Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 14-15 (29.3.1926)
- Date
- 1926-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 14/15 Verein zur Versorgung hilfsbedürftiger israelitischer Waisen in Wien. Von Direktor S. Kuhner. 65 Jahre sind vergangen, seit der Waisenverein seine segensreiche Tätigkeit begann. Im Jahre 1860 hat der damalige Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, der edle Josef Ritter von Wertheimer, gelegentlich eines Brudermahles der Chewra Kadischa die immer wieder neu auftauchende Idee zur Gründung eines Vereines zur Versorgung lülfsbedürftiger israelitischer Waisen durch eine zündende Ansprache neu belebt und bald trat das Gründungskomitee, bestehend aus den Herren Dr. Maximilian Engel, Wilhelm Fr an kl und Josef Ritter von Werthei'mer zusammen und beendete seine Tätigkeit mit der Gründung des Waisenvereines. Diesem traten gleich anfangs 160 Mitglieder bei, die Josef Ritter von Wertheimer zum Präsidenten, Leopold Breuer, Wilhelm F r a n k 1, Moritz Freiherr v. S ichrowsky zu Vorstandsmitgliedern wählten und damit den Grundstein zu einem Werke der Menschenliebe legten, das Hunderten Hilfe und Rettung brachte und Millionen Tränen trocknete. Es würde zu weit führen, die ganze Geschichte des Waisenvereines aufzurollen, es sollen nur die wichtigsten Etappen angeführt werden. Bei seinen sehr beschränkten Mitteln konnte sich der Verein anfangs nur der Unterstützung seiner Schützlinge widmen, und zwar betrug die Zahl derselben im ersten Jahre 25, der Aufwand für diese 3460 K. Das Endziel der Bestrebungen des Vorstandes bildete die Gründung eines Waisenhauses. Das Jahr 1871 brachte den Verein diesem Ziele näher, da das Vorstandsmitglied Herr Gustav Ritter v. Epstein sich bereit erklärte, ein Haus für 50 Schützlinge auf eigene Kosten herstellen zu lassen, und Herr Bernhard Beck 100.000 K zur Erhaltung einer solchen Anstalt widmete. In diesem Zeitpunkte überließ die Kultusgemeinde ihr Spitalgebäude in der Seegasse dem Waisenvereine, die edlen Brüder David und Wilhelm Ritter von Gut mann übernahmen auf ihre Kosten nicht bloß den Umbau, sondern auch die innere Einrichtung, so daß das erste Projekt unausgeführt blieb, das Epsteinische Stiftungskapital aber den Grundstock zur späteren Gründung eines Knabenwaisenhauses bildete. Im Juni 1874 wurde das Mädchenwaisenhaus mit 17 Schützlingen eröffnet, die erste Leiterin war die verdienstvolle Frau Flora Bruck. Zur besseren Verwaltung und Beaufsichtigung des Mädchenwaisenhauses wurde ein Schutzdamenkomitee berufen, an dessen Spitze in opferwilliger, vorbildlicher Weise noch heute, seit mehr als 50 Jahren, Frau Charlotte von Königswarter steht. Ihr zur Sefte walteten als Vizepräsidentinnen die Damen Ida von G u t m a n n, Helene W o 11 h e i m und seit 1909 Irma Baronin v. Ketschendorf, geb. v. Gutmann. Vom Jahre 1874 an nahm der Verein einen immer größeren Aufschwung, die Zahl der Stiftungen mehrten sich, doch kam es noch immer nicht zu dem dringlich gewordenen Bau efnes Knabenwaisenhauses. Im Jahre 1888 beschloß der Kultusvorstand anläßlich des 40jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers ein Altersversorgungshaus an Stelle des seinerzeitigen Spitalgebäudes zu errichten, wodurch das Waisenhaus obdachlos wurde. Da übernahmen es neuerdings Wilhelm und David Ritter von Gut mann, ein Mädchenwaisenhaus für 70 Zöglinge auf eigene Kosten zu erbauen, vollständig einzurichten und durch eine Spende von 500.000 Kronen zu fundieren. Der Bau wurde sofort in Angriff genommen, 1891 wurde das Haus mit einer Gedenkrede Dr. Adolf J e 11 i n e k s feierlich eröffnet. Im Jahre 1887 verschied der Gründer und erste Präsident des Vereines, Herr Josef Ritter v. W e r t h e i m e r. Das Andenken dieses edeln Menschen wird für alle Zeiten gesegnet sein. Sein Nachfolger wurde der seit 1866 dem Vorstande angehörige Wilhelm v. .Gutmann, dessen ausgezeichnetes Wirken ihm in den Annalen des Vereines ein ewiges, dankbares Angedenken sichert. Ihm folgte 1897 sein warmherziger Bruder David, der bis zu seinem Lebensende die große Bürde des Präsidiums trug. Ihm war es vorbehalten, das langersehnte Ziel des Vereines zu erreichen und das Knabenwaisenhaus erstehen zu sehen. Das 60jährige Regierungsjubiläum Franz Josef I. gab den Anlaß zur endlichen Ausführung, in der Dezember- Sitzung 1908 wurde der Bau beschlossen, der Vorstand der Kultusgemeinde widmete diesem Zwecke 100.000 K und beschloß, alle in der Verwaltung der Gemeinde befindlichen, für diesen Zweck bestimmten Widmungen und Stiftungen flüssig zu machen. Ein geeigneter Baugrund mit großem Garten wurde im 19. Bezirke erworben und der Bau dem Architekten Baurat StSaßny übertragen. Im Jahre 1909 wurde der Bau begonnen und so rüstig gefördert, daß das Waisenhaus am 18. August 1910 seine Tätigkeit mit 21 Kindern beginnen konnte. Ein harter Schlag traf den Verein durch das am 14. Mai 1914 erfolgte Ableben seines edeln Gönners David Ritter v. Gutmann. Der neue Präsident Dr. Artur Kur an da, der seit 1897 als Vizepräsident verdienstvoll gewirkt, trat die Leitung des Vereines an. Bald kamen böse Tage, der Weltkrieg mit seinen traurigen Folgen brachte dem Waisenverein erhöhte Aufgaben. Di'e zielbewußte Leitung und die treue Anhängerschaft seiner Mitglieder hatten den Verein so gestellt, daß er mit den normalen Eingängen die beiden Waisenhäuser erhalten und Hunderten von externen Schützlingen helfend beispringen könnte. Diese Zeit war vorüber, die Eingänge versiegten, man mußte die Unterstützung von Externen fallen lassen und auf die Zahl der Schützlinge in den Häusern vermindern und das Vermögen nach und nach aufzehren. So ging es nicht weiter. Da faßte der Humanitätsverein „W i e n B. B.u den Beschluß, das sinkende Schiff in einen schützenden Hafen zu bringen. Er übernahm die Patronanz über den Verein und seine Institutionen. Herr Richard Petschek wurde zum Präsidenten, Dr. Artur Kuranda zum Ehrenpräsidenten gewählt. Der neue Vorstand hat, man kann es ruhig sagen, Ueber* menschliches geleistet. Die Häuser, dte von Bewohnern fast leer geworden, wurden wieder ganz in den Dienst gestellt und bald bevölkerten 140 heitere Menschenkinder die Hallen der ihnen gewidmeten Anstalt, ja es wurde im letzten Jahre auch die Unterstützung solcher Kinder, die aus irgend einem Grunde kerne Aufnahme finden konnten, in Angriff genommen und beträgt ihre Zahl bereits 25. Alle Schäden aus der Kriegszeit sind behoben, eine Zierde des Knabenwaisenhauses bildet das zahnärztliche Atelier, das einzig in seiner Art Ist. Um der Welt zu zeigen, daß jüdische Kinder kehle körperliche Arbeit scheuen, wurden Werkstätten für Schusterei und Buchbinderei errichtet und sind zur Freude der Kinder in vollem Betriebe, Turnen und Schwimmen fördern die körperliche Ertüchtigung. Im Vorjahre wurde der Unterricht Im Hebräischen eingeführt. Sämtliche Einrichtungen der Waisenhäuser, insbesondere die hygienischen, die dort herrschende Disziplin und Ordnung werden von den berufenen Aufsichtsorganen und allen Besuchern als mustergültig bezeichnet, auch ist der Gesundheitszustand der Kinder ein ausgezeichneter. Dank der ideellen und materiellen Hilfe des Vorstandes unserer Kultusgemeinde, dank der aufopferungsvollen Tätigkeit des Vorstandes und der Mitglieder des Vereines, dank der Unterstützung der Bnai-Brith-Vereinigungen, insbesondere der Loge ..Wien" ist es bis jetzt gelungen, das Schiff des Vereines über Wasser zu halten. Schwer sind die Sorgen für die Zukunft, die Ausgaben steigen, ebenso die Ansprüche, die von den Hilfsbedürftigen an den Waisenverein gestellt werden, doch besteht die Hoffnung, daß es durch die stete Opferwilligkeit der Freunde und Gönner des Vereines auch weiterhin gelingen wird, die Tränen der Waisen zu trocknen, armen jüdischen Kindern ein angenehmes Heim zu bereiten und sie für eine hoffentlich glücklichere Zukunft zu erziehen. Glossen. Vor kurzem habe ich von den unverfrorenen Herren gesprochen, die durch die plumpe Fälschung einer Stelle im „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern'4 Goethe in den schmachvollen Dienst der Hakenkreuzpresse pressen wollen. Dieselben Wahrheitsfreunde weisen in jüngster Zeit in ihren Blättern immer wieder auf Herder als einen Schutzpatron des . Antisemitismus hin. Sie nennen aber nur seinen Namen, ohne auch nur der Versuch zu machen, ihre Behauptung dürch Anführung einer gefälschten oder aus dem Zusammenhang gerissenen Stelle in Herders Werken zu unterstützen. Da wären wirklich einige Aeußerungen. Herders, die durch eine kleine Aenderüng vorzüglich zur Hetze, gegen die Juden verwen-