Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-03-29 · Heft 14-15 (29.3.1926) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 14-15 (29.3.1926)
Date
1926-03-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063986--14459-3082018
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8 DIE WAriftHEIt Nr. 14/15 den Revolverkugeln der p. t. rassenschützlerischen Mordbuben entronnen war, diese fromme Absicht hegte. Aber mit schmerzlicher Bitterkeit erkannte Väzsony, daß er es sich versagen muß, seinem Herzensdrange Genüge zu leisten, denn als Jude scheue er die Verdächtigung, daß er die Politik auch in die Synagoge tragen wolle. Ein Väzsony durfte nicht, wozu er wahrhaftig allen Grund gehabt hätte, Gott dafür danken, daß er am Leben geblieben. « # Aus Graf Bethlens Tagebuch: „Die Leute wollen es nicht glauben, daß ich verhältnismäßig ganz glücklich in Genf war. In Genf wollte kein Mensch etwas von mir wissen ... aber in Budapest behauptet jeder, nur viel zu viel von mir zu wissen.'* Ego. Die Budgetdebatte der Wiener israelitischen Kuitusgemeinde. Zu Beginn der Sitzung vom Sonntag, den 21. d. M., kam Präsident Prof. Dr. A. Pick mit einigen Worten auf das Jubelfest zurück, das unsere Gemeinde in der abgelaufenen Woche in so würdiger und imposanter Weise begehen konnte. Er dankte den Regierungsstellen, den Kultusgemeinden im In- und Auslande, den Korporationen und Persönlichkeiten, welche die Hundertjahrfeier des Stadttempels zum Anlasse genommen haben, um unserer Gemeinde mit "herzlichen Glückwünschen auch die ehrendsten Beweise freundlicher und freudiger Anteilnahme an deren Entwicklung und Gedeihen zu bekunden. Er erwähnte den Festgottesdienst und die Rede des Oberrabbiners Dr. M. P. Chajes. Mit dankenswerter Hingebung haben sich Kantoren und Chor um den gesanglichen Teil bemüht. Dauernden Eindruck mußte auf die nahezu 2000 Gäste unserer Festversammlung im Großen Sofiensaale die Anwesenheit des allverehrten Oberhauptes unserer Republik, des Herrn Bundespräsidenten Dr. Michael H a i n i s c h, des Herrn Bundesministers für Unterricht, Dr. Emil Schneider und des Herrn Polizeipräsidenten Hans Schober machen, die mit lebhaftester Aufmerksamkeit den ausgezeichneten Ausführungen unseres Festredners, Herrn Vizepräsidenten Dr. Jakob Ornstein, folgten. Ihm gebührt unser besonderer Dank, er hat aus der Fülle seines Wissens, aus der Tiefe seines für das Judentum und die Gemeinde begeisterten Herzens uns reichlich seine Gaben gespendet. Herzlichster Dank und die besondere Anerkennung des Kultusvorstandes gebührt unserem Dr. Bernhard Wachstein, dem hochverdienten Vorstande der Gemeindebibliothek.. Seine „Studie zum ersten Statute des Bethauses in der Inneren Stadt" macht die Festesgabe, welche die Wiener Kultusgemeinde aus Anlaß der Hundertjahrfeier für die um die Wiener Judenschaft verdientesten Männer bereitet hat, zu einer besonders wertvollen. Dank sagen müssen wir aber auch auch allen Organen der Kultusgemeinde, die sich um das Gelingen unserer Festlichkeiten verdient gemacht, insbesonders Herrn Amtsdirektor Guido Fuchsgelb für seine umsichtige Leitung. Hierauf ergriff der Finanzrefereiit der Gemeinde Herr Regierungsrat Doktor H. Oppenheim das Wort zur Vorlage des Budgets, das ab Oktober 1925 auf Grund der seit diesem Zeitpunkte festgestellten Er^bnisppevjx ^w^. l9Z5,. durch di% Finanzkommission berSten,M*ffacTi zweimaligem Provisorium im Vertreterkollegium erledigt wurde und nunmehr vor das Plenum gelange. Dr. Oppenheim wies auf die traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse hin, die ebenso wie im Vorjahre die Gemeinde zwingen, in ihrem Haushalte gleichwie die anderen öffentlichen Haushalte die größte Sparsamkeit walten zu lassen. Wohl sind trotz der Krise unsere Erwartungen des Vorjahres, insbesondere in bezug auf die Kultussteuereinnahmeii. übertroffen worden, immerhin aber müsse das Budget so festgesetzt werden, daß es nicht aus dem Gleichgewicht kommen kann. Deshalb seien die größten Sparmaßnahmen am Platze und auch der Anleihensweg sei so wie bei den übrigen Haushalten nur mit größter Vorsicht zu betreten, gegen welchen Vorgang sich der Referent vor allem aus dem Grunde aussprach, da der Gemeinde eine große Zinsenlast aufgebürdet wird. Das Budget für 1926 weist nun auf der Ausgabenseitc 5,529.295 S auf (davon entfallen 120.000 S auf den Reservefonds), auf der Einnahmenseite finden sich 5,229.697 S, so daß das Präliminare trotz größter Sparsamkeit mit einem Defizit von 299.598 S abschließt. Zu den einzelnen Posten, aus denen diese Endsummen resultieren, übergehend, sprach Referent zunächst von den Kultussteuern, die einen Ertrag von 1,600.000 S abwerfen sollen, während im Vorjahre gegen ein Präliminare von 1;645.000 S das tatsächliche Ergebnis, wie gesagt, größer, nämlich 1,842.800 S war. Die Einnahmen im Kapitel „Kultus- und rituelle Angelegenheiten" sind mit 469.000 S etwas geringer als im Vorjahre veranschlagt, die Ausgaben bei diesem Kapitel betragen 673.500 S, diese ergeben ein Plus, das aus erhöhten Personalausgaben erklärlich wird. Im Kapitel „Unterricht und Bibliotheksangelegenheiten" betragen die Einnahmen 102.300 S, etwas weniger als im Vorjahre, da 14 Religionslehrer in den Dienst der Gemeinde Wien übernommen wurden und für diese die Vergütung entfällt, während die Ausgaben. 381.200 S, höher als im Vorjahre sind, was durch die Subvention an die theologische Lehranstalt verständlich wircL Im „Friedhof- und Beerdigungswesen" betragen die Einnahmen 1,077.300 S, die Ausgaben 966.700 S. Das Fürsorgewesen mit Einnahmen von 1,059.300 S weist eine Erhöhung auf, da man im Jahre 1926 bereits mit einem Vollbetriebe des Spitals rechnen könne. Die Ausgaben wieder reduzieren sich auf 1,642.200 S, da nunmehr keine weiteren Auslagen für die Renovierung des Spitals wie im Vorjahre notwendig sind. Das Kapitel „Matrikenwesen" weist erhöhte Einnahmen von 38.000 S auf, da die Taxen erhöht wurden, die Ausgaben betragen 53.600 S.^Für Gemeindeverwaltung sollen 50.000 S eingenommen und 813.000 S, weniger wie im Vorjahre ausgegeben werden, weil hier besondere Sparmaßnahmen obwalten werden. Für .Gebäudeerhaltung und Verwaltung werden 14.700 S eingenommen und 60.600 S ausgegeben, bedeutend weniger wie im Vorjahre, da auch hier wesentliche Einschränkungen vorgenommen und weiters der Neubau der Zeremonienhalle nach Abschluß der diesbezüglichen Verhandlungen mit dem Bundesministerium für soziale Verwaltung separat mit 818.150 S budgetiert wird. Für Beamtengehälter sind 1,892.000 S vorgesehen, also 40 Prozent der Einnahmen. Trotz der Beschränkungen auf das Allernotwendigste, ist man natürlich gegen Ueberraschungen nicht gefeit. Nachdem Regierungsrat Doktor H. Oppenheim die Annahme der Vorlage empfohlen und Professor Dr. A. Pick ihm den Dank für seine mühevolle Tätigkeit ausgesprochen hatte, begann am Montag die Debatte, die Dienstag fortgesetzt und Donnerstag beendet wurde. ~ Zu dieser Debatte: Ein modernes Sprichwort besagt: „Angesagte Revolutionen gehen nicht los". Dieses Sprichwort könnte "irian auf das Verhalten der Jüdischnationalen anwenden, die noch einen Tag vor der Eröffnung der Budgetdebatte in ihrem Organe einen Bericht über eine Versammlung der radikalen Zionisten veröffentlicht hatten, in welcher diese einen „offenen Kampf" gegen die von der „Union deutschösterreichischer Juden" und dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (!) gegängelten (!) Wiener Kultusvorstandsmehrheit" verlangten. (In dieser Versammlung wurde übrigens nach dem Berichte der „Morgenzeitung" von einem der radikalen Redner, Dr. Israel Waldmann behauptet, daß der Präsident der „Union", Herr Dr.* Jakob Ornstein, in der außerordentlichen Union-Versammlung „gedroht habe, es werde der Studentenschaft der Brotkorb höher gehängt werden, damit sie ihre Ideale aufgebe". Diese Behauptung ist vollkommen unrichtig, zur Ehre Dr. Waldmanns wollen wir annehmen, daß sie auf falscher Information beruhte, in Wirklichheit hat Dr. Ornstein, wie in unserem Berichte dargelegt, lediglich davon gesprochen, daß der Jüdische Hochschulausschuß, den die Kultusgemeinde zur Linderung der Not unter den Wiener Studenten immer wieder unterstütze, es zur gleichen Zeit für richtig finde, für ein Studentenheim bei der Jerusalemer hebräischen Universität Propaganda zu treiben.) Während also noch in dieser Versammlung Gemeinderat Dr. Plaschkes es als einen „Fluch" bezeichnet hatte, den Pakt noch aufrecht zu erhalten, gehabte sich der gleiche Herr im Kultus vorstände ganz anders, seine Partei stimmte für das Budget, obwohl der Keren Hajessod in demselben nicht aufgenommen ist, und nur separat budgetiert werden soll. Wozu also der Lärm? Es ging aber nicht anders, denn selbst Geme.inderat Dr. Plaschkes mußte die großen Leistungen der Kultusgemeinde für Palästinazwecke lobend anerkennen, insbesondere die Leistungen für die Chaluzim und den erheblichen Beitrag, dem man im Einvernehmen mit der Mehrheit im Vorjahre anläßlich der Universifätseröffnung gespendet hatte. Daß Dr. Plaschkes in einem forderte, daß für das eigene Kapitel des Keren Hajessod Im Jahre 1926 ein höherer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.