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Die Wahrheit · 1926-04-16 · Heft 17 (16.4.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 17 (16.4.1926)
Date
1926-04-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17 _DIE WAHRHEIT =C3——ttapi, ' - i Seite 7 erlebt. Da lief ein Bettelweib, das auch schon in einem Irrenhause interniert gewesen, durch die Straßen, wies auf ihre blutenden Wunden und schrie, daß__ihr diese von den Juden zur Deckung ihres Osterbedarfes zugefügt worden seien. Während der Pöbel zur Sühne des rituellen Verbrechens in ehrlicher Begeisterung die Geschäfte einiger Juden plünderte, gelang es der Polizei, den Fall aufzuklären. Die Bettlerin gestand, sie habe aus Lebensüberdruß sich die Oeschichte ausgedacht, in der Hoffnung, man werde sie wegen der falschen Ritualmordanklage — töten! Kein Zweifel, nur eine Wahnsinnige konnte auf die Idee kommen, man werde wegen der Verbreitung dieses Märchens so hart gestraft werden. Die Hakenkreuzpresse hätte dann kaum mehr einen lebenden Schriftleiter. * * * Auch Herr Fritsch veröffentlicht in der jüngsten Nummer seines „Hammer" eine Reihe solcher „Ritualmordfälle". Der graue Ehrenmann kann sich auf das erst vor kurzem ihm ausgestellte Urteil deutscher Richter berufen, daß man bei ihm, der unbewußt in der Ausschrotung von Lügen und Verleumdungen gegen die Juden alt geworden, die Worte nicht so genau nehmen dürfe. Es ist wirklich schön von Herrn Fritsch, daß er diesmal erklärt, „wir verzeichnen diese Dinge einfach, denn wir sind nicht in der Lage, sie auf ihre Wahrheit zu prüfen." Warum er das „regelmäßige Auftauchen solcher Nachrichten vor dem jüdischen Osterfest befremdlich findet", kann ich allerdings nicht begreifen. Da sich immer urteilslose Irregeführte und gewissenlose Lügner finden, die mit allen Mitteln für die Wiederauflebung dieses Märchens arbeiten, ist es selbstverständlich, daß solche Nachrichten regelmäßig wieder auftauchen. Man weiß sogar, daß es antisemitische Hetzer gibt, die nicht vor der niederträchtigen Verleumdung zurückschrecken, die Tatsache, „daß in neuerer Zeit noch nie ein Jude dafür gerichtet wurde", folgendermaßen zu erklären: „Immer haben die dem Oesamtjudentum der Erde zu Gebote stehenden Mittel an Kapital und Beeinflussung 4er öffentlichen Meinung hingereicht, den Verbrecher dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehen." Das heißt deutlicher und deutsch gesagt, nicht nur die Juden haben mit ihrem Kapital die Richter bestechen wollen, sondern die Richter haben sich auch tatsächlich von den Juden bestechen lassen. Da niemand anderer als Herr Fritsch es war, der diese schändliche Verleumdung, die auch eine lange Reihe deutscher Richter trifft, niederschrieb, brauchte es wahrhaftig ihn am wenigsten zu befremden, daß die Nachrichten über rituelle Verbrechen der Juden nicht verstummen, * * :Js Es ist nicht meines Amtes, an dieser Stelle Kritik über Theaterstücke zu schreiben. Es fällt mir daher nicht ein, hier über den „Fröhlichen Weinberg" des Herrn Zuckmayer, den ich übrigens weder in seiner ursprünglichen, noch in seiner für Wien purifizierten Gestalt kenne, eine Meinung zu äußern. Einige Zitate aus diesem in deutschen Landen^mit unerhörter Begeisterung aufgenommenen Werke, 'die ich in den Besprechungen seiner feurigsten Verehrer gefunden, haben allerdings in mir rdie Vermutung erweckt, daß, wenn jemand Wert darauf legen wollte, aus einem anständligen Hause hinausgeworfen zu werden, er nichts Klügeres tun könnte, als diese paar Zitate in Gegenwart der Damen der Familien vorzulesen. Da Herr Bartels, der Literaturpapst der Antisemiten, keinen Augenblick daran zweifelte, Hermann Bahr müsse, nach seinen dramatischen Schriften beurteilt, ein Jude sein, war ich überzeugt, Herr Zuckmayer werde früher oder später dank seiner Leistungen im „Fröhlichen Weinberg" von den berufenen antisemitischen Literaturkennern zum Juden ernannt werden. Das ist auch richtig eingetroffen. Herr Zuckmayer erklärt dagegen feierlich, daß er weder Jude noch Judenstämmling sei. Wird ihm das nützen? Schwerlich. Diese „Verleumdung" zu entwurzeln, müßte er vielleicht Mitarbeiter eines antisemitischen Blattes werden. * , * * Herr Zuckmayer will sich weder als „Juden" noch als „Halbjuden" verhöhnen lassen; er versichert sogar, daß er ein „gläubiger Katholik" sei. Der „Weltkampf4, der im Kampfe gegen das Judentum häufig selbst den „Hammer" des Herrn Fritsch an Gemeinheit übertrifft, läßt sich aber vorläufig nicht darin stören, das „gesamte Judentum" für den Erfolg des „Fröhlichen Weinberg" verantwortlich zu machen, für das die Konfession des Autors „Grund genug war, sich für die Schweinerei einzusetzen." Die Infamie dieser Behauptung ist beträchtlich, aber sie wird turmhoch überragt durch die Dummheit, mit der ihre Richtigkeit bewiesen werden soll. An der Spitze des Gesamtjudentums zur Verherrlichung steht nach dem „Weltkampf" angeblich das „Leipziger israel. Familienblatt",, das zur Verherrlichung des Stückes schreibt: „Die Menschen dieses Lustspiels haben eine gesunde Moral, sie kennen nicht die heimliche, vor der Gattin mühsam unterdrückte Freude am Scheinischen." Der Herr, der diesen Beweis gegen das „Leipziger israel. Familienblatt" führt, hat also nicht gemerkt, oder wollte es nicht merken, daß das jüdische Blatt damit die schärfste Brandmarkimg des zotenhaften Werkes in ironische Form des Lobes gehüllt gab. Wahrhaftig, die Dummheit dieses Unverständnisses geht über alle Grenzen. Solchen Zynismus dürfte das Antisemitenblatt nicht einmal einem — anderen Antisemitenblatt zumuten. * * * Herrn G ö m b ö s und die Seinen stellen sich so, als ob sie ernstlich glaubten, Graf Bethlen werde nun endlich den Vernichtungskampf gegen die Rassenschützler beginnen. Der Führer der Rassenschützler erklärt, er werde seinen Idealen treu bleiben und, wenn es nicht anders ginge, werde er und seine Parteigenossen, wie einst die ersten Christen, sich vor der Verfolgung der Regierung in die Katakomben flüchten. Gömbös scheint vergessen zu haben, daß die ersten Christen — Juden waren, die vor der Gefahr standen, wilden Tieren zur Beute vorgeworfen zu werden. Wenn man an die Greueltaten der Hejjas und Konsorten sich erinnert, dann würde man versucht sein, die Rassenschützler nicht mit den ersten, sondern mit den letzten Christen zu vergleichen. * , * *

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