Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 16 (9.4.1926)
- Date
- 1926-04-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 16 nicht gerade entzückt von dem Freimut, mit dem Nathan manche die Empfindlichkeit Saladins nicht schonende Wahrheit aussprach, aber gerade die Erzählung von den drei Ringen war es, die auch auf sie ihre bezaubernde Wirkung ausübte und sie zu stürmischen Beifallsäußerungen hinrieß. Sollten vielleicht die Bekenner des Koran durch Lessing daran erinnert worden sein, was ihr Prophet Mohammed nach seinem eigenen Geständnis Moses und den Propheten Israels zu danken hatte? Glossen. Die antisemitischen Idealisten, die unter der Führung des Bankbeamten Robert Bartolome den jüdischen Friedhof in Erfurt in vandalischer Weise verwüsteten, sind zu schweren Kerkerstrafen verurteilt worden. Mit Worten von einer Schärfe, die den Ohren österreichischer Hakenkreuzler schier unfaßbar klingen dürfte, hat der Staatsanwalt die bodenlose Gemeinheit charakterisiert, die in Gräberschändung Bekundung nationaler Gesinnung suchen und finden kann. Es wird unvergessen bleiben, daß im Jahre 1926 antisemitische Helden es waren, die einen deutschen, von sittlicher Empörung erfüllten Staatsanwalt zu dem Aufschrei zwangen, er bedauere es, daß das Gesetz für solche schmachvolle Entartung keine Prügelstrafe diktiere. Die Angeklagten könnten nur eines zu ihrer Entschuldigung vorbringen: sie seien durch die Lektüre der antisemitischen Blätter zu der Schandtat aufgestachelt worden. Man darf dies ihnen glauben. Und daraus t ergibt sich mit unabweisbarer Logik, daß das brandmarkende Kainzeichen, das der Staatsanwalt dem Angeklagten Bartolome und Genossen auf die Stirne drückte, auch die geistigen Urheber dieser Grabesschändung diffamiert. An der Erfurter Bartolomeusnacht hat die gesamte antisemitische Presse ihren redlichen Anteil. * * - * Arthur Schultze, der schlichte bürgerliche Mann, mit dem hohe Aristokraten, wie Windischgraetz, Teleki, Nadossy u. a. wie mit ihresgleichen verkehrten, hat durch seinen Tod bewiesen, daß er den Irrsinn nicht, wie man bei seiner Verhaftung annahm, nur simuliert habe; der Arme ist einem unverfälschten Tobsuchtsanfall erlegen. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß der echte Wahnsinn Schultzes seinerzeit in den Plaidoyers der Verteidiger der hochgeborenen ungarischen Frankfälscher eine große Rolle spielen wird. * * * Es verlautet, daß Bischof Zadrawetz die Absicht hegt, auf seine hohe kirchliche Würde Verzicht zu leisten und als schlichter Missionär nach Afrika zu ziehen. Ueberraschend wäre es nicht, wenn der hochwürdige Herr nach den Erfahrungen, die er im Verkehre mit den Rassenschützlern zu machen Gelegenheit hatte, schließlich zu der Erkenntnis gelangen würde, daß die Wilden nicht ganz mit Unrecht sagen dürfen: „Wir sind die besseren Menschen!" Selbst die Menschenfresser unter ihnen sind, was immerhin als Vorzug anerkannt werden müßte, frei von nationalen und konfessionellen Vorurteilen. * * * Es ist doch höchste Zeit, im Interesse der Wahrheit dem weitverbreiteten Irrtum, daß die ungarische Justiz sich gleichgültig gegenüber der Ermordung der Redakteure Somogyi und Bacso verhalte, entgegenzutreten. Im Gegenteile, sie bekundet gerade in dieser Angelegenheit eine schier unglaubliche Feinfühligkeit. Einen neuerlichen Beweis hierfür bot die vor kurzem stattgefundene Verhandlung gegen den Publizisten Ladislaus FSnyes, der den Staatsanwalt des Militärgerichtes Litanericzky beschuldigt hatte, seinerzeit die Untersuchung dieser Mordaffäre vertuscht zu haben. Das Schweigen ungarischer Richter angesichts einer solchen Beschuldigung eines Staatsanwaltes hätte wohl Berechtigung zum Vorwurf der Gleichgültigkeit gegeben. Aber die Richter haben nicht geschwiegen; sie haben sofort Fenyes zur Rechenschaft gezogen. Konnten sie mehr tun? Der dreiste Journalist wollte den Wahrheitsbeweis für seine Behauptung antreten. Die Richter haben jedoch mit einer von bewunderungswürdigem Scharfsinn zeugender Logik die Ansicht begründet, daß schon die Zulassung des Versuches eines Wahrheitsbeweises verletzend für den genannten Staatsanwalt sei und wohl auch für dessen vorgesetzte Behörde, die von dieser Vertuschung nichts gemerkt hat. Der Rabulist lebt nicht, der den Mut hätte, zu leugnen, daß die Führung dieses Wahrheitsbeweises nicht nur verletzend, sondern geradezu vernichtend für den Staatsanwalt und dessen Vorgesetzte hätte sein können, 'und dazu sollten ungarische Richter die Hand bieten? Nein! Daß aber das Gericht nicht gleichgültig über die Ermordung Somogyis und Bacsos zur Tagesordnung übergeht, bewies das Urteil über FSnyes: Vier Monate Gefängnis und zehn Millionen Geldstrafe! Man sieht, der grausame Mord bleibt nicht ungesühnt. Fenyes ist nicht der erste and hoffentlich auch nicht der letzte, der wegen dieser Affäre ins Gefängnis kommt. * . * * Der ungarische Ministerpräsident hat bekanntlich nach jedem Bombenattentate die feierliche Versicherung gegeben, er werde die nötigen Maßnahmen treffen, damit die geheimen Gesellschaften, auf deren Wirken man diese Verbrechen zurück führte, aufgelöst werden. Während alle ehrenhaften Politiker fassungslos vor dem Rätsel standen, weshalb Graf Bethlen sein Versprechen nicht eingehalten, wurde bekannt, daß Graf Bethlen selbst Mitglied einer solchen geheimen Gesellschaft ist. Da hatte man endlich die Auflösung — des Rätsels. Ego. _ _k ANNY LÖWY OSKAR HIRSGHFELD empfehlen sich als Verlobte Wien, im April 1926