Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 16 (9.4.1926)
- Date
- 1926-04-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3063987--14476-3082036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 ÜEB WlAMfSfCT Nr. 16 Aus all den angeführten Gründen müßte die österreichische Judenschaft als Teil des demokratischen Bürgertums unserer Republik die jetzt im Qange befindliche Diskussion über eine Abänderung des derzeit bestehenden Wahlgesetzes mit größtem Interesse verfolgen. Denn dies ist der Punkt, von dem aus eine Gesundung der politischen Zustände in unserem Staate herbeigeführt werden könnte. Durch Schaffung eines Gesamtwahlkreises für unsere ohnedies nicht zu große Republik würden auch kleinere Parteien die entsprechende Vertretung finden, durch Aufhebung des allzu starren Systems der „gebundenen Listeji" könnte die Diktatur der Parteiführer gebrochen und die vom Gesetz ausdrücklich geforderte Unmittelbarkeit zwischen Wähler und Gewählten wieder hergestellt werden. Die österreichischen Judenschaft, die ihre Pflichten gegenüber unserem Staate treu und ehrlich erfüllt, wird immerdar für Freiheit und Recht einstehen. Für sie fließen diese beiden Ideale, von denen, wie gezeigt wurde, das eine ohne das andere nicht bestehen kann, aus der Heiligen Schrift. Diese Ideale sind es auch, welche allein unseren Staat zu dem machen können, was er seinem Namen nach bereits ist, zu einer „demokratischen Republik". Der junge Adolf Sonnenthal. Nahezu ein Jahrhundert ist verflossen seit dem Tage, an dem Adolf Sonnenthal in*einem jüdischen Hause das Licht der Welt erblickte. Aber die jüngere Generation, die nur noch den Greis Sonnenthal auf der Bühne sah, dünkt es schier, als ob dieser Name unlösbar mit dem alten Burgtheater verknüpft wäre, dessen 150. Geburtstag jetzt gefeiert wird. Was Adolf Sonnenthal für das alte Burgtheater und dessen die ganze Welt in seinen Zauber bannenden Ruhm bedeutete, ist so anerkannt, als ob das Dichterwort, „die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze", für diesen Künstler keine Bedeutung hätte. Kein Geringerer als Gerhart Hauptmann ist es, der erst diese Tage schrieb: „Mein frühester Eindruck von großer Schauspielkunst war ein Gastspiel Sonnenthals in Hamburg: Othello, Uriel Acosta, Lear. Das Burgtheater hatte ihn gesendet." Wenn Gerhart Hauptmann hinzufügt, daß Sonnenthal, was seine Künstlergröße betrifft, nicht der einzige seiner Art am Burgtheater war, so ist dies gewiß richtig, aber ebenso richtig ist, daß gerade Sonnenthal derjenige Schauspieler war, der sich im Burgtheater als Mensch eine ganz eigenartige Stellung schuf, daß er dank der hohen Vorzüge seines Charakters eine Verehrung errang wie kaum jemals vor ihm ein Mitglied dieses Hauses. Es ist vielleicht das Höchste, was zum Ruhme des Menschen Sonnenthal gesagt werden kann; selbst seine Kollegen beugten sich in neidloser Huldigung vor dem Manne, dessen menschlich edles Wesen Kaiser Franz Josef dadurch würdigte, daß er — der erste Fall — dem Schauspieler auch das Adelsprädikat verlieh. Und dieser Schauspieler war noch dazu ein Jude, und zwar ein Jude, der Abstammung und Glauben nicht verleugnete, sondern zeitlebens sich mit Stolz und treuer Innigkeit dazu bekannte. Adolf Sonnenthal wurde am 21. Dezember 1833 in Pest geboren. Seine frommen ehrenhaften Eltern taten alles, was in ihren. Kräften lag, um für seine geistige Ausbildung zu sorgen, unterließen es aber nicht, den religiösen Sinn des Kindes durch ihr Beispiel und durch sorgfältigen Unterricht in der Bibel zu kräftigen. Noch als hochgeehrter Greis pflegte Sonnenthal mit Rührung seines ersten großen Erlebnisses, seiner Bar-Mizwah gedenken. Er hatte selbst den Abschnitt aus der Bibel, in welchem die Stelle: „Zerstöre nicht den Bund Deines Gottes" enthalten war, mit volltönender Stimme und inniger Betonung, vorgelesen, als ihn der tränenvolle Blick seines neben ihm stehenden Vaters ins Herz drang, als ob er ihn mahnen wollte, diesem Ge löbnisse treu zu bleiben. „Dieser Blick — schrieb Sonnenthal in einem Briefe an einen Freund — war mein Leitstern, der mich auf der hohen See des Lebens über manche Klippen der Versuchung hinweggeführt hat." Gar viel und mannigfach waren die Versuchungen, die an Sonnenthal nicht nur am Beginne seiner schauspielerischen Karriere, sondern auch später, als er auf der Höhe seiner Erfolge stand, herantraten, um ihn zum Abfall vom Glauben seinei Väter zu bewegen. Sonnenthal aber zerstörte nicht den Bund mit dem Gotte seiner Väter, er blieb nicht nur äußerlich diesem treu. Man konnte Sonnenthal am Jom Kipur in der Synagoge vom frühen Morgen bis zum Abend sehen und viele erinnern sich noch an den ergreifenden Moment, als Sonnenthal gelegentlich seines 70. Geburtstages wieder nach altem frommen Brauche vor der Thora erschien und mit tränenerstickter Stimme die Segensworte sprach, in denen das Gelöbnis zur Treue und Anhänglichkeit an den. Glauben Israels enthalten ist. In dem Herzen des Knaben war schon die leidenschaftliche Liebe zum Theater erwacht, die anfänglich keineswegs die Billigung seiner frommen Eltern fand. Als der Vater infolge geschäftlicher Mißerfolge verarmt war, stand Adolf, der seine Studien unterbrechen mußte, vor der traurigen Notwendigkeit, sich zunächst der Schneiderkunst zuzuwenden, die keine Lorbeeren verhieß, aber doch die Kunst war, die sofort Brot brachte. Aber nicht länge hielt es Sonnenthal bei diesem Berufe aus, der, wie einer seiner Freunde bemerkte, wohl die Erhebung in den Nadelstand, aber nicht in den Adelstand verbürgt hätte. Im Jahre 1850 zog Sonnenthal, der „freigesprochene" Schneidergehilfe, ausgerüstet mit seinem Wanderbuche, nach Wien, angeblich um dort Arbeit zu suchen. Aber entschlossen, lieber als Künstler zu hungern, als bei dem sättigenden Metier des Schneiders zu bleiben, wagte es Sonnenthal, sich zitternd dem damals gefeierten Mitgliede des Burgtheaters Dävison zu nahen, und ihn um die Prüfung seines Könnens zu bitten. Dävison nahm sich des Jünglings an, der durch mehrere Monate sich des Unterrichtes des Meisters erfreute und dann, von ihm empfohlen, dem mächtigen Beherrscher des Burgtheaters sich vorstellen durfte. Laube ließ sich von ihm einigen Szenen als Mortimer in „Maria Stuart" vorspielen. Er riet ihm, zunächst sich auf kleineren Provinzbühnen seine Sporen zu verdienen, aber er versprach ihm zugleich, er werde ihn im Auge behalten. Laube hielt sein Versprechen. Eine Zeitlang durfte Sonnenthal sich noch als Statist auf