Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 17 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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wir dieser Mitarbeit gedenken. Lassen Sie mich allein zwei Namen nennen, den eines Verstorbenen, des berühmten Physikers und Professors an der Bonner Universität Heinrich Hertz, der der physikalischen Wissenschaft völlig neue Bahnen gewiesen hat, dessen Andenken die deutschen Physiker dadurch geehrt haben, daß sie für ihre wissenschaftliche Vereinigung den Namen „Heinrich Hertz-Qesellschaft" gewählt haben. Ist es nicht auch ein deutscher Jude, Einstein, der wiederum neue Bahnen gewiesen hat? Ist es nicht in der Bakteriologie, der Wissenschaft, auf der die ganze moderne Hygiene beruht, ein Jude, der Breslauer Professor Ferdinand Cohn, gewesen, der zuerst die kleinsten Lebewesen entdeckt hat! Haben nicht Männer, wie Ehrlich und Wassermann, als Forscher und Erfinder wunderbarer, wichtiger Heilseren Unendliches geleistet! Und so könnte ich tausend Namen von deutschen Juden nennen, die mitgeschafft haben am Ruhm der deutschen Wissenschaft, am Ansehen des deutschen Volkes in der Welt. Und haben nicht deutsche Juden auch als Dichter in wunderbaren Weisen das deutsche Wesen tief empfunden, unvergängliche Perlen deutscher Dichtkunst geschaffen. Wer ist den Rheinstrom herabgefahren oder an seinen Ufern gewandert, ohne sich an der „Lorelei" und anderen herrlichen Liedern Heinrich Heines aufs innigste zu erfreuen — und seine Nordseebilder, seine Harzreise, geben sie nicht den unvergänglichen Zauber auch dieser Gegenden unvergleichlich wieder! Selbst den tiefsinnigen Mythus der katholischen Religion hat er in seiner „Wallfahrt nach Kevelaar" in innigster Weise mitempfunden. Mögen wir an manchem, was er sonst geschrieben und gedichtet hat, auch Anstoß nehmen, das, was er der deutschen Literatur in seinen Liedern und Schriften gegeben hat, bleibt unvergänglich, ist Mitarbeit an der deutschen Kunst und Kultur. Deutsch ist, wer deutsch als Muttersprache /spricht, wer sich als Deutscher fühlt, wer in des deutschen Vaterlandes Not sein Leben für es einsetzt. Heute ist der Trauertag für die im Felde Gefallenen. Wohl keiner ist unter uns, der nicht einen nahen Angehörigen in dein Kampf für Deutschlands Freiheit verloren hat Wehmutsvoll, voll tiefer Dankbarkeit, mit herbem Schmerz gedenken wir der mehr als zwei Millionen deutscher Söhne, die für das Vaterland gefallen sind, deren Heldenmut und opfervolle Hingabe sein Unglück nicht verhindern konnte. Die Geschichte wird einst, hat sie erst den nötigen Abstand gewonnen, das ungeheure Heldentum des deutschen Volkes,' die nie vorher dagewesenen Leistungen eines Volkes gegenüber einer Welt von Feinden bewundernd anerkennen. Unter den deutschen Gefallenen befinden sich auch mehr als 12.000 jüdische Mitbürger. Zwei Reichstagsabgeordnete zählen auch mit zu den Gefallenen, der erste, der sofort als Freiwilliger hinauszog, Ludwig Frank, ein Jude, der andere ein weifischer Edelmann, beide nach der damaligen Auffassung jener Kreise, die den Patritotismus allem gepachtet zu haben glauben, Vaterlandsfeinde. Sind die mehr als 12.000 unserer jüdischen Mitbürger gefallen, sind Zehntausende von ihnen verwundet worden, damit ihre Eltern, ihre Witwen, ihre Kinder von den Angehörigen des Vaterlandes, für das sie gestorben sind oder geblutet haben, beschimpft, verfolgt, entrechtet, daß sie aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgestoßen, als Parias behandelt werden? Liegt nicht eine unglaubliche Gefühlsroheit, ein unsagbarer Mangel an Gerechtigkeitsempfinden in solcher Handlungsweise? Und auf diesem Boden mangelnden Gefühles für Gerechtigkeit und Sittlichkeit erwachsen Verbrechen schlimmster Art. Der Senatspräsident, der als Vorsitzender des Staatsgerichtshofes über die Rathenaumörder abzuurteilen hatte, hat mit Recht betont, der eigentliche Angeklagte sei der Antisemitismus. Der Erzberger-, der Rathenaumord, die zahlreichen Fememorde, sie alle sind auf diesem Boden erwachsen, auf dem wegen der Ueberhebung der vermeintlichen einen Rasse über die vermeintliche andere Rasse keine Sittlichkeit gedeihen kann. Und diese Bewegung scheut sich ebenso wenig vor dem Mord an der Ehre jedes im öffentlichen Leben Stehenden, der eine andere Auffassung hat als sie. Heute vor einem Iahr raffte der Tod den ersten Reichspräsidenten Fritz Ebert hinweg. Auch er ist gefallen als ein Opfer jenes Mordes an seiner Ehre, jener Verleumdung, die sich an den untadeligen Mann heranmachte; in der Wahrung seiner Ehre fand er nicht Zeit, rechtzeitig an seine Gesundheit zu denken. Die Art, wie das Magdeburger Gericht seine Klage gegen die-Verleumder behandelte, ist wahrlich kein Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Rechtsprechung. Hat nicht auch der jetzige Justizminister, ein rheinischer Oberlandesgerichtspräsident, Herr Marx, kürzlich erklärt, daß die Erfahrungen, die er als Reichskanzler mit Beleidigungsprozessen gemacht habe, ihn veranlaßt hätten, keine weiteren solche Klagen mehr anzustrengen. Werden nicht die Leidenschaften aufgepeitscht durch die übelsten verleumderischen Märchen, wie die vom Ritualmord, die an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters erinnern, und durch schamlose Fälschungen, wie die der „Weisen von Zion"! Diese Bewegung scheut sich nicht, alles das zu verlästern, was andern heilig ist, scheut nicht zurück vor der Verunglimpfung der Bibel, der jüdischen wie der christlichen Religion. Wenn gegen die Bekenner der ersteren in dieser Weise fortgesetzt gehetzt wird, droht das nicht zu Ausschreitungen ähnlicher Art zu führen wie in den Ländern tiefstehender Kultur? Drückt uns das nicht in den Augen des Auslandes auf die tiefe Kulturstufe Polens, Rumäniens, des alten Rußlands herab? Wir können unsere frühere Machtstellung nicht mit den Waffen wieder erobern; man hat sie uns genommen; aber wir können sie zurückerobern mit den Waffen des Geistes, können der Welt beweisen, daß wir nicht die kläglichen Epigonen großer Väter, sondern daß wir noch das alte Volk der Dichter und Denker, der hohen Sittlichkeit sind; können ihr klar machen, daß sie unsere gleichberechtigte Mitarbeit nicht entbehren kann, ohne selbst schweren Schaden zu nehmen. Und wenn es eine innere Angelegenheit des deutschen Volkes ist, Recht und Sittlichkeit, ohne die es keinen wirtschaftlichen, keinen politischen Wiederaufbau gibt, bei sich wieder hoch zu bringen, so ist das zugleich ein Gebot der auswärtigen Politik, denn nur damit können wir wieder die Geltung im Rate der Völker erlangen, die das deutsche Volk nach seinen Kulturleistungen beanspruchen kann. Wie einst König Wilhelm I., als er an Stelle seines geistig erkrankten Bruders die Regentschaft in Preußen antrat, das Wort aussprach, daß „Preußen moralische Eroberungen in Deutschland , machen müsse", so muß Deutschland jetzt moralische Eroberungen in der Welt machen. Das kann es aber nicht, wenn es nicht die unsittliche Bewegung des Antisemitismus Überwindet. Der Abwehrkampf gegen die antisemitischenjrrlehren, gegen ihre volksverhetzende Unehrlichkeit ist nicht bloß eine Sache der Juden. Gewiß auch ihre Sache! Sie sollen sich wehren! .Sich wehrenbringtEhren!. Sie werden am besten tun, wenn sie unter sich die Sittlichkeit aufs höchste steigern, wenn sie in ihren Kreisen Front machen gegen das Ueberwiegen des Materialismus, gegen die übertriebene Hochschätzung des Reichtums. Aber dieser Abwehrkampf ist Sache des ganzen deutschen Volkes, denn der Antisemitismus ist ein Angriff auf seine Ehre. Ein Angriff auch, auf die christliche Religion, auf ihre Grundlagen. ihre höchsten Güter. Wir aber sagen uns, daß es gilt zusammenzufassen alle die Kräfte, die bereit sind, am Wiederaufbau des Vaterlandes mitzuarbeiten, und daß wir das nur mit Erfolg tun können, wenn wir uns bewußt sind des Wortes: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern!" Personliches zu Jakob Wasser* mann. Von Herbert Eulenberg. Das erste, das ich von Wassermann las, war eine Einzeichnung von ihm in das Oästebuch bei Otto Brahm. In eines jener Folterbücher, die man einem bedeutenden Mann womöglich noch kurz vor seinem Aufbrechen zur Ablegung irgendeines Gedankenblitzes vorlegt. Dahinein hatte Wassermann folgendes geschrieben: „Nach langem, vergeblichem Nachsinnen: — Jakob Wassermann." Diese schwerwiegenden Worte veranlaßten mich sogleich, mir etwas von diesem wunderlichen, lustigen Kauz *J fk MM J\ \ I W*% Kleider-, Pelze u.Gummimäntel-Fa I Ul jYI LI Y I 1^ Zentrale: Detailverkauf: ■ß* M^0m lf II 1 I Lrfll WtenD.JGloqkengM»e24 Wien II., Toborslra