Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 17 (16.4.1926)
- Date
- 1926-04-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3063988--14490-3082051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT | OesterrekhlscDe Wochenschrift fOr indische Interessen Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union deutschösterreidilsdier Juden" Redaktion und Administration: Wien II.. M^l«»«?«*»-€»»«5 13. - Femruf 42-2-16_ XL1I. Jahrgang Wien, 16. April 1926 Nummer 17 Diskrete Parteigründer. Es ist nichts Geringes, wenn das Entstehen einer neuen Partei nicht von allem Anfang an mit der tätlichen Begrüßung empfangen wird: Wozu soll sie? Es ist nichts Geringes, wenn man im Gegenteil die Gründung einer solchen Partei als eine in den politischen Verhältnissen begründete Notwendigkeit ansieht. In diesem Sinne muß zugegeben werden, dai] die Gründer der „Mittelständischen Volkspartei" den richtigen Moment wohl erkannt haben, in welchem weite Kreise der Bevölkerimg durch die Gestaltung unserer wirtschaftlichen und politischen Zustände zu der wohlbegründeten Erkenntnis gelangt sind, daß die Schaffung einer Partei, die sich die Interessenvertretung der nicht zu unterschätzenden bürgerlichen Schichten unseres Staates zur Aufgabe macht, ein unbedingtes Bedürfnis unserer Zeit darstellt. Denn diese bürgerlichen Kreise, vielleicht quantitativ schwach, aber qualitativ hervorragend, müssen es vermöge ihrer Intelligenz und ihrer wirtschaftlichen Kraft als ein den den akratischen Grundlagen dieses Staates hohnsprechendes Unrecht empfinden, wenn man sie zu der traurigen und unwürdigen Rolle erniedrigt, zwischen den Mühlrädern der beiden großen Parteien, die hauptsächlich und mit Unterdrückung der Interessen der Gesamtheit nur für die Bedürfnisse ihrer engeren Wählerschichten sorgen, zerrieben zu werden. Wenn also zugebilligt werden muß, daß das Entstehen einer solchen wahren Mittelstandspartei in den Erfordernissen unserer politischen Verhältnisse wohl begründet erscheint, ergibt sich bei der Beurteilung des Programmes der vorgeblichen „Mittelstandspartei" ein merkwürdiges Novum. Bei vielen Parteigründungen konnte man mit einer Kritik, die nachträglich nur zu sehr ihre Berechtigung gefunden hat, aussetzen, daß sie in der freigebigsten Weise die Erfüllung von allem Guten, Schönen und Gerechten in Aussicht stellten, im Versprechen aber weitaus großzügiger waren ais im Halten. Es muß nun mit Befremden festgestellt werden, daß auch diese neue Partei viel zusagt, in einem wesentlichen und wichtigen Punkte aber sich eine Zurückhältung auferlegt, daß man schier zu der Vermutung gelangen könnte, daß die Initiatoren der neuen Partei sich von der Irreführung fernehalten wollen, etwas versprochen zu haben, dessen Erreichung sie gar nicht anzustreben gedenken. Denn der Redseligkeit, mit der sie sich über manches Wichtige und vieles Kleinliche ausbreiten, steht ein Schweigen gegenüber, das nichts darüber verlauten läßt, wie sich die Herren zu der Wahrung, Verteidigung und Festigung der freiheitlichen Grundsätze auch auf konfessionellem Gebiete stellen. Dieses Schweigen ist sehr beredt. Soll die besondere Betonung des wirtschaftlichen Momentes, in dem sich die „Mittelständische Volkspartei" bedenklich stark mit dem Programme einer Partei berührt, die in konfessionellen Fragen eine große politische Rückständigkeit bekundet, über das wichtige politische Moment hinwegtäuschen? Man täusche sich nicht; Politik und Wirtschaft sind heute nicht Dinge, bei denen eine klare Scheidung möglich ist, sie beeinflussen sich vielmehr gegenseitig. Und schließlich waren es gerade die jüdischen Bürger, die es am thesten zu fühlen bekommen haben, daß es nur eine schillernde Phrase ist, wenn man von wirtschaftlichen und kulturellen Idealen spricht, der Betonung des unbedingten Freisinns in konfessionellen Fragen aber scheu aus dem Wege geht. Diese Bedenken über die zarte Diskretion der neuen Partei drängen sich um so zwingender auf, wenn man die Liste ihrer Führer auch nur flüchtig ins Auge faßt. Es stehen hier unter dem Parteiobmann Dr. Fritz H o r n i k, dem einstigen Ersparungskommissär, der politisch bisher noch nicht hervorgetreten, Männer, die aus dem bürgerlichen demokratischen Lager sehr zu dessen Gunsten schon früher ausgeschieden, nun zu neuem politischem Leben erwachen wollen und als Vertreter streng kapitalistischer Grundsätze .gelten. Aber neben diesen, unter denen si~h auch einige Juden, darunter solche bisher gänzlich unbekannter Art, befinden, stehen merkwürdiger Weise Männer, die wohl in dem Programm der neuen Partei, ansonsten aber bisher nie aus ihrem Herzen eine Mördergrube gemacht haben. Im Gegenteil, mit einer ganz und gar nicht wünschenswerten Deutlichkeit haben diese Herren ihre deutschnationale antisemitische Gesinnung wiederholt bekundet und die Zurückweisung des angeblich übei wiegenden wirtschaftlichen Einflusses der Juden gefordert. Sollen und können nun sich Juden mit diesen Männern zum gemeinsamen Kampfe für wirtschaftliche und politische Ziele verbinden? Diese Frage ist wohl eindeutig zu beantworten, oder vielmehr, sie braucht nicht gestellt zu wej^den, wenn die neue Partei ehrlich die hier angedeutete wichtige Frage ihres Verhaltens in konfessionellen Dingen ebenso eindeutig beantworten würde. So aber tut sie dies nicht und beruft vielmehr Männer an die Spitze, mit denen ein Zusammengehen unmöglich ist. In diesen Blättern wurde es wiederholt betont, mit welcher demokratischen Partei eine Verbindung leicht möglich wäre, da alles Trennende in einzelnen nebensächlichen Fragen hier leicht überbrückt werden könnte. Es müßte eine Partei des wahren Fortschrittes, der wahren frei-