Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 17 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 17 heitlichen Gesinnung auch in konfessionellen Dingen sein, der man sicher alle Sympathie zuwenden könnte. Und deshalb sind die Worte, die Maximilian Schreier dieser Tage in seinem Blatte geschrieben, auch uns aus dem Herzen gesprochen: „Heute könnte doch schon allmählich die Erkenntnis reifen, daß man der Entwicklung sogar in freiheitlicher Beziehung besser dienen würde, wenn man den Weg zur Verankerung der demokratischen Republik starken Schrittes selbständig zu gehen wagt. Vielleicht ist der Augenblick doch nicht mehr zu ferne, da eine neue demokratisch-bürgerliche Partei, ähnlich wie in Deutschland, Weggenossen findet, die bereit sind, von neuem den Marsch in die politische .Arena anzutreten." Diesen Marsch werden wohl auch die" demokratisch gesinnten jüdischen Bürger Oesterreichs gerne mitmachen; wie man sich aber für die Gründung einer Partei begeistern soll, bei der die Befürchtung nur zu nahe liegt, daß die Vertreter der antisemitischen konservativen Tendenz gar bald die Oberhand gewinnen, bleibt unerfindlich. Oskar Hirschfeld. „Wir wollen sein ein einig Volk Ton Brüdern!" Vor kurzem fand in Köln die diesjährige Mitgiederversamrnlung des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" statt Den Höhepunkt dieser Tagung stellte ein Vortragsabend dar. Der Vorsitzende des Vereines Reichsminister a. D. Dr. ing. h. c. Georg Gothein gab einen Ueberblick über die Hauptprobleme des Antisemitismus und begründete die Notwendigkeit des Abwehrkampfes. In der Ueberzeugung, daß die von ihm vorgetragenen Gedanken in besonderem Maße geeignet sind, aufklärend zu wirken, lassen wir den möglichst wortgetreuen Text der Rede folgen: Unsere Hauptversammlung findet diesmal in Köln statt, au den Ufern des Rheins, der nach einem Wort Ernst Moritz Arndt's nicht Deutschlands Grenze, sondern Deutschlands Strom ist; des Rheins, an dem wir mit ganzem Herzen hängen, nicht nur wegen seiner von Bergen und Burgen, voa Städten und Rebenhügeln und Wäldern umgrenzten Ufer, nicht nur wegen der Lieder und Sagen, die ihn preisen und von ihm erzählen, nicht nur wegen der gewaltigen geschichtlichen Geschehnisse, die sich an ihm abgespielt haben, sondern vor allem, weil er für uns das Symbol der deutschen Einheit Ist, der Kulturgemeinschaft, die das deutsche Volk umfaßt, die uns Liebe zum gemeinsamen deutschen Volk und Vaterland gibt* Ich sage: der deutschen Kulturgemeinschaft, denn das deutsche Volk ist nicht aus einer einheitlichen germanischen Rasse entstanden. Ist schon der ganze Begriff der Rasse ein wissenschaftlich höchst unsicher fundierter, so in doppeltem Maß der einer deutschen Rasse. Das deutsche Volk ist ebenso sehr Misohvolk wie das französische, englische, italienische, spanische, russische. In ihm sind nordische, dinarische, mittelmeerische, slawische und alpine Typen durcheinander gemischt. Jenseits der Saale und Elbe ist alles ursprünglich slawisches Gebiet, das deutsch kolonisiert worden ist; die eingewanderten Deutschen haben sich mit der ursprünglich dort wohnenden slawischen Bevölkerung vermischt. Wohl haben wir im-deutschen Volk noch sogenannte Stämme mit verschiedenen Lebensgewohnheiten, verschiedenem Temperament und Empfinden, verschieden gefärbtem Dialekt. Alles das ist anders am Rhein wie an der Nord- und Ostsee, wieder anders in Schlesien oder Bayern. In einem kleinen Staat wie Baden wohnen im Süden Alemannen, im Norden Franken. Gerade in neuerer Zeit hat die Großstadtbildung und die industrielle Entwicklung aber diese Stämme noch weit mehr durcheinander gewirbelt als früher, und auch der Stammesbegriff ist kein rassischer. Das Kind, das von aus dem Osten oder Norden in die IRheinlande zugewanderten Eltern abstammt, nimmt dort Wesen und Temperament und Sprachform der Rheingegend an, wird ein Mitglied des rheinischen (fränkischen) Stammes, und umgekehrt. Ja selbst die körperlichen Eigenarten passen sich der Umgebung an. Grundverkehrt ist es, auf die Abstammung der Menschen) nach Lang- oder Kurzschädeln, nach Haar-, Haut- oder Augenfarbe schließen zu wollen. Die Wissenisohaft hat längst das Unmögliche derartiger Schlußfolgerungen erwieken. Deutsch ist eben kein Rassen-, sondern ein Sprachbegriff, ein linguistisch-philologischer Begriff. Was, uns zu einem gemeinsamen Volk macht, ist die gemeinsame Sprache. Der rügensche Bauernsohn, der als Professor in Bonn seine Grabstätte gefunden hat, der vaterländische Dichter und große Patriot Ernst Moritz Arndt hat schon vor 120 Jahren das klar erkannt, als er als Deutschland das Land bezeichnete, „so weit die deutsche Zunge klingt". Das Deutschtum ist nicht beschränkt auf die Grenzen des ach so verkleinerten heutigen Deutschlands; nein, es umfaßt die 80 Millionen in Mitteleuropa, die deutsch als ihre Muttersprache sprechen, gleichgültig, welchem Staatswesen sie angehören. ipPJll Feuilleton llWp] Die Kleiderkrankheit. „Das ist die Lehre von der Plag« des Aus« Satzes an einem Kleide von Wolle oder Linnen, sei es am Aufzuge, sei es am Einschlage oder an allem Zeug von Leder, um es rein oder unrein zu erklären." III, 13, 59. Was hat das Buch der Gotteslehre mit dem Aussätze zu tun? Moses ist kein Medizinmann und das Heüigtum ist kein Krankenhaus — warum muß man im Gotteshause etwas von dieser Krankheit hören? Man darf das Geschenk eines gesunden Körpers nicht undankbar verkennen und die Gefahr der I^nkheit nicht leichtsinnig unterschätzen. Ersteres ist und bleibt eine schöne Gottesgabe und letztere läßt die Menschen so oft Gott um Hilfe bitten. „Ich, Gott, bin dein Arzt," ist ein Wort, das noch immer, solange Aerzte nicht alles können, eine gewisse Berechtigung hat. Der Aussatz ist die gefürchtetste Krankheit, die den Betroffenen zu einem lebendig Toten macht Wenn Gott nicht hilft, ist jede andere Hilfe ohnmächtig. Neben dem Aussatz, der die Menschen befällt, gibt es auch einen an Häusern und Kleidern. Nicht nur der lebendige Besitz unseres Körpers, sondern auch der unbelebte, Haus und Gerät, leidet darunter. Man darf es nicht als kindischen Aberglauben bezeichnen, wenn zwischen Mensch und Krankheit, der Sache und dem Uebel, ein Zusammenhang hergestellt wird. Die Alten haben in der Krankheit des Aussatzes eine Strafe für Verleumdung erblickt. Auch zwischen dem Kleide, das den Körper bedeckt, und der Seele des Menschen besteht ein Zusammenhang. Trauerkleider verkünden das Weh des Herzens, Festkleider offenbaren die Feierstimmung der Seele. Kleider lassen den inneren Menschen erkennen oder verkennen, enthüllen oder verhüllen das wahre Wesen das Trägers. Das Gewand ist ein großes Kapitel, das Erfolge oder Enttäuschungen, Freuden oder Leiden, Glück und Jammer der Gesellschaft beinhaltet Solange der Mensch im Paradiese war, war er ohne Kleider und glücklich; als er das Paradies verloren, bekam er Kleidung und die Leiden der Erde, begannen. Ein Spruch der Alten lautet: „Aus der der Schlange abgezogenen Haut hat Gott Adam und Eva Ehrenkleider gemacht." Das Kleid mag schmücken und ehren, Fehler und Sünden zudecken, es ist und bleibt eine Schlangenhaut. Es läßt anders erscheinen und macht zu anderen als man ist. Die Hülle der Seele ist der Körper, die Hülle des Körpers ist das Kleid, aber nach der Hülle wird geurteilt und verurteilt und darin liegt der.Schaden und die Kleiderkrankheit. Daher muß jeder etwas von der priesterlichen Wissenschaft besitzen, die sagt: „Der Priester soll den Schaden besehen," soll zwischen dem gesunden und kranken Kleide unterscheiden können. Die Naturgeschichte nennt jene Eigentümlichkeit, daß das Kleid des Tieres in Farbe und Aussehen der Umgebung angepaßt ist, Mimikry. Sie ist ein Schutz für die Kreatur, daß sie die. Aufmerksamkeit ihrer s Feinde und Verfolger nicht auf sich lenke. Als äußere Zeichen des kranken Kleides nennt die Schrift „grüne und rot©