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Die Wahrheit · 1926-03-22 · Heft 13 (22.3.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 13 (22.3.1926)
Date
1926-03-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Kr, 13 DIE WAHRHEIT Seite 7 Zukunft in der treuen, opferwilligen Anhänglichkeit än unsere Stadt Wien und an die Bundesrepublik erblickt Alle Anwesenden erhoben sich, als Dr. Ornstein dem ehrwürdigen Oberhaupte dieser Republik. Dr. Michael Hainisch, das Gelöbnis aussprach, daß wir als treue Bürger dieses Staates an seinem Aufschwung mitarbeiten und in unserer Opferbereitwilligkeit nie erlahmen wollen. Denn wir lieben dieses unser Land mit ganzem Herzen, trotzdem Haß und Feindschaft uns diese Liebe vergällen und alle erdenklichen Uebel auf unser Haupt laden will. (Brausender Beifall.) Die jüdischen Bürger sollen aber auch immer treue Söhne ihres Qlaubens sein und sich, den erhobenen Lehren des Judentums entsprechend, betätigen in Werken der Nächstenliebe und der sozialen Hilfsbereitschaft ]ed_er Art. Insbesondere der Sorge für die Jugend gelte unser Streben und mit diesem Ausblick der Lebenden in die Zukunft schloß, lebhaft akklamiert, der Festredner seine Ausführungen. Nach der Festrede sprach namens der Vertretungen sämtlicher österreichischer Kultusgemein- * den, Landesrabbiner Universitätsdozent Dr. David Herzog, Graz, der sich der ehrenvollen Aufgabe eines Olückwunschredners für diese Gemeinden um so lieber anzunehmen erklärte, als alle diese Korporationen durch jahrzehntelange Gemeinsamkeit mit den Schicksalen der hauptstädtischen Gemeinde dieser die größte Achtung, Verehrung und Sympathien entgegenbringen. Redner streifte die gewaltigen Geschehnisse des abgelaufenen Jahrhunderts, sprach irisbesondere von den Männern, denen der Stadttempel seine Entstehung zu verdanken hat, von Mannheimer und S u 1 z e r, deren Verdienste er gebührend würdigte. Auch Dr. Herzog ließ seine eindrucksvolle Rede in das treue Bekenntnis der österreichischen Juden zu ihrer Heimat ausklingen, was neuerlich einen überwältigenden Beifallssturm erweckte. Hierauf folgte der Vortrag des Schlußchores von Mendelssohn's Lobgesang durch das Halt o a h - Q r c h e s t e r, den Wiener jüdischen Gesangverein und den Männerchor des Stadttempels unter dem Dirigenten. Professor Braslawsky. Der herrliche Gesang, der durch Klangreinheit und Tonschönheit ausgezeichnet war, stellt dem Können der jüdischen Sänger und vor allem den hervorragenden Fähigkeiten des Dirigenten Prof. Braslawsky das ehrendste Zeugnis aus. Der große Eindruck, den Mendelssohns Lobgesang auf die gesamte Fest Versammlung machte, ergänzte in wahrhaft unübertrefflicher Weise die gewaltige Wirkung des Festes. Nach dieser musikalischen Glanzleistung begleiteten die Herren des Präsidiums und Vertreterkollegiums die illustren Festgäste wieder in den kleinen Saal, wo der Abschied von diesen stattfand. Bei dieser Gelegenheit betonte Bundespräsident Doktor H a i n i s c h immer wieder, wie sehr ihm die eindrucksvolle Feier gefallen und wie er insbesondere von der großen patriotischen Manifestation der österreichischen Judenschaft, die bei dieser Gelegenheit bekundet wurde, erfreut sei. Allen, denen, die das Glück hatten, dem wunder- . schönen Feste beizuwohnen, wird es gewiß dauernd in schönster Erinnerung bleiben^ 4*ßm9*&999**99V9Q999*V**99%Q**9*9%%09%9* <ü Eine Rückschau auf den Gattermayer-Prozess. Es war die Zeit vor und während des Wiener Zionlstenkongresses. Von der gesamten antisemitischen Presse wurde gegen die Regierung, die den Kongreß gestattet hatte, Sturm gelaufen und unter dem Schutze eines ungeeigneten Preßgesetzes eine wüste Judenhetze inszeniert. Je näher der Eröffnungstag des Kongresses heranrückte, desto wilder und ungezügelter wurden die Aufreizungen, desto unverhüllter die Drohungen der antisemitischen Presse. Aber nicht nur veimittelst Zeitungen, Plaftaten und Flugzetteln wurde eine alles .bisher Dagewesene übertreffende Pogromhetze betrieben, son- *dern auch in einer ganzen Reihe von Versammlungen wurde zu Haß. Demonstrationen und Ausschreitungen gegen die Juden aufgereizt. Die Folgen dieser zügellosen Hetze waren die blutigen Ausschreitungen am Tage vor der Eröffnung des Kongresses, die Flucht einer großen Zahl von Kongreßteilnehmern aus Wien, ein großer moralischer, politischer und wirtschaftlicher Schaden für Oesterreich. Unter all den Blättern, die sich gegenseitig in wüster Jndenhetze zu übertrumpfen suchten, ragte besonders die nationalsozialistische „Deutsche A r b' e i t e r - P r e s s e ' hervor, einer der ärgsten Hetzer jedoch, der in Wort imu Schrift zum Haß gegen das Judentum und die Regierung aufzureizen suchte, war Walter Gattermayer. Am 2. März hatten sich nun der verantwortliche Redakteur der „Deutschen Arbeiter-Presse". der 27jährige Josef Müller und der 43jährige Bahnbeamte Walter Qattermayer wegen Aufreizung gegen das Judentum, Vergehens gegen die Sicherheit der Ehre, gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung. Amtsehrenbeleidigung sowie Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge zu verantworten. Den Vorsitz führte Oberlandesgerichtsrat Dr. Wetz, die Anklage wurde vertreten vom ersten Staatsanwalt Dr. Tuppy, als Verteidiger fungierten Dr. S p ie 1 v o g e 1 für Gattermayer und Dr. B1 ü m e 1 für Müller. Unter Anklage gestellt v/aren die Artikel „W ien wach au f", „Christenpogro m'\ „Pest in Wie n", „Gegen Juden und Judenknechte zum Sammeln geblase n". Welcher Art die inkriminierten Artikel waren, davon mögen folgende Sätze Zeugnis ablegen: „Der Gott der Juden ist der Gott des Dreh . . . Die Bestie Jehova lehrt die brutalste Vergewaltigung dessen, was nicht jüdisch ist. . . . Der Gott Jehova ist ein ausgepichter Gauner . . . Diesen Schuften hat sich das jüdische Volk, das keinen Funken Rechts- und Ehrgefühl besitzt, als seinen Gott zurechtgelegt . . . Die Regierung verschachert die Staatsbürger . . . Sie ist wert, auf dem Schindanger der Geschichte zu verrecken." Gattermayer, der mit seinen tiefschwarzen Augen und Haaren, seiner kleinen, gedrungenen Gestalt, dem kurzen Schädel und der niedrigen Stirne dem Mittelmeertypus angehört, macht durchaus keinen „arisch-germanischen" Eindruck. Sein Aeußeres läßt durchaus nicht erkennen, daß wir es hier mit einem der gefährlichsten antisemitischen Agitatoren zu tun haben, nur die tiefliegenden Augen, aus denen ab und zu stechende Blicke hervorsprühen, lassen ahnen, wie es in seinem von einem fast pathologischen Hasse gegen die Juden erfüllten Innern aussehen mag. Der andere Angeklagte Josef Müller, der angibt bereits wegen Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge vorbestraft zu sein, macht einen viel jüngeren Eindruck, als seinem Alter von 27 Jahren entsprechen würde. Auch hier finden wir alles eher denn die Verkörperung des arisch-germanischen Schönheitsifl^F»l - Eine schmächtige Gestalt, ein stumpfes, ausdrucksloses Gesicht und Augen, die fast immer wie geistesabwesend herumstieren. Die Verantwortung der Angeklagten macht einen kläglichen Eindruck. Keine Spur von Mut. Heldentum und Uneischrockenheit, sondern ein ohnmächtiges Stammeln und Stottern, ein Herunterleiern von eingelernten Sätzen, Verdrehungs- und Vertuschungsversuche, von welchem die folgenden ein Bild geben mögen: Gattermayer erklärt, daß er nicht „Jehovah*', den biblischen Gott und aller Menschen Vater, sondern „J a h w e", den Gott des Talmuds, habe treffen wollen. Durch einen „1 r r t u m" sei im inkriminierten Texte statt des zweiten Ausdruckes der erste gedruckt worden. „Ein jüdischer Dreh" würde Gattermayer sagen, wenn er nicht selbst derjenige wäre, der sich mit seiher Hilfe herauszuwinden trachtete! Ferner gab Gattermayer zu seiher Verantwortung an, daß er

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