Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 17 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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von schwarzem Marmor die weiße Aiarmorstatue des Verstorbenen ruht, zu Häupten die Witwe knieend, zur Seite die Jungfrau mit dem Kinde, darüber eine iReiterstatue des Seneschall und so vieles andere, macht einen überwältigenden Eindruck. Die Farben der Glasmalerei der Fenster gehören zu den schönsten und sattesten, die je geschaffen worden sind. Kein Künstler ist mehr imstande, solche Farben auf Olas hinzuzaubern. Und als im Jahre 1914 die Geschosse der .Jangen und dicken Bertha" sogar bis dorthin gerichtet werden sollten, so erzählte mir der mich «führende Abb€. ein Geistlicher von enormer künstlerischer Durchschulung, da wurden die Fenster ausgehängt, um gerettet zu werden. Es kam nicht zum Bombardement, aber die Fenster wurden letzt ordentlich gereinigt und nach fangen Jahrhunderten konnte man an den gereinigten Gläsern sehen, was die Kunst an ihnen besizt. Ich könnte einen Monat lang darüber sprechen! Wären diese Fenster, diese Glasmalereien zertrümmert worden, die Welt wäre um einen unersetzlichen Kunstbesitz ärmer geworden sein. Noch muß ich erwähnen der in einer Ecke des transepts angebrachten gotischen Treppe und der Illuminaten in der Bibliothek. Ich habe viele Illuminaten gesehen, was ich aber dort gesehen, übersteigt alles andere und mit Recht meinte meine Frau, hier muß der Mönch monatelang an einer Initiale gearbeitet haben. An hebräischen Büchern besitzt die Bibliothek nur eine aus dem 17. Jahrhundert stammende Bibel. Wenn ich von Rouen weiter sprechen sollte, müßte ich von Sa?nt Maclou, Saint Ouen. Saint Vincent, Saint Patrice und noch vielen anderen Prachtbauten, die ich alle besucht und bewundert habe, sprechen, aber da würden buchstäblich Tage nicht hinreichen. Denn nirgends hat die französische Kunst so üppig sich ausgelebt, wie hier. Ich möchte also letzt nur noch vom Tour de la Grosse Hbrloge, der gegenüber das Hotel de Vflle steht, sprechen Beide werden durch ein Tor verbunden, an dem große Zifferblätter skulptiert sind. D?e Basreliefs stellen den euten Hirten dar. Eine monumentale Arbeit! Am Fuße des Turmes eine Fontäne, wo Alpheus und Arethusa ihre Wasser vermengen. Was nun die Juden in Rouen anbelanet, möchte ich zunächst erwähnen, daß Juden dortselbst bereits sehr lange wohnen und schon im 10. Jahrhundert erwähnt werden. Ihre Geschichte daselbst war eine sehr bewegte und namentlich zur Zeit da Rouen zu England gehörte, scheint d'e La^e der Juden eine besonders schlechte gewesen zu sein (vgl Graetz, Geschichte der Juden. Band VI3, Lpz. 1894. S. 84). Dnch müssen die Juden dortselbst. wenn wir einer Notte hn Mahsor Vitry. Bd. Berlin. Nr. 244, S. 209. wo von den Kezine Rouanl die Rede ist. folt^n. recht wohlhabend gewesen sein. Ihr Hauptouartier, das Philipp der Schöne, nach der Vertreibung der Juden aus Frankreich im Jahre 1306 dem Magistrate schenkte, befand sich in der unmittelbaren Nähe des Palais de Justice (wer weiß, ob das Palais überhaupt nicht auf ehemals jüdischem Boden steht?), wo noch heute die Rue des Juifs sich befindet und an deren oberen Ende ein noch heute stehendes alte Gebäude die alte Synagoge beherbergt haben sotl. Doch ähnlich wie in Troves wissen auch die Juden von Rouen nur wenig von der bewegten Vergangenheit ihrer Vorfahren. (Vergleiche Depplnc:, Les Jnifs dans le moyen äg Paris 1834, S. 140 ff.) Die heutige Juden gemeinde dort ist jedoch ziemlich jung und zählt derzeit 150 Familien, die mit Ausnahme einiger weniger russischen Familien ausschließlich aus dem Elsaß stammen und fast dnrehgehends Textilfabrlkanten und sehr reich sind. Einen armen Juden gibt es dort nicht. Um * so schmerzlicher muß darum einem sein Judentum liebenden Menschen die Armseligkeit der Jüdischen Institutionen berühren, Ja der fast vollständige Mangel an Interesse an den Belangen der Jndenheit Schon der kleine, armselig ausgestattete Tempel, der in einer der schmutzigsten Straßen untergebracht ist, weist auf das mangelnde Interesse an jüdischen Dingen hm. Wer aus Deutschland kommt und dort in den kleinsten Gemeinden künstlerisch hochwertige Gotteshäuser kennein gelernt hat, der ist betrübt über die Armseligkeit dieser Bauten. Und wenn man gar bedenkt, welch herrliche Denkmäler die Kirche dort aufgepflanzt hat und wie armselig und Öde der Tempel dort aussieht, der wird nicht ohne Weh darüber hinwegkommen. Denn schließlich könnten 150 sehr reiche Familien schon ein in de« Rahmen der Stadt sich einfügendes schönes Gotteshaus errichten haben lassen. Allerdings wer den Tempelbesuch dort gesehen, merkt sofort das mangelnde Interesse an den Institutionen des Judentums. Als ich und meine Familie am Samstag Vormittag ins Gotteshaus kamen, wurde schon gebetet, aber erst ich. meine beiden Söhne und zwei Reisende aus Paris ergänzten die zum Beten nötige Zehnzahl. Die Frauengalerie waT geschlossen und meine Frau und eine Dame aus Paris nahmen in der letzten Bank der Männerabteüung Platz. Also nicht eine einzige jüdische Frau in Rouen hat das Bedürfnis am Gottesdienste, 4 der ganz nach unserem Ritus sich abwickelt, teilzunehmen. Und doch war der Kantor bemüht, schön und würdig den Gottesdienst zu gestalten. Rabbiner Myers, der wie ich gehört habe, ein äußerst sympathischer junger Mann und ein ganz vorzüglicher Kanzelredner sein soll, war, als ich dort war, zum Sommeraufenthalte bei seinem Schwiegervater Rabbiner Bauer, dem Professor des Pariser Rabbinerseminars, in Versailles, so daß ich keine Gelegenheit hatte, mit ihm, wie ich es gern gewollt hätte, die Ursachen dieses so geringen Interesses an unseren Heiligtümern zu besprechen. Noch will ich erwähnen, daß der Almemor im Tempel oben steht, und daß die Gemeinde auch einen jüdischen Friedhof besitzt. Hingegen gibt es keine jüdische Restauration. Ich darf ruhig sagen, daß ich infolge dieser Zustände nicht ohne brennenden Schmerz Rouen yerlassen habe. Kaum daß wir Rouen verlassen haben, führte uns der Weg durch das industriereiche Gebiet der Seine und schon bei Rosny, also ungefähr 63 Kilometer weit von Paris, erblickten wir den in tausenden Glühkörpern erstrahlenden Eiffelturm, den unser Glaubensgenosse Citroen (früher Zitron), der europäische Ford, während der Exposition des Arts als Reklame beleuchten hat lassen. Dieser mächtige Lichtkegel hat uns bis Paris, das wir spät am Abend erreichten, nicht mehr verlassen.. Nun waren wir wieder in Paris und der Gare St. Lazare, der im Herzen von Paris liegt, strömte Massen von Menschen aus und trotzdem wickelte sich alles in geradezu musterhafter Ordnung ab. Unser Chauffeur war ein bildschöner, ehemaliger russischer Offizier mit langem blonden Barte, der in der Nacht als Chauffeur sein Brot sich verdient, um am Tage zum Teil seinen ehemaligen Allüren nachgehen zu können. Wie denn überhaupt zahllose Ausländer, namentlich Studenten, und unter diesen nicht wenige russische, polnische, ungarische und rumänische Juden, ihr Brot sich In schwerster Nachtarbeit verdienen, um am Tage ihren Studien nachgehen zu können. So lernte ich die Mutter zweier rumänischer Studenten und einer Studentin kennen. Der eine dieser Studenten bediente im Grand Hotel, der andere im Claridge in der Nacht das Telephon und hat jeder einzelne oft 500 bis 600 Gespräche zu vermitteln, um dann am nächsten Morgen dem Studium der Medizin nachgehen zu können. Auch das Mädchen hatte früher eine ähnliche Stelle inne, doch ist sie jetzt mit ihren Studien fertig und will sich demnächst als Zahnärztin etablieren. Weinend erzählte mir die arme Mutter, welcn harte Tage die brave Tochter hinter sich hat. Dies aber sind noch die günstigen Fälle, wie viele aber enden in harter Tragik! (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die gesamte Hakenkreuzpresse feierte nach traditionellem Brauche Wochen hindurch vor Pessach das fröhliche Fest der Auferstehung: des blutigen Ritualmordmärchens. Ans allen Ecken und Enden wurden Schauergeschichten gemeldet, in denen in angenehmer Abwechslung von verschwundenen Kindern und blutig geschlagenen Erwachsenen berichtet wurde. Solche „verschwundene Kinder" finden sich zwar zum Leidwesen der Antisemiten dank der Mitwirkung der Behörden auch tatsächlich, denn die Fälle, in denen nach dem Zeugnisse von Päpsten einst fanatische Judenfeinde ihre Kinder abschlachteten, um die Schuld den Juden in die Schuhe zu schieben, werden immer seltener. Aber ganz vergebens waren die Kinder doch nicht verschwunden; für die Entfesselung einer kleinen Judenhetze gentigte ja schon die Meldung allein. Wie manche Erwachsene vor Pessach zu Wunden kommen, deren Behandlung mitunter nicht ohne Gefahr für die Juden abläuft, dafür hat man auch in diesem Jahre ein hübsches Beispiel in Minsk