Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 17 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 DIE WAHRHEIT Sttif 5 — ach! wie wenige gibt es noch bei uns! — zum Lesen zu verschaffen. Ich erstand mir, versessen auf alles Dramatische, sein Stück „Hockenjos", einen Einakter, den er um einen reizenden Einfall — ein Verschollener erlebt in seiner Vaterstadt seine Denkmalsenthüllung — für die Bühne gezeichnet hatte. Noch ein wenig steif und 'unbeholfen, aber schon um seines satirischen Gedankens höchst beachtenswert Seitdem habe ich stets bedauert, daß Wassermann nicht mehr für das Theater geschaffen hat. Aber darnach kamen seine großen Romanerfolge, mit der „Renate Fuchs" beginnend, über sein Bestes, sein „Qänsemännlem", bis zum „Wahnschaffe" und „Laudin". Und über diesen Lorbeeren und Einnahmen vergaß Wassermann wchl unser deutsches Theater, das immer mehr zu einer Marktschreierbude heruntersank, in der nur noch die lautesten Brüller zu Worte kamen. Nur einmal geriet ich noch in persönliche Berührung mit dem Poeten Wassermann. Das war, nachdem er seine Schrift, die seinen Leidensweg unter den „Qojim" schildert, veröffentlicht hatte. Seinen Leidensweg, den er als in Franken geborener Jude unter seinen deutschen Landsleuten durchzumachen gehabt hat. Da warnte ich ihn vor solcher Verallgemeinerung eigener schlimmer Erfahrungen. Warnte ihn zum Besten des inneren Friedens in Deutschland, weil ich fürchtete, daß solche Aeußerungen antiteutonischer Art leicht einen Rückstoß aus dem anderen Lager zur Folge haben würden. Die liebenswürdige Form, in der er meinen Ratschlag erwiderte, sagte mir, daß er mir nicht ganz unrecht geben könnte. Ich verstehe solche Temperamentsausbrüche sehr wohl. Und der furor iudaicus, wie ihn der Jüngling Lasalle bei sich nannte, kann wie sein Bruder, der bekannte furor teutonicus, sogar sein Anziehendes haben. Doch können solche Ausschläge leicht auch ihr Gefährliches zeitigen, indem sie das Gleichgewicht der gegenseitigen Duldsamkeit stören. Schließlich vermag ja jeder außergewöhnliche Mensch, wenn er nur die Widerstände bei seinem Werdegang berücksichtigt, rückschauend sein Leben als einen Leidensweg zu bezeichnen und zw schildern. Ich verpflichte mich, als sogenannter Arier und Vollblutgermane geboren, meine Laufbahn als Dichter derart schwarz und finster auszumalen, daß jeder vor Mitleid mit mir aufheulen soll. Unsere Zeitgenossen pflegen uns ja im allgemeinen unseren Weg nicht nur mit Rosen, sondern weit mehr mit Dornen zu spicken. Und auf ein Lob kommen in dei Regel drei Verreißumgen, pflegt der alte Bettelheim in Wien zu zählen. Indessen heute kann Wassermann als einer sogar m dieser sparsamen Zeit vom deutschen Volk meist gelesener Romanschreiber nicht mehr klagen. Selbst seine harte Jugend wird dem glücklich am Strande des Erfolgs Gelandeten in der Erinnerung gern zu Gold. Und wer so viele Freunde wie er in Germanien hat, warum sollte der dies kimmerische Land nicht lieben, von dem Hebbel gesagt hat, daß seit jeher seine Genies Ersatz für das Licht und die Wärme geschaffen hätten, die uns von einer kalten, nordischen Schöpfung vorenthalten wären.' So grüßen seine Mitgeister in Deutschland heute Jakob Wassermann, auf daß es ihm nach dem Coueschen Allheilmittel hier täglich besser und besser gehe. Ein Tropfen Liebe tilgt ein Meer von Haß. 100 % reines JFett ^ms JäoAosn rissen __ Eine Sommerreise durch Nordfrankreich. Vortrag, gehalten von David Herzog. (Fortsetzung.) Doch der gesunde Instinkt der Menschheit hat diese Barbarismen überwunden und aus Schamgefühl ist die Richtstätte, die man gtmau kennt, nicht besonders gekennzeichnet und nur eine kleme Tafel an einer Ecke der Markthalle weist auf sie hin. Und wer weiß, ob nicht gerade die erwachte Erkenntnis über das verletzte Recht die Anregung zum Bau jenes herrlichen Justizpalastes in Rouen gegeben hat, der seinesgleichen sucht, wo der Erforschung des Rechts eine von edelster Kunst erfüllte Heimstätte geschaffen wurde, um den Richtern ins Gewissen zu rufen, daß wie die Kunst, auch das Suchen nach dem Recht, losgelöst von jeder Parteilichkeit ausschließlich vom Strehen mach höchster Vollkommenheit erfüllt sein müsse! Wenn Springer in seiner Kunstgeschichte meint, der Palast, der m der Fassade im Spitzbogenstil erbaut ist, sei zu überladen, kann ich dem nicht beipflichten, denn ich habe noch nie ein Gebäude gesehen, das einen so ebenmäßigen, harmonischen Eindruck auf mich gemacht hätte. Hier ist alles vom hohen künstlerischen Werte erfüllt und wei in der Mitte das entzückende achteckige Türmchen gesehen und im Innern die Salle de Procureurs und die Salle de Cour d'Assises, mit ihrer prächtigen Decke aus Eichenholz und vergoldeter Bronze, wird das Grandiose dieser Arbeit begreifen. Ich will nur noch bemerken, daß die Salle de Pas-Perdus, die 49 Meter lang und 16 Meter breit ist, wegen ihrer von keinem Pfeiler getragenen Balkenwölbung berühmt ist. Wundervoll ist auch der Hof. Doch selbst dieses Kunstwerk verschwindet neben der Kathedrale oder der Eglise Notre Dame, eines der schönsten Monumente französischer Kunst aus dem XIII. bis XVI. Jahrhundert. Das majestätische Innere, das zahlreiche Kunstschätze birgt, ich erwähne nur die Grabmäler von Richard Löwenherz und Heinrich II„ das Denkmal Louis de Brez6, das schönste Werk der Renaissance, das Jean Cousin und Jean Goujon zugeschrieben wird, wo auf einem Kenotaph