Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 14-15 (29.3.1926)
- Date
- 1926-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Oeslerreichische Wochenschrift für indische Interessen WH dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union dentschösterreidiisdier Inden Redaktion und Administration: Wien II.. HelnesiraOe 13. - Fernruf 42-2*16 XLII. Jahrgang Wien, 29. März 1926 Nummer 14/15 Pessach. Es ist ein Beitrag zur Lösung jenes gewaltigen Rätsels, das in der Erhaltung des Judentums bis auf den heutigen Tag besteht, es ist die Antwort auf die weltgeschichtliche Frage nach dem Wesen jener wunderbaren Kraft, die das jüdische Volk frisch und jung erhalten hat, während andere viel mächtigere und zahlreichere Völker längst vom Erdboden verschwunden sind. Pessach, das Ueberschreitungsfest, ist für uns Juden ein Fest der Verjüngung und Erneuerung, ein Fest des Frühlings und des Wiedererwachens der Natur. Denn ebenso wie die Kinder Israels einst die Ketten der ägyptischen Knechtschaft gesprengt und die Freiheit erobert haben, ebenso erwacht alljährlich um diese Zeit die von den eisigen Fesseln des Winters befreite Natur aus Tod und Erstarrung. Aber auch für das jüdische Volk hätte es mit der einmaligen Befreiung aus Unterdrückung und Sklaverei nicht sein Bewenden, vielmehr war es gezwungen, sich gleich dem Frühling, der die Ketten des Winters sprengt, die Freiheit immer wieder aufs neue zu erobern. Doch gerade in diesem „immer-wieder-aufsneue" liegt die Lösung des Rätsels der ewigen Jugend des jüdischen Volkes; denn viel bedeutungsvoller für die Psyche eines Volkes als „frei sein" ist „frei werden", ein viel köstlicheres Gut als die statische, ist die dynamische Freiheit, der ewige Kampf für Freiheit um der Freiheit willen. Dieser Kampf, den zu führen kein Volk eher berufen war als das jüdische, dieser Kampf, der auch heute noch nicht zu Ende gekämpft ist, er verhindert die Erstarrung und Verknöcherung, aber auch den Mißbrauch der einmal erworbenen Freiheit. Und darin liegt der tiefe Sinn des Pessachfestes, daß wir uns stets vor Augen halten, „daß nur der*", wie Goethe sagt, „das Leben und die Freiheit verdiene, der bereit ist, diese Güter täglich neu zu erobern". Denselben Gedanken drückten unsere Weisen in den Worten aus: „Jedes Geschlecht habe sich so zu betrachten, als wäre es selber aus Aegypten gezogen." Das ist der Grund, warum wir am Sederabend bittere Kräuter essen und dazu sprechen: „Awodim hojinu . . . ." „Knechte sind wir gewesen im Lande Aegypten, als uns der Ewige mit starker Hand und ausgestrecktem Arme befreite." Das ist der Grund, warum wir den Tag unserer Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei festlich begehen: „Dieser Tag soll euch sein zur Erinnerung und ihr sollt ihn feiern als ein Fest des Ewigen, als ein ewiges Gesetz sollt ihr ihn feiern." (2. B. Mos., Kap. XII, Vers 14.) Gerade das jüdische Volk, das von allen Völkern am meisten geknechtete und mit Füßen getretene, hat das Gut der Freiheit immer am heißesten geliebt und darum finden wir unter den Kämpfern für Recht und Freiheit die Juden immer in vorderster Linie. Ist es nicht eine grausame Ironie der Geschichte, wenn das Volk, das der Menschheit erst die wahre Freiheit und soziale Gerechtigkeit gebracht hat, Freiheit und Menschenrechte am längsten vermissen mußte? Ist es nicht eine furchtbare Paradoxie, wenn dieses Volk auch in den Jahrhunderten, in denen es unfrei und geknechtet war, alljährlich das „Fest der Freiheit" beging? War es nicht überflüssig, in den Zeiten, da Not und Bitternis ohnedies schwer auf Israel lasteten, noch außerdem bittere Kräuter zu essen? Nein und wieder nein! Denn diese bitteren Kräuter waren den Juden das Unterpfand dafür, daß Not und Bitternis ein Ende nehmen muß. Darum haben sie zu Pessach stets neuen Mut, neue Kraft und frische Hoffnung gefaßt. „Und dräut der Winter noch so sehr, es muß doch Frühling werden!" Darum sind unsere Vorahnen niemals verzweifelt, darum haben sie auch in den schwersten Zeiten die Hoffnung nicht aufgegeben, darum haben sie sich trotz aller Unterdrückungen und Entbehrungen frisch und stark und jung erhalten. Denn sie wußten es, daß die Freiheit und Erlösung oft über Nacht komme, ehe noch Zeit ist, Brot zu backen, sie waren davon überzeugt, daß auch die Macht des gewaltigsten Autokraten — und Pharao Ramses II. war einer der mächtigsten Selbstherrscher, die je gelebt haben — zerschellen muß, wenn es im Ratschlüsse des Allmächtigen so bestimmt ist. Was im Jahre 1335 vor unserer Zeitrechnung der Fall war, in welchem Jahre nach den neuesten chronologischen Forschungen, insbesonders des Budapester Gelehrten Eduard M a h 1 e r, der Auszug der Juden aus Aegypten stattgefunden hat, dasselbe galt für 1789, 1848 und 1918: Tyrannenmacht muß ein Ende nehmen. „D e n n" — und das ist der wahre Sinn des Pessachfestes und gleichzeitig die Lösung des welthistorischen Rätsels, von dem wir gesprochen, — „ich bin der Ewige, dein Gott, der dich herausgeführt aus dem Lande Aegypten, aus dem Sklavenhaus e." Es hätte wahrlich genügt, wenn Moses als erstes Gebot verkündet hätte: „Ich bin der Ewige, dein Gott." Damit aber, daß nach der Nennung des Namens des Allmächtigen gleich auf die Befreiung aus dem ägyptischen Sklavenjoche angespielt wird, damit wird klar und deutlich dokumentiert: „Ich, der Ewige, dulde keine Sklaverei, ich wünsche die Freiheit, wie in jenen Tagen, so in dieser Zeit." Die Freiheit nicht als Geschenk, sondern die Freiheit als eine zu erfüllende Pflicht und eine zu lösende Aufgabe, das bedeutet uns Juden das Fest der ungesäuerten Brote, Dr. F. J. Weiß.