Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 13 (22.3.1926)
- Date
- 1926-03-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 13 D&E WAHRHEIT Seite % Ein Warnungszeichen. Während in Wien zwischen dem tschechoslowakischen Außenminister Dr. Benesch und dem österreichischen Regierungsleiter Worte des Friedens und der Freundschaft gewechselt wurden, während sich die deutschen, französischen und englischen Delegierten, erfüllt vom Geiste von Locarno, nach Genf begaben, um die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund leider derzeit erfolglos zu besprechen, während überall von Frieden, Völkerverständigung und Weltabrüstung gesprochen wurde, trat ein unerwartetes Ereignis ein, das den im Friedensduisel dahinschlummernden Völkern mit furchtbarer Deutlichkeit gezeigt hat, wie es in. Wahrheit um Frieden und Abrüstung bestellt ist: In Prag ist in einer engen, dichtbevölkerten Gasse eine Wagenladung von hinderten mit Tritol, dem gefährlichsten Sprengstoff, gefüllten Granaten in die Luft gegangen und hat furchtbare Verheerungen angerichtet. Einige Menschenleben sind zu heklagen, zahlreiche Schwerverletzte ringen mit dem Tode und werden, wenn sie gerettet werden, zum Teil als entstellte Krüppel ihr armes Leben dahinbringen müssen. Die „Amtliche Verlustliste" (ein Wort, das uns noch aus den Zeiten des Weltkrieges her in trauriger Erinnerung geblieben ist) meldet von 3 Toten und 6S> Verletzten. Mit geradezu verbrecherischem Leichtsinn wurden 31 Kisten mit 400 Stück „Offensivgranaten (!) System Ingenieur Janicek", wie wenn es Kartoffel wären, auf einen ungefederten, mit Pferden bespannten Wagen durch die belebtesten Straßen und Gassen geführt und durch die ständigen Erschütterungen schließlich zur Explosion gebracht. Die Begleitmannschaften wurden in Stücke gerissen, ihre Leichen zwei Stockwerke hoch emporgeschleudert und die einzelnen Leichenteile bis zu fünfzig Schritt vom Rumpfe entfernt aufgefunden. Eine Mutter, die ihrem Kinde gerade zu trinken gab, hielt, selbst schwer verletzt, den blutenden Körper ihres Liebling in den zitternden Händen, einer armen Näherin, die gerade beim Fenster saß und arbeitete, als der unglückselige Transport vorbeizog, wurde durch ein Granatsttick die Halsschlagader durchtrennt. Als man daranging, den Schutt unter den Häuserruinen wegzuräumen, fand man den aus zahlreichen Wunden blutenden Körper eines Kindes, das sich, von seinen Angehörigen verlassen, stundenlang unter dem Schutte in Schmerzen wand. All dies mitten im tiefsten Frieden, mitten im Zeichen von Locarno und im Geiste der Völkerverbrüderung! Was lehrt uns dieses grausige Ereignis? Es werden noch immer tausende von Granaten, Schraonnells und anderen Mordinstrumenten erzeugt, bestimmt, Menschenleiber zu zerfleischen, es werden noch immer hune derte von Kanonen, Maschinengewehre und Tanks hergestelltjS bestimmt. Eltern kinderlos und Kinder vaterlos zu machen, es f arbeiten Chemiker und Ingenieure mit Eifer daran, die wirk-1 samsten Sprengstoffe, die giftigsten Gase und die furchtbarsten \ Kriegsmittel zu erzeugen, um gegebenenfalls den Massenmord * vermittelst der neuensten Errungenschaft der Wissenschaft und Technik betreiben zu können und — Nationalismus ist überall am Werke, die Völker zu verhetzen. Haß und Feindschaft zu verbreiten und die Menschheit einem neuen Kriege entgegenzufahren, mit flatternder Fahne und Standarten, mit zündenden Schlagworten und mit Bergen von Leichen. Das furchtbare Unglück in Prag war ein Warnungszeichen. Sollten die Menschen im furchtbarsten aller Kriege nichts zueelernt oder alles wieder vergessen haben? Mag die übrige Menschheit auch n'cht die innere Kraft besitzen, sich aus der äsrvntischen F'nstprnis <ies Hasses und der Feindschaft zum Lichte der Menschenliebe emporziuVingen, wir Juden smd-uns nach wie vnr unserer uns von Gott übertragenen PfHcht b°wußt, der Menschheit den Fripd<Mi zu bringen und werden trotz aller Anfeindn^c^n und Verfoieungen nicht aufhören, diese unsere heilige Pflicht auch weiterhin zu erfüllen. Dr. Franz Josef Weiß. Geschäftstüchtige Berichterstattung. Der Budapester Korrespondent der ..Wiener Morgenzeitung" legt immer wieder — sagen wir — merkwürdige Methoden bei seiner Berichterstattung an den Tag. Bereits einigemal nahmen wir Gelegenheit, die Budapester Meldungen dieses Blattes, das auf solche seit der Affäre anläßlich der Budapester Feierlichkeiten besonderen Wert zu legen scheint, ins richtige Licht zu setzen. Die Nachricht aber, von der diesmal die Rede sein soll, übertrifft alles bisher an tendenziöser Berichterstattung Geleistete und sei deshalb unseren Lesern mit der wahrheitsgemäßen Kommentierung zur Kenntnis gebrächt. In ihrer Ausgabe vom 11. d. M;* brachte die. ..Wiener Morgenzeitung" unter dem Titel „Antizionismus als Geschäft" einen längeren Bericht über einen bevorstehenden Prozeß, den der bekannte Herausgeber des Budapester ungarisch-jüdischen Blattes Dr. Ludwig S z abolcsi gegen die zionistische Presse wegen Ve r 1 e u radung angestrengt hat. Die „Morgenzeitung" bezeichnet nun als Ursache für diesen Prozeß „einen sogenannten Situationsbericht aus Palästina von irgendeinem von dort entlaufenen arbeitsunwilligen jungen Menschen, der so haarsträubende Lügen enthielt, daß die Leitung der ungarländischen zionistischen Organisation sich veranlaßt sah, diesen Artikel als eine bewußte Lüge und Verleumdung öffentlich zu brandmarken." Der Budapester Korrespondent verschweigt, daß die übrigens notariell beglaubigteEchtheit des Briefes, der sich entrüstet über die palästinensischen Zustände äußerte, in Frage gestellt wurde, worauf Dr. Szabolcsi die zweite Klage einreichte. Denn es handelt sich hier um zwei Verleumdungsklagen.. während die „Morgenizeitung" nur von einer spricht, die erste Klage, von der bei ihr nicht die Rede ist. hatte folgende Ursache: Die Pester israelitische Kultusgemeinde hatte ebenso wie die orthodoxe Budapester Kultusgemeinde vor einigen Wochen angeordnet, daß in den Budapester Synagogen keine Spenden für den Keren Kajemath angenommen werden. Die Antwort der Zionisten richtete sich nun nicht gegen diese beiden Beschlüsse direkt, sondern war ein persönlicher Angriff gegen Dr. Szabolcsi, worauf dieser erstmalig klagte. Für seinen Prozeß hat Dr. Szabolcsi eine ganze Reih.: bedeutender Führer der ungarischen Juden, die sämtlich Antizionisten sind, als Zeugen namhaft gemacht, u. zw. gerade diejenigen, die sich in der letzten Zeit öffentlich gegen den Zionismus geäußert haben: Die Abgeordneten Dr. Wllh. Vaszony, Dr. Fabian, Dr. Paul Sändor, den Oberrabbiner von Budapest Dr. Simon Hevesi, den Präsidenten der Budapester Israelitischen Kultnsgemeinde Dr. Alexander L e d e r e r, die Führer der ungarischen Orthodoxie Adolf Frankl und Ludwig Hartstein. Aus dieser Liste bezeichnet nun der Budapester Korrespondent der „Morgen-Zeitung" „die Vorladung Dr. Wilhelm Vaszonyis als besonders perfid, da er gerade in der letzten Zeit sich wiederholt über die terroristische Art Szabolcsis in der Verfolgung des Keren Kajemeth abfällig geäußert hat." Diese Meldung der „Morgenzeitung" begegnete vom ersten Moment an unseren größten Bedenken. Erstens konnten wir uns nicht erklären, warum auf einmal das Wiener jüdischnationale Blatt, das bisher immer gegen V a s z o n y i Stellung genommen und ihn trotz seines entschiedenen mannhaften Kampfes gegen die Bethlen-Regierung wiederholt als „Feigling". ..würdelos" usw. bezeichnet hatte, plötzlich diesen Mann als Kronzeugen k für ihre nationale Sache anführt. Zweitens nahm uns ein Ein- : treten Vaszonys für diese Sache schon deshalb Wunder, weil ■.er wie auch sein Kollege Dr. Paul Sändor wiederholt auch in öffentlicher Nationalversammlung sich gegen den Zionismus ausgesprochen haben. Das letztemal geschah dies in der Sitzung vom 17. Dezember 1925, die laut stenographischem Protokoll (offizielle Ausgabe Nr. 487, Seite 223) folgenden "Wortlaut hat: Die Abgeordneten Dr. Wilhelm Vaszonyi und Dr. Paul Sändor erklären gemeinsam auf eine Anfrage des Präsidenten der „Erwachenden Ungarn", Abgeordneten Eckhardt: „Wir haben nichts gemein mit den Zionisten!", ja der letztere rief dem Abgeordneten Ecknardt sogar zu: „Sie wollen dasselbe wie die Zionisten," was von dem Rassenschützler-Ab- .ge ordneten Lendvai als „leicht möglich" hinbestellt wurde. Schließlich wußten wir, daß Dr. Vaszonyi mit Dr. Szabolcsi eine langjährige innige Freundschaft verbindet. Man sieht, unsere Bedenken waren wohl begründet. Wir sind nun heute in der Lage, die Behauptung der „Morgenzeitung" auf das richtige Maß zurückzuführen. Dr. Wilhelm Vaszonyi ermächtigt uns zu dem Dementi, daß er einen solchen Ausspruch, wie er in der „Morgenzeitung" mitgeteilt wird, nie gemacht hat.... Für heute begnügen wir uns mit diesen Feststellungen, die ein genügendes Bild über die Art der Budapester Berichterstattung der „Morgenzeitung" bieten. Wir werden auf den Prozeß noch zurückkommen, der beweisen wird, daß die Zionisten in Ungarn entgegen der Behauptung der „Morgenzeitung", die von vielen hundert zionistischen Juden spricht, bloß eine verschwindende Minorität sind, die sich nur mit Verleumdungen. Angriffen und Beschimpfungen in Szene setzen können. Das ungarische Judentum in seiner großen, vornehmlich liberalen Masse steht der zionistischen Bewegung aus patriotischen Gründen nach wie vor feindlich gegenüber. O. H.