e i n und Amtsdirektor Fuchsgelb erschien, feierte Frau Grünfeld in schwungvollen Worten als Schutz und Schirm der Wiener jüdischen Kinder. Nachdem Prof. Z a p p e r t der Jubilarin den Dank im Namen von vielen hundert armen Kindern ausgesprochen hatte, sprachen Baumeister Edmund M e 1 c h e r. Generaldirektor Sauerbrunn. Frau Regine Ulmann. Hofrat.Professor Dr. S. Ehr mann und Dr. M. Rosenmann im Namen der Vereinigungen, denen Sofie Grünwald als unermüdliche Vorstandskraft angehört.

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