Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 14-15 (29.3.1926)
- Date
- 1926-03-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14/15 sein wollte. Wenn aber der Hafen auch keinen besonderen Eindruck macht, der Stadt merkt! man trotzdem Reichtum und Wohlhabenheit an Die schönste Straße ist der Boulevard de Strassbourg, der vom Bahnhofe bis zum Meeresstrande sich hinzieht. Eine herrliche, breite Straße. Ungefähr in der Mitte dieser Straße steht das Hotel de Ville. ein herrlicher im Renaissancestil gehaltener Bau, vor dem ein schöner Square mit prächtigen Cafes sich dehnt. Sehenswert ist auch die ebenfalls im Renaissancestil erbaute Börse, die aber um die Mittagsstunde, als ich dort war, nicht sonderlich stark besucht war. Im großen und ganzen aber bietet Le Havre wenig Sehenswertes. Erwähnen aber muß ich das prachtvolle Kriegerdenkmal, das am Strande des Meeres, gleichsam als Abschluß des Boulevard de Strassbourg vor kurzem errichtet worden ist. Zwei weibliche Idealfiguren, Frankreich und Belgien darstellend, reichen sich zum Bunde die Hände. Die an den Seiten angebrachten Reliefs schildern in ergreifender Weise Kriegsszenen, insbesondere der belgischen Flüchtlinge, die, ihre Heimat verlassend, in Frankreich, namentlich aber in Le Hävre gastliche Aufnahme finden. Erschütternd ist besonders die Szene, wie eine junge Frau, deren Mann wahrscheinlich gefallen ist,, auf einem Schubkarren einen alten, kranken, gebrechlichen Mann — es ist der Vater oder Schwiegervater — schmerzbeladen dahinführt. Wer diese plastisch ausgearbeitete Szene so richtig auf sich einwirken läßt, kann sich der Tränen nicht! erwehren. Juden gibt es in Le Havre wenig. Ihren Tempel haben sie in der alten, häßlichen und schmutzigen Rue Croisson, in der Nähe des Hafens. Läßt einen Le Havre also ziemlich kalt, kommt der intelligente Reisende um so mehr auf seine Kosten in Rouen. Doch ehe ich auf Rouen des Näheren eingehe, will ich nur noch bemerken, daß Rouen von Le Havre nicht allein mit der Bahn, sondern auch auf der Seine zu erreichen ist. Eben darum aber, weil die ganze Gegend an der Bahn und am Wasser liegt, ist sie außerordentlich industriereich. Doch gibt es bedeutendere Siedlungen dort nicht. Selbst Yvetot wäre ziemlich unbekannt, wenu nicht im Mittelalter dort ein Grundherr den Titel „König" geführt hätte. Daß es aber mit diesem Könige nicht weit her sein mußte, ersehen wir aus den schnurrigen Versen Berang6rs, die diesen König folgendermaßen besingen: „II. etait un roi' d'Yvetot, se levant tard, se euchant tot. et couronne par Jeanneton, peu connu dans l'histoire, dormant fort bien sans gloire, d4un simple bonnet de coton/' Und nun zu Rouen, dem ehemaligen Rotomagus der Römer, später die Hauptstadt der Normandie, gegenwärtig des Departements Seine-Inferieure, das heute gewiß 150.000 Einwohner zählen dürfte. Es ist einer der wichtigsten Haien- und Handelsplätze Frankreichs und seine Baumwollgewebe, die sogenannten „Rouenneries", wie auch die Erzeugnisse der zahlreichen chemischen Industrien haben Weltruf. Schon lange vor der Einfahrt merkt man, daß wir uns hier einem ungemein großen Industriezentrum nähern. Schlot auf Schlot. Fabrik auf Fabrik folgen. Doch wie enttäuscht wird man. wenn man am Bahnhofe, der jetzt neu gebaut wird, ankommt. Auf dem großen Platze vor dem Bahnhof kaum ein Wagen. Der Grund hierfür ist, daß sich der ganze Verkehr am anderen Ende der Stadt, am Ufer der Seine abspielt. Hier am Hafen entwickelt sich ein mächtiger Verkehr ab und man würde es der sonst so ruhigen Stadt kaum anmerken, daß dort unten, fast zu ihren Füßen, ein Leben rauscht, das von starker Kraft und Energie zeugt. Wer da am Kai, in einem der überaus großen, prächtigen Kaffeehäuser, in welchen stets eine ausgezeichnete Kapelle konzertiert, sitzt, der bekommt erst eine Ahnung davon, was industrielle Bewegung und geschäftliches Leben für Werte schafft Doch wir haben nicht so viel Zeit, um all die mächtigen Dampfer, die Schiffe, Boote zu bewundern und wollen in die Stadt. Nun da gibt es Altes und Neues in Hülle und Fülle zu sehen. Kunst- und geschichtliche Denkmäler! Ist doch Rouen ein kleines Rom, aber auch die Richtstätte der Jeanne d'Arc gewesen und gleichzeitig der Ort, wo die verehrteste Gestalt der Franzosen hundert Jahre später unweit des Richtplatzes heilig gesprochen worden ist. Mit ihrem Namen verknüpft sich hier gar Vieles. So wird gleich die schönste Straße, an der auch das große, weltberühmte gotische Kunstwerk, das Palais Justice liegt, und die vom Bahnhof bis zum Hafen sich erstreckt, Rue Saint Jeanne d'Arc genannt. Da gibt es die Toure Jeanne d'Arc, ein Museum mit den Zeugnissen der tiefsten Verkommenheit der Menschheit, denn es sind da all die Marterwerkzeuge aufbewahrt, mit welchen einst nicht allein die Jungfrau von Orleans, sondern auch viele, andere unglückliche Menschen, die in dci Regel besser als ihre Peiniger waren, gequält worden sind. (Fortsetzung folgt.) •Mtvjprtnuy 5 (^Millionen ddokospedmen liefern jährlich ihre Nüsse zur Herstellung des reinlichen, hygienisch einwandfreien Speisefettes KOTSfML ioo Prozent reines Fett aus Kokosnüssen.