Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 13 (22.3.1926)
- Date
- 1926-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-Mr. 13 Die WAHRHEif Sdft 5 Tempelchor unter Leitung des Chordirektors Josef Zellnik meisterhaft zum Vortrage gebracht, wurde der Gottesdienst eingeleitet. Oberkantor Mathias brachte den Psalm 24 und das Gebet beim Oeffnen und Schließen der Bundeslade in vorzüglicher Weise zum Vortrag. Die Empfindung, an demselben Orte dieselben Gebete vorzutragen, wie sie vor hundert Jahren der Größmeister Salomon S u 1 z e r bei der Einweihung des Gotteshauses vorgetragen hatte, spiegelte sich in der tiefen Ergriffenheit wieder, mit der die beiden Kantoren ihres frommen Amtes walteten, und diese Ergriffenheit übertrug sich auf alle, aus den Spitzen der Wiener Judenschaft bestehenden Festgäste, die den jubilierenden Stadttempel bis zum letzten Plätzchen füllte. Nun bestieg Herr Oberrabbiner Dr. H. P. .Chäjes die Kanzel und ergriff das Wort zur Festrede, der wir folgendes entnehmen: „Meine lieben Freunde! Lockend wäre die Aufgabe und reizvoll, in dieser Stunde das Jahrhundert vor eure Augen •- zu zaubern^ das heute zu Ende geht Man könnte Antithesen aufstellen und davon berichten, wie vor hundert Jahren kaum so viel Juden in dieser Stadt lebten, als heute die Synagoge füllen. Daß wir im Laufe des Jahrhunderts doch ungefähr bei der ersten Viertelmillion Juden angelangt sind, eine Entwicklung, wie sie. wenn man von amerikanischen Städten absieht, etwa wie in New York, das vor hundert Jahren noch tausend Juden hatte und heute eineinhalb Millionen zählt, einzig dasteht. Es wird sich in Europa kaum eine Gemeinde finden, die mit uns gleichen Schritt halten konnte. Man könnte davon erzählen, wie wir vor hundert Jahren Sklaven waren und daß wir heute doch freie Menschen sind. Gewiß, wir sind auch heute bedrückt, aber wir können uns verteidigen. Vor hundert Jahren durften wjr das nicht, denn was man uns gewährte, war Gnade und nicht unser Recht. In dem abgelaufenen Jahrhundert haben wir auf allen Gebieten des menschlichen Wissens führende Menschen iiervorgebracht. Es ist ein historisches Ereignis, das wir heute feiern, und es ist unsere Aufgabe, diesem Ereignis gerecht zu werden. Das historische Ereignis, das vor einem Jahrhundert Wirk- . lichkeit wurde, besteht darin, daß die geistigen Väter dieser Synagoge es ermöglicht haben, daß man hier die Geschichte von drei Jahrtausenden fühlen kann, daß man hier den Zusammenhang fühlt mit allen Geschlechtern, die vor uns waren, . und mit allen Juden, die mit uns leben. Redner sprach hierauf von dem Geist des aufgeklärten Absolutismus, der am Werke war., als man daran gingj die Synagoge zu errichten, und der vergeblich versuchte, die dem Zeitgeist© angepaßten Aenderungen im Gottesdienste hier durchzuführen. Er fuhr dann fort: Man sagt, die Juden unserer Zeit verstehen die hebräischen Gebete nicht mehr und sie haben auch ganz andere Gefühle und Gedanken, als die waren, die sich in unseren Gebeten spiegeln. Hätte man diesem Geiste Rechnung getragen, so gäbe es nicht nur ein modernes Sidur, sondern es müßte genau so viele geben, als es jüdische Menschen gibt. Was hier gebetet wurde, waren nicht Gebete einzelner Juden, es waren Gebete und Stimmungen des ganzen jüdischen Volkes. Jeder, der in dieses Haus kommt, muß sich hier heimisch fühlen. Sonst wird das Band zerrissen, das uns mit den Jahrtausenden und mit den Millionen Juden verbindet, die in allen Teilen der Welt leben. Wir können auffrischen!, das Chaos lichten, ' aber das Wesentliche muß bestehen bleiben; Vor hundert Jahren bestand die Gefahr, daß dieses Band, das uns mit den Juden der ganzen Welt und mit den Jahrtausenden der Geschichte verbindet, zerrissen wird. Hier in dieser Synagoge aber hat man es verstanden, nichts zu unternehmen, was irgendwie den Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte oder mit der jüdischen Gesamtheit unterbricht. Am Eingang dieser Synagoge steht der Psalm: Tretet ein durch dieses Tor mit Dankbarkeit, kommet in diese Hallen des Lobes. Wir empfinden diese Dankbarkeit für die Menschen, die vor hundert Jahren diese Synagoge mit dem Geiste des Judentums erfüllt haben, der sie heute noch erfüllt. Wir sind ihnen dankbar dafür, daß sie diese Brücke aufgefrischt haben, die von der Vergangenheit zur Zukunft führt. Auch spätere Geschlechter werden diese Brücke tragfähig finden und ruhigen und sicheren Schrittes darüber gehen." J3mBW& tä^mm mm \mmim 100 % reines Fett aus J&oÄos riüssen r^Z Mit Sulzers herrlichem „Adaun Aulora" schloß die imposante Tempelfeier. Die Festversammlung. Der religiösen Feier im Gotteshause folgte am 17. d. M. die vom Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde einberufene Festversammlung im Großen Sofiensaal. Knapp vor 8 Uhr wurden vom Präsidium und den Vorstandsmitgliedern im kleinen Sofiensaal der Bundespräsident Dr. Michael Hainisch, Bundeskanzler a. D. Polizeipräsident Johann Schober, Bundesminister für Unterricht Dr. Emil Schneider mit Gefolge erwartet und empfangen. Der Präsident der Kultusgemeind'e, Universitätsprofessor Dr. Alois Pick, überreichte dem Bundespräsidenten das erste Exemplar der aus Anlaß des Jubiläums herausgegebenen faksimilierten Statuten des „Bethauses in der Inneren Stadt". Der Große Sofiensaal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Nebst den Vertretern all jener Aemter und Behörden, mit welchen die Kultusgemeinde auf Grund ihres weiten Tätigkeitsgebietes in dienstlichem Verkehre steht, hatten sich die Vertreter aller österreichischen Kultusgemeinden, Abordnungen von 332 in Wien bestehenden Kultus- und Fürsorgeinstitutionen, Repräsentanten der Gelehrten- und Künstlerwelt, der Finanz, der Industrie und des Handels und der jüdischen Studentenschaft eingefunden. Unter Fanfarenklängen wurden der Bundespräsident und die Vertreter der Regierung von dem Präsidium und den Kultusvorstehern in den im Festschmuck prangenden Saal geleitet. An der Breitseite war ein Podium errichtet, auf welchem das Präsidium und die Mitglieder des Vertreter-KollegiuTns Platz nahmen. Das H a k o a h- Orchester, verstärkt durch Mitglieder der Wiener Philharmoniker, intonierte die Sakuntala-Ouverture von Karl Gold mark, dessen Andenken erst kürzlich von der Wiener Judenschaft durch die Errichtung eines Denkmals auf der am israelitischen Friedhofe befindlichen Be-