Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 16 (9.4.1926)
- Date
- 1926-04-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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16 DHE W AHRHEIT Seit* 2 muß, demokratischen Beweggründen entsprungen ist, sich als undemokratisch erweist. Zunächst erleichtert es gerade das,1 was es verhindern wollte: die starken Parteien werden noch, mehr gestärkt, die schwachen hingegen noch mehr geschwächt, weil Parteien, deren Anhänger auf alle Wahlkreise verteilt sind, ohne aber in geschlossenen Massen zu wohnen, wie dies bei den bürgerliche demokratischen Parteien der Fall ist, oft kein einziges Mandat erwerben können, obgleich-4hrc-G^ samtstärke ein Vielfaches der Wahlzahl ausmacht. Die Wahl mit gebundenen Listen verhindert ferner das Auftreten unabhängiger Politiker, die sich keinerlei Parteigrundsätzen unterwerfen wollen; ja noch viel mehr, sie schafft auch innerhalb der Parteien Zustände, die einer Diktatur der Parteiführer deshalb verzweifelt ähnlich sehen, weil die Mitglieder der parlamentarischen Parteivereinigungen in der Regel nur durch absoluten Gehorsam gegenüber der Parteidisziplin eine neuerliche Setzung auf die Parteiliste, welche ja die Voraussetzung ihrer Wiederwahl ist, erreichen können. Hierdurch wird der „Volksvertreter" zu einer Abstimmungsmaschine degradiert und die Macht, die nach den Grundsätzen der Demokratie „vom Volk ausgeht" liegt tatsächlich in der Hand weniger Parteiführer. Der unmittelbare Kontakt des Wählers mit „seinem" Abgeordneten geht vollständig verloren; hat er doch nicht einen Menschen aus Fleisch und Blut, eine Persönlichkeit, sondern Parteigrundsätze, die oft leere Phrasen und Schlagworte sind, gewählt; Dieses „demokratische" Wahlgesetz trägt die Hauptschuld an den traurigen politischen Zuständen in unserer Republik, es leistete der Herrschaft der Parteien des religiösen, nationalen und klassenkämpferischen Fanatismus Vorschub und stärkte so gleichzeitig Reaktion und Radikalismus, während weinen als Irrende und Sündige* aber den Toten das Band der Menschlichkeit und Brüderlichkeit nicht zerreißen. Im Talmud wird , erzählt: „Moses und Aron gingen auf dem Wege voran, ihnen folgten Nadah und Abihur und hinter diesen ging das Volk. Da sagte Nadah zu seinem Bruder Abihu mit bezug auf Moses und Äron: „Wann werden diese beiden vor uns sterben und ich und du dieses Volk leiten?" Da sprach Gott: „Rühme dich nicht der Zukunft; wir werden sehen; wer wen begraben wird?" Diese Ueberlieferung warnt vor geistiger Ueberhebung und geht alle an. Das Sterben der Menschheit, der Eifer derer, die Fackelträger in Dunkel und Irrtum sein wollen, ist oft Ueberhebung und Irrtum gewesen; abeT ohne Irrtum gibt es keinen Weg zur Erkenntnis. Es irrt der Mensch, so lange er strebt! Darum weisen die altert Erklärer gerade bei dem Tod der beiden Söhne Arons auf das Verhalten hin, das das Judentum beim Tode der Qottesgelehrten vorschreibt. Denn die Geistesverwandtschaft mit denen, die irren und ihren Irrtum gebüßt haben, soll nicht hart und grausam verleugnet werden. Wenn auch Fehler und Irrtum ein Streben verwerflich macht, auch der Irrende ist Mensch und hat Anrecht auf unser Mitleid und unserer Tränen. Darum wünschen unsere Alten, daß die Worte in dem Satze ,4aß Gott nicht zürne über die Gemeinde, aber eure Brüder, das Haus Israel, sollen beweinen den Brand" timgestellt werden und es heißen soll: „eure Brüder sollen weinen* und Gott wird nicht über die ganze Gemeinde zürnen". Mitleid, Anteünahme haben eine versöhnende Macht. „Alle Tore können verschlossen bleiben, nun die der Tränen nicht", heißt es im Talmud. Die Tränen wenden den Zorn Gottes ab von denen, die gerichtet wurden, von denen die richten wollen. Die-Geistesverwandtschaft dfe zwischen den Lichtsuchem besteht, gibt ein Recht und schafft die Pflicht duldsam zu sein, wo Irrtum im Streben die Geister verführt K. Fromme Glaubensgenossen Herr Ober-Rabbiner Simon Schreiber aus Erlau bestätigt hrseinem Hekscher, daß ihr den einzig echten und *02 FIMU-BlMSltZ das ganze Jahr hindurch ohne jedes mindeste Bedenken genießen könnt, weil dieser Zusatz verläßlich koscher ist. Er wird unter ständiger Aufsicht frommer verläßlicher Israeliten nach den persönlichen Weisungen Seiner Ehrwürden ides Herrn Ober- Rabbiner Schreiber erzeugt Achtet beim Einkaufe jedoch darauf, daß ihr den einzig aechten Franck in Fi iedensqualität bekommt, mit der Schutzmarke: „KAFFEEMÜHLE" und der Unterschrift: FRANCK fti ft es das Aufkommen von gemäßigten, demokratischen und liberalen Parteien, von Parteien mit weniger demagogischem Programm und schwächerer Parteidisziplin unmöglich machte. Gerade die politisch reiferen Elemente, diejenigen, die sich weder für rechts noch für links, weder für schwarz noch für rot, weder für Reaktion noch für Klassenkampf entscheiden wollten oder konnten, gerade die Menschen mit feineren, durchgeistigten politischen Anschauungen gingen bei beiden Wahlen in unsere Vertretungskörper leer aus, ihre wertvolle Stimme ging im Parteilärm unter. Es ist klar, daß dieses Wahlgesetz auch den Interessen des österreichischen Judentums nicht entspricht, da es eine seiner Zahl, seiner politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung entsprechende Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften nicht ermöglicht; denn gerade diejenige Partei, welche als Partei der Duldsamkeit, der Demokratie, des kulturellen und sozialen Fortschrittes naturgemäß die Stimmen der meisten jüdischen Wähler hätte erhalten können, entfaltete mit Rücksicht auf das ungünstige Wahlgesetz nicht jene Aktivität, zu welcher sie nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch Im Interesse unseres Staates verpflichtet gewesen wäre. Von den drei Parteien hingegen, die derzeit unseren Staat beherrschen, nimmt keine einzige jüdische Interessen wahr, da zwei von ihnen den Antisemitismus in ihr Parteiprogramm, aufgenommen haben, während die dritte durch ihre Politik der, wie man sagen könnte, trockenen Expropriation gerade die Interessen der erwerbenden Schichten des jüdischen Bürgertums schwer schädigt.