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Die Wahrheit · 1926-03-29 · Heft 14-15 (29.3.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 14-15 (29.3.1926)
Date
1926-03-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Reminiszenzen. _ Die Bemerkungen, die in den „Glossen" der Festnummer zum hundertjährigen Jubiläum des Gotteshauses in der Seitenstettengasse über die *Toleranz"-Aera veröffentlicht wurden, haben eine Reihe von Zuschriften veranlaßt, die teils Fragen, teils ergänzende Reminiszenzen enthielten. So fragt ein Leser, was den Kaiser vor mehr als einem Jahrhundert bewogen, dem „tolerierten" Juden M. L. Biedermann eine Bitte freizustellen. Nun, der Aiilaß ist jedenfalls wert, der Vergessenheit entrissen zu werden. Im Jahre 1816 herrschte in Wien eine furchtbare Hungersnot, zu deren Linderung jler Monarch das Zustandekommen eines großen Jjrivatanlehens wünschte. Ein Vertrauensmann des Kaisers wandte sich auch an Biedermann, von dem es bekannt war, daß er vorher schon an die Armen reiche Spenden hatte verteilen lassen, und es entspann sich zwischen ihnen beiläufig folgender Dialog: ,Wie viel verlangt Se. Majestät von mir?" „Dreihunderttausend Silbergulden." „Sie stehen zur Verfügung des Kaisers." „Auf wie lange?" „So lange Se. Majestät sie braucht." „Gegen welche Sicherheit?" „Ich verlange keine." „Zu wieviel Prozent?" „Da sie der Not der Armen steuern sollen, verzichte ich auf Zinsen." Biedermann bekam nach Jahr und Tag das Geld zurückerstattet, mit dem Winke, sidfr eine Gnade zu erbitten. Und da war es, wo einer der edelmütigsten Wohltäter in Wien es als eine Gnade erflehte, daß nach seinem Tode seine Witwe und seine Kinder nicht aus Wien hinausgejagt werden sollen. Herr Dr. M. W. schreibt u. a.: Sie haben daran .erinnert, daß Mannheimer einst in dem peinvollen Gefühl, Menschenrecht für Gnade hinnehmen zu müssen, dem Erzherzog Ludwig zugerufen hatte: „Was Ew. kais. Hoheit als Gnade bezeichnen, würde ich von meinem Standpunkte Willkür nennen."- Igriaz K u r a n d a hat vor vielen Jahrzehnten zum erstenmal die historisch beglaubigte Anekdote erzählt, aus der ersichtlich ist, daß schon lange vor Mannheimer ein Jude, der nachmals in den Adelstand erhobene Simon Edler von Lämmel, sogar vor Kaiser Franz den Mut hatte, in einem Ausrufe zu bekunden, daß die Juden wohl das Verständnis dafür haben, daß man sie sozusagen nur schätzt, wenn man sie brandschatzen kann. Simon Lämmel war eines Tages in Audienz beim Bruder des Kaisers, dem Kärdinal-Erzbischof von Olmützt-als der Kaiser in das Zimmer seines Bruders trat. Der Erzherzog stellte Lämmel, der sein besonderes Vertrauen besaß, dem Kaiser vor, der freundlich bemerkte: „Ich kenne Herrn „Lämmerl", wenn nur alle Juden so wären!", worauf dieser sich hinreißen ließ, zu sagen: „Damit Ew. Majestät sie scheren können!" Der Kaiser schwieg zu dem kühnen Wort, aber er vergaß es nicht. Als einige Zeit später eine Deputation böhmischer Juden, unter denen auch Lämmel sich befand, vor dem Kaiser erschien, hielt Lämmel, der vielleicht nachträglich über seinen Freimut erschrocken war, es für geraten, sich im Hintergrund zu halten. Der Kaiser bemerkte ihn jedoch, winkte ihn an sich heran, indem ersagte: „Kommen Sie nur näher, hier wird nicht geschoren." Allerdings im Audienzsaal des Kaisers geschah dies nicht, aber es dauerte noch viele Jahrzehnte, bis die Juden von der Last besonderer Steuerleistungen befreit wurden und als Juden ungeschoren blieben. Maskir. Der Ausklang aller drei Wallfahrtsfeste ist „Maskir", ein „Gedenken". Diese Einrichtung unseres Gottesdienstes ist pietätvoll und warmherzig, denn sie beweist, daß „Vergangenheit*' nicht etwa ein formelhafter Begriff ist, sondern auf unser Gefühlsleben und Denken eine tatsächliche Einwirkung auszuüben vermag. Daß sich an solchen Tagen alle, die einen Dankestribut verklärten Eltern zu entrichten haben, zur Maskirandacht einfinden, darf nicht hämisch geschmäht werden, sondern gereicht Juden und Judentum zur Ehre. Die Tatsache, daß dem Juden ein Stück Vergangenheit heilig ist; daß das Leben mit seinen Forderungen und Ansprüchen nicht stark genug ist, den Juden von semer heiligen Pflicht für das Setelenheil der Eltern abwendig zu machen, ist schön und gut. Die Thora zeichnet in der Geschichte des Auszuges aus Aegypten ein unsterbliches Bild: Moses nimmt die Gebeine Josefs aus Aegypten in die neue Heimat mit. Getreu dem Schwüre, den Josef vor seinem Scheiden die Israeliten schwören ließ: „Ihr sollt meine Gebeine von hier mit euch hinaufnehmen" handelt Moses. Der Satz der Schrift, der nun die Ausführung des beschworenen Willens Josefs verkündet, ragt über alles Schöne und Herrliche, was gesagt und erzählt wird, wunderbar ergreifend hinaus* so daß sich unsere Alten mit vollem Rechte seiner zu den schönsten Deutungen bedient haben. Versprechen und Halten, Wort und Tat, Wunsch und Erfüllung liegt hier nebeneinander. Ueberbrückend eine große Kluft, die der Zeitenstrom durchflössen hat, ausschaltend ein Buch, vollgeschrieben mit Schicksalen, Kämpfen und Leiden, erfüllt Moses am Tage des Auszuges, was Josef zwei Jahrhunderte vorher erbeten hatte, als schlösse sich das Heute an das Gestern, als wäre kaum eine Spanne Zeit verronnen. So ist Moses das Bild der Treue, das lebendige Gedächtnis, das nicht vergißt, das warmherzige, pietätvolle Gedenken, das kein noch so dringender Lebensiruf ersticken kann. Darum sagen sehr richtig unsere Alten: „Sieh4 und entnimm aus dieser Stelle, wie sehr die Erfüllung der Mizwoth unserem großen Lehrer Moses am Herzen lag. Ganz Israel war mit dör Sorge um Hab und Gut, mit der Suche nach irdischen Gütern beschäftigt: er allein suchte eine Mtewa zu erfüllen." Auf der einen Seite, bei der Menge herrschte Materialismus, Streben nach Genüssen und Schätzen dieser Welt, auf der anderen Seite, bei Moses war Idealismus, Streben hach Werten, die nicht von dieser Welt sind. So ist das Schicksal aller idealen Bestrebungen; sie beherrschen nie ein ganzes Volk, sind nie Gemeingut der großen Masse, heute nicht und nicht vor tausend Jahren. Denn schon damals wußte niemand, wo der Sarg Josefs ruhte, keiner der 600.000 Männer in Aegypten wußte zu sagen, was mit dem Sarge Josefs geschehen ist. Eine einzige Frau, so sagen unsere Alten, Serach, die Tochter Aschers, wußte um das Schicksal des Sarges und zeigte Moses die Stelle, wo er lag. So ist es geblieben! Von vielen Hunderttausenden ist stets nur einer, der Moses und Serach, der Tochter Aschers, gleicht. Deshalb erzieht uns Juden jedes unserer Feste, dem Vorbild Moses zu folgen. Die Haskara ist Serach bas Ascher, das Vorbild und Beispiel pietätsvollen Gedächtnisses; sie weiß und kündet, wo ein teueres Grab ist. — Der Sarg Josefs, so sagt die Ueberlieferung, war eingegraben im Flußbette des Nils und die Wasser des Stromes rauschten darüber hin. Dem Nijstrom Aegyptens gleicht der Strom des Lebens. Mächtig geht er über so manches Grab dahin. Seine Wellen und Wogen rauschen darüber und werden ein Strom des Vergessens. Vergessen ist so manches Grab und der, der darinnen ruht, weil die Flut des Lebens darüber hinrauscht. Nie-

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