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Die Wahrheit · 1926-03-22 · Heft 13 (22.3.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 13 (22.3.1926)
Date
1926-03-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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gräbnisstätte geehrt wurde. Präsident Professor Dr. Alois Pick begrübte die Versammlung, ganz besonders den Bundespräsidenten und die übrigen Festgäste. (Lauter Beifall.) Er führte aus: „Wir feiern heute die hundertste Jahreswiederkehr der Einweihung des ersten öffentlichen jüdischen Gotteshauses in Wien, dessen Gründung mit dem Entstehen' der Wiener israelitischen Kultusgemeinde in innigster Beziehung stand. Wir haben Sie hierher gebeten, um mit uns Rückschau zu halten auf ein denkwürdiges Jahrhundert der Wiener Judenschaft und um darzulegen, welch hohe Entwicklung durch das zielbewußte Wollen und das hingebungsvolle Bemühen trefflicher Männer unsere Kultusgemeinde im Laufe dieses Jahrhunderts genommen, wie sie wurde und wie sie gewachsen ist und wie sie ihren vor hundert Jahren bei der Weihe des Gotteshauses in der inneren Stadt übernommenen Aufgaben gerecht geworden." Nunmenr hielt Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein die Festrede, die Bewunderung und Begeisterung auslöste; war sie doch eine rednerische Meisterleistung nicht nur wegen ihres gediegenen Inhaltes, sondern auch durch die Art des Vortrages selbst. Dr. Urnstein sprach anderthalb Stunden in vollkommen freier Rede, er brachte dabei wiederholt interessante historische Details,, und dieses gediegene Können, gepaart mit einer meisterhaften Redegabe., hielt das illustre Auditorium bis zum letzten Moment in Spannung. Auch die Gliederung der Rede war eine ausgezeichnete. Im Sinne der Festrede Dr. J e 11 i n e k s zum 50jährigen Jubiläum des Stadttempels war der erste Teil des Vortrages dem Gedenken der Lebenden an die Toten gewidmet. Auf Grund der Tatsache, daß die Geschichte des Wiener Judentums, wenn nicht mit dem Einzug von Juden zugleich mit den römischen Legionen, so doch zumindest mit dem 9. Jahrhundert beginnt, hob er die Bodenständigkeit des in Wien wurzelnden Judentums hervor. Wir lehnen deshalb, sagte Dr. Grnstein unter großem Beifall, auch die irrsinnige Theorie von „Gast- und Wirtsvo 1 k" ab, wir sind hier ebenso zu Mause wie unsere christlichen Mitbürger. Dann eilte Redner im Fluge über das Mittelalter und insbesondere über die furchtbare Austreibung im Jahre 1521 (die große Geserah), bei der 92 glaubensstarke Männer und 120 Frauen mit dem Sch'ma Jisroel aui den Lippen den Scheiterhaufen bestiegen, zur „Ausschaffung"4 von 16uü Juden aus Wien im Jahre 16/0, mit welcher der gegenwärtige Zeitabschnitt der Geschichte des Wiener Judentums beginnt. Er legt weiters dar, welchen Beschränkungen trotz inrer von ihren früheren Gegnern gewünschten Rückkehr die Juden unterworfen waren, wie sie unter L e o p o 1 d II. in ein abgeschlossenes Ghetto am unteren Werd gebannt wurden, in jenem Bezirke Wiens, der, auch heute noen von Juden am stärksten bewohnt, durch eine Ironie der Geschichte den Namen „Leopoldstadt", erhielt; wie ihnen auch die truneren geringen, nur duren hohe Abgaben entaurten Kecnte nient menr zugestanden wurden. Er befaßte sich dann insbesondere mit der hartherzigen und grausamen Juoenorcüiung der Kaiserin Maria Theresia und ging dann über zum „1 oleranz^Patent" Kaiser Josef II. vom Janre 1/-82, setzte im wesentlicnen die — im Geiste der Zeit beurteilt — weitgehenden Begünstigungen der Wiener Juden, das ist der tolerierten Juden, auseinander und die Beschränkungen, welcne insbesondere gegenüber fremden Juden in diesem Patent mit seinem „Juaenamt" dennoch autrechternanen blieben, um uen Vorurteilen des VolKes ein upier zu bringen, lmlerhin erhielten sie bald darauf Bevollmächtigte; Redner erwannte in diesem Zusammenhange deren erstes, in unserer Festiiummer abgedrucktes Protokoll. Er führte Weiter aus, wie alle Anstrengungen der nachmaligen „Vertreter" Kaiser Franz njcnt bewegen konnten, dieses 1 oieranzpittent aurzuueoen und den Juden das von ihnen erbetene gieicue Kecnt zuzugesienen, daß er vieimenr trotz - Steuer viuiauucü veispieeuuiiücn nur unbedeutende Minderungen des naxten Gesetzes eituunrte. erst uer rrunnngssturm von 1848, die Beteiligung so vieier juaiscner Manner am Kampt um die rreiheit (.Adolf risciinoi, josei Goldmark, Ludwig August r ran kl u. a., aas erste t odesopier war der jüdische Student Spitzer) bracute enoLcn aen Juaen in der Vemassung vom 4. März 1849 die voite Gleichberechtigung, die nach Auihebung dieser Verfassung den b taatsgr-undgesetzen vom Jahre 1867 für immerwänrende Zeiten einverleibt wurde, die das eherne Fundament tur unsere politische Gleichberechtigung bilden. Redner ging sodann zur Bildung der Gemeinde über, indem er vorerst ausführte, daß nach Rückkehr der Juden nach ihrer letzten Vertreibung ihnen die Bildung einer Gemeinde und die Errichtung einer öffentlichen Synagoge und der öffentliche Gottesdienst verboten wurde und daß diese Verbote auch durch das Toleranzpatent bis zum Jahre 1811 aufrechterhalten wurden. Allein unter dem Zwange der Verhältnisse gestattete die Regierung im Jahre 1782 die Wahl von „Vertretern" — Dr. Ornstein gab hier interessante Ausschnitte aus den Hindernissen dieser Wahl im Vergleich zu den heutigen — denen dann im Jahre 1812 nach Errichtung des „Betzimmers" (nur so durfte das Gotteshaus genannt werden) zwölf „Repräsentanten" beigesellt wurden. Die Bilder der meisten von diesen grüßen uns noch heute im Sitzüngssaale unserer Gemeinde. In dieser Vertretung saßen Männer, welche nicht nur um die Bildung der Wiener Kultusgemeinde, sondern auch um die Industrialisierung Oesterreichs und um die moderne Umgestaltung des österreichischen Wirtschaftslebens sich die höchsten Verdienste errungen haben. Die bedeutendsten unter diesen Männern waren: Lazar Biedermann und lsak Low H o f m a n n, nachträglich von Hofmannsthal. Sie haben sich mit ihren Kollegen unaufhörlich bemüht, die Rechte dieser Vertretung, welche keineswegs als die einer schon bestehenden Gemeinde anzusehen war, weiter auszudehnen. Ihr Kampf scheiterte aber gleichfalls an dem Widerstande des Kaiser Franz, bis endlich Kaiser Franz Josef beim Empfang einer jüdischen Dankdeputation zum erstenmal das Wort „israelitische Gemeinde" aussprach. So wurde dann auf Grnud der Statuten vom Jahre 1852 und 1867 die Kultusgemeinde konstituiert* die in dem letzten Statut vom Jahre 1896 und in dem Staatsgrundgesetze, welches jeder Religionsgenossenschaft die selbständige Verwaltung ihrer Angelegenheiten überläßt, ihre dauernde rechtliche Grundlage fand. Schließlich legte Redner die Geschichte der Erbauung des Stadttempels dar, er zeigte, wie die Juden Wiens zunächst In abgelegen Gassen, in einzelnen dumplen, ekelerregenden, oft unterirdischen Betstuben ihrer Andacht obliegen mußten, wie es der Tatkraft Biedermanns gelang, eine kaiserliche Entschließung zu erwirken, durch welche der Ankauf des „Dampnnger-Hofes" am „Kienmarkt" (seit 1825 Sei'tenstettengasse genannt) erfolgte, wie zunächst nur ein „Betzimmer" errichtet werden dunte und wie dann endlich im Jahre 1826 im Hofe dieses Hauses nach Plänen des Architekten Josef Kornhäusl der gegenwärtige Tempel, allgemein als Juwel der Baukunst bezeichnet, erbaut wurde. Der Tempel wurde am 2. Nissan (damals 9. April) 1826 von lsak Noa Mannheimer, der nur als Religionslehrer und nicht als Rabbiner bestellt werden durfte, eingeweiht. Redner würdigt die große Persönlichkeit Mannheimers, der sich durch Einrichtung des gottesdienstlichen Ritus, der unter genauer Festhaltung der Tradition sich auch den modernen Anschauungen anschmiegte, ein die Jahrhunderte überdauerndes unsterbliches Verdienst um das Judentum erwarb. Aber Mannheimer war auch gleich groß als Verteidiger des Judentums und als unerschrockener Vorkämpfer für das gleiche Recht, das er mutig und beherzt noch als Abgeordneter des Kremsierer Reichstages gegen die Reaktion vertrat. Er gedenKt Protessor balomon Sulzer„§, des großen Reformators des bynagogengesanges. Der zweite Teil der ausgezeichneten Ausführungen Dr. Ornsteins galt dem Berichte der Lebenden an die Toten. Er besprach die großen Fursorgeanstalten der Gemeinde, die der Vorstand getreu den sozialen Lehren des Judentums und den Ueoerueterungen seiner Vorganger vom Beginne der judischen ueschiente an erhalt und immer weiter ausgestaltet. Lr waes auf das Rothschild-Spital, auf die Altersversorgungsanstalt und die aiechenansta 11, auf das Kinoerambulatorium im Augarten und andere Anstalten hin und auf die vielen Institutionen, die zwar durch private Hille wacherer üdiscner Männer errientet worden sind und erhalten werden, z. B. die Taubstummenanstalt, das Blindeninstitut, die Kinder bewahranstatt, das Llisabeth-Leiirmädenenneim, die secns Waisenhauser, das i-ehrlingsneim u. a. m., die aber seitens der Kuiiusgememoe zum teil tur den Bau ihrer Anstauen, als aucn lur die Crnaitung die nachhaltigste r-orderung und Unterstützung aiijaiiriicn eriahren. 6o£ Vereine aiier An werden von der iuutusgemeande subventioniert und aie Steuerträger mögen bedenken, aaü ein Gröüteil inrer Lei- Sengen — im letzten janre 1/ Miluaroen '— sozialen, kulturellen und humanitären Zwecken restlös zufließt. Nach diesem Ueoerblick erklärte Redner, daß das Wiener Judentum ebenso wie seine Väter, gestützt auf seine vielhundertjährige Verbundenheit mit unserem Vaterland, seine

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