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Die Wahrheit · 1926-03-29 · Heft 14-15 (29.3.1926) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 14-15 (29.3.1926)
Date
1926-03-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 EUE WAHRHEIT Nr. 14/15 Suchen jiach dem großen Edelsteine vollständig auf und begnügte sich mit den winzigen Bruchstücken, die er fand und deren Wert er nach und nach erkannte. Nun sah er seine Mühe und Arbeit belohnt, er war fortan vor Not geschützt. Anders erging es seinem Freunde und Schicksalsgefährten. Dieser gab die Sucht nach dem großen Edelsteine nicht auf: er grub "und grub, immer fleißiger, immer anstrengender, bis ihn eines Tages die Kräfte verließen und er ohnmächtig und hilflos zusammenbrach. Uns allen schwebt beim Eintritt in das ernste Leben der große Edelstein vor, der den Inbegriff unseres Sehnens und Höffens, unseres Jagens und Sttrebens bildet-und ohne weichen wir das „große Glück", das uns stets umschwebt, nicht gut denken können. Und dieses große Glück — wie wenigem ist es beschieden, wie wenigen gelingt es, trotz eifrigsten Suchens es" zu finden! Ist denn das Leben so arm an Freuden und an dem, was man so Glück nennt? O nein! Jedem ist die Möglichkeit gegeben, sich des Lebens zu freuen und sich in jeder Lage glücklich zu fühlen — wenn er es versteht, die Tage zu zählen und sie richtig zu werten. Man muß auch die kleinen Splitter, über die wir sonst achtlos und verächtlich hinwegschreiten, würdigen lernen; bei näherer Betrachtung werden wir ihren wahren Wert erkennen und schätzen lernen. Gönnen wir uns nur eine kleine Atempause bei unserer eifrigen Jagd, lassen wir uns nicht von Habgier, falschem Ehrgeiz und Selbstsucht leiten, werden wir etwas bescheidener, dann werden wir auch zufriedener sein. Immer und überall können wir Menschen einander Freude bereiten, Liebe spenden und Läebe empfangen: in Gottes herrlicher Natur, im Kreise der Familie und im Verkehre mit unseren Freunden. Dies sind zwar bloß Splitter, die wir gewöhnlich nicht beachten; aber aus solchen Splittern setzt sich unser ganzes Leben zusammen. Und das. Leben könnte freudevoll und glücklich werden, wenn wir es verständen, diese Splitter aufzulesen, sie zu zählen und zu werten. Die Bibliothek der Wiener israelitischen Enltnsgemeinde. Em£. der^ Institutionen, auf welche die Wiener- Kultusgemeinde mit Stolz blicken kann, ist ihre Bibliothek. Sie be-' steht aus fast 40.000 Bänden und steht ihrer Bedeutung nach nicht hinter den größten jüdischen , Bibliotheken Amerikas. Wenn man sich vor Augen hält, aus welchen bescheidenen Anfängen sie sich zum Range eines so bedeutenden Instituts emporgeschwungen hat, kommt man zur Einsicht, daß die aufopferungsvolle Arbeit einiger Männer aus Nichts Vieles, ja sehr Bedeutendes schaffen kann. Drei Stadien lassen sich im allgemeinen in der Entwicklung dieser Bibliothek nachweisen: der Anfang, der Aufschwung, die Höhe. Diese drei Entwicklungsstufen sind in drei Persönlichkeiten verkörpert, diie sich um die Bibliothek besonders verdient gemacht haben, und zwar Religionslehrer Leopold Breuer, Professor Hammerschlag und Dr. Bernhard Wach st ein. Religionslehrer L. Breuer hat im Jahre 1850 die Gründung dieser Bibliothek angeregt, die, damals für die Lehrer und Zöglinge der Religionsschule berechnet, deshalb Bibliothek der Religionsschule genannt wurde. Um sich ein Bild von der damaligen Bibliothek machen zu können, soll hervorgehoben werden, daß man nach einer siebenjährigen mühevollen Arbeit des Gründers im ganzen 514 Bände verzeichnen konnte. Dies kann auch auf die Zustände und Verhältnisse der Judenheit Wiens jener Zeiten ein Licht werfen. Prof. Hammerschlag hat in seiner mühe- und opfervollen Arbeit im Laufe von 46 Jahren (1857—1903) mit den sehr bescheidenen Mittein, die ihm zur Verfügung standen, die Bibliothek zu einem Institut ausgestaltet, das diesen Namen verdient. Er hatte sie auf 10.000 Bände gebracht Dieser Aufschwung wirft schon ein anderes Licht auf die Judenheit Wiens. Er weist auf das steigende Interesse hin, welches die Gemeindemitglieder dem jüdischen Buche entgegengebracht haben. Es soll aber die Bemerkung nicht unterlassen werden, daß jener Aufschwung dem Verdienste nur einzelner Mitglieder der Gemeinde, wie Dr. Kuranda, Salo Kohn u. a., die der Bibliothek besonderes Interesse zuwandten, zuzuschreiben war, und Prof. Hammerschlag erhebt oft den Vorwurf, daß im allgemeinen kein großes Verständnis der Biblothek entgegengebracht wird. Zur Höhe, zu der dieses Institut emporklomm, hat es erst der jetzige Leiter der Bibliothek Dr. Bernhard Wachstein gebracht Denn eines hat sie bis dahin im wesentlichen vermißt nämlich den wissenschaftlichen Apparat. Daß aber ein gut angelegter Katalog der Lebensodem einer Bibliothek ist, braucht nicht erst gesagt zu werden^ Wachstein hat für die Bibliothek die wissenschaftliche Grundlage geschaffen. Er bearbeitete einige grundlegende Bestandteile der Bibliothek, und zwar die Bücher Nahum Beer Friedmanns, Sadagora und die des Bibliographen und Sammlers S. J. Halberstamm, Bielitz (beide von Salo Kohn erworben) und unterbreitete sie der, Oeffentlichkeit. Er gab der Bibliothek das wissenschaftliche Kolorit und hob dieselbe damit auch in den Augen der Gemeindemitglieder. Von nun an brachten sie dem Buche ein solches Interesse entgegen; als es dem „Volke des Buches" ziemt. Dadurch konnte auch der Bücherbestand vervielfacht werden. Um schließlich den großen Fortschritt der Gemeinde in dieser Beziehung zu kennzeichnen, genüge es, auf den in der jüngsten Zeit durchgeführten Kauf von hebräischen Handschriften um viele hunderte von Millionen hinzuweisen. Den letzten Punkt wodurch sich Wachstein um die Bibliothek besonders verdient gemacht hat, bilden die Kataloge, die unter seiner Leitung mit Hilfe der zwei Kustoden, Herren Dr. Ernst Müller und Saul C h a j e s, der gleichzeitig Archivar der jüdischen Gemeinde ist, und der Bibliotheksbeamtin Frl. Ilony Löwy angefertigt worden sind. Folgende Kataloge machen es dem Bibliotheksbeamten möglich, dem Benutzer der Bibliothek an die Hand zu gehen: 1. Ein Katalog der hebräischen Werke, alphabetisch nach den Büchertiteln geordnet Er ist mit ungemein wichtigen bibliographischen und literarischen Bemerkungen. versehen. 2. Em hebTäischer Sachkatalog, wie Biographien, Liturgie, Bibel, Talmud etc. 3. Ein Druckortkatalog; er hat großen wissenschaftlichen Wert in bezug auf die Entwicklung des jüdischen Druckes. 4. Ein Schlagwortkatalog, der in Anlage begriffen ist. Die Fertigstellung desselben wird eine große bibliographische Leistung sein. Mit Hilfe dieses Kataloges wird schon jetzt einerseits die wissenschaftliche Arbeit erheblich erleichtert, werden anderseits auch viele zu verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten angeregt. . 5. Ein historischer Sachkatalog nach Orten geordnet. 6. Ein ikonographischer Katalog. - Folgende Kataloge stehen den Lesern zur. Verfügung: 1. Ein Realkatalog der deutsch geschriebenen Werke. 2. Ein älterer Sachkatalog. 3. Ein älterer hebräischer Katalog. 4. Zuwachsverzeichnisse. Nach diesem großen bibliographischen Apparat kann es nicht wundernehmen, wenn diese Bibliothek sich so unentbehrlich gemacht hat, daß man keine wissenschaftliche Arbeit auf jüdischem Gebiet fertig bringt,, ohne diese benützt zu haben. Sie muß aber auch zuweilen an Stelle der Bet-flamidras treten, denn nur da können^ orthodoxe Juden und Raobn.t <• alten Schlages, die für Responsen, Homilien etc. ein Inteie^se haben, fhren geistigen Durst stillen. Am stärksten unier der Leserschaft ist aber die Jugend vertreten. Die Hörer des jüdischen Pädagogiums, die von den Professoren zum wissenschaftlichen Studium angeleitet werden, verbringen ihr« ViM^ntttage in dieser Bibliothek, wo ihnen alle Mittel zu Gebote stehen, die sie zum künftigen Lehrerberufe fähig machen. Auch die in den höheren Klassen des jüdischen Gymnasiums Studierenden fühlen, daß sie in dieser Bibliothek ihre geistige Nahrung finden. Das große Interesse für die Bibliothek beweist auch die Erhöhung der Frequenzzeit auf 36 Stunden wöchentlich. Zwi Ta,ubes. Eine Sommerreise dnrch Nordfrankreich. Vortrag, gehalten von David H e r z og. (Fortsetzung.) Am nächsten Morgen ging's bei herrlichstem Wetter mit einem schönen Dampfer nach Le Havre. wo wir nach ungefähr einstündäger Fahrt ankamen. Le Havre macht beim Hafen keinen besonderen Eindruck, tratizdem; derselbe ziemlich groß ist und namentlich für den Kaffeeimport von Bedeutung ist, wie ja denn überhaupt, wie mir gesagt wurde, der fünfte Teil des französischen Ueberseehandels sich dort abspielt. Der Hafen besteht aus einem Vorhafen und elf Bassins, die durch 16 Schleusen miteinander verbunden sind. Längs des Hafens findet man, wie in allen Hafenstädten, große Warendepots und alle Behelfe zum Ladein und Löschen der Schiffe. Mächtige Dampfer, die namentlich den Verkehr mit Südamerika betreiben, sind fast täglich dort zu sehen. Leider konnte ich den „Paris", den großartigsten französischen Dampfer, der seinesgleichen an Schönheit; und Bequemlichlteit nichts aufzuweisen haben soll, nicht sehen, weil dieser erst Freitag abends ankommen sollte, ich aber da schon in Rouen

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